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Ljudmila Ulitzkaja Das andere Russland verstehen

An Russland verzweifeln: "Die Kehrseite des Himmels", politische und auch sehr persönliche Essays und Artikel der russischen Schriftstellerin Ljudmila Ulitzkaja.

Die russische Schriftstellerin Ljudmila Ulitzkaja. Foto: imago/ITAR-TASS

Natürlich gibt es sie in Russland: Menschen, die nicht d’accord gehen mit dem geopolitischen Großmachtgebaren Putins. Doch in Zeiten, da die Propagandamaschine heiß läuft und die Emotionen schnell hochkochen, haben nicht alle das Rückgrat, ihre kritische Haltung öffentlich zu machen.

Die Autorin Ljudmila Ulitzkaja hat es. Sie hat zwar einmal erklärt, sie könne Politik nicht leiden und äußere sich nur deshalb dazu, da sie durch die Umstände gezwungen werde. Doch nie hat sie einen Hehl daraus gemacht, dass sie rein gar nichts von Putins Politik hält. Im letzten Jahr veröffentlichte sie im „Spiegel“ einen Artikel zur Ukraine-Krise, der es an Deutlichkeit nicht fehlen lässt.

Doch wenngleich die derzeit in Russland Regierenden darin als „machtbesessene Wahnsinnige“ bezeichnet werden, ist es kein wütender, sondern ein in erster Linie sehr trauriger Text. Sie schäme sich für ihr Land, schreibt Ljudmila Ulitzkaja darin, und erklärt: „Ich fürchte, wir werden nie zur europäischen Völkerfamilie gehören.“

Ihr Fazit fällt niederschmetternd aus: „Dreihundert Jahre haben wir Kulturschaffenden uns aus denselben Quellen genährt – es waren auch unser Bach und unser Dante, unser Beethoven und unser Shakespeare – und nie die Hoffnung aufgegeben. Heute können wir (…) nur noch eines sagen: Leb wohl, Europa!“ Da die Autorin gemeinhin nicht zur rhetorischen Übertreibung neigt, ist anzunehmen, dass sie diesen fatalistischen Ausblick tatsächlich ernst meint.

Auch der „Spiegel“-Beitrag ist in dem Band mit Artikeln, Essays und autobiografischen Texten enthalten, den der Hanser Verlag soeben unter dem Titel „Die Kehrseite des Himmels“ herausgebracht hat (der Erscheinungstag, der 23. Februar, fiel mit Ulitzkajas 72. Geburtstag zusammen). Tatsächlich ist eine eher geringe Anzahl der hier versammelten Texte dezidiert politisch.

Die kulturlosen Protz-Oligarchen bekommen ihr Fett weg, aber auf Michail Chodorkowskij, der sein Geld, als er noch genug davon hatte, in zahlreiche soziale Projekte gesteckt hat, lässt die Autorin nichts kommen. In einem anderen Text berichtet sie von einem Besuch in einem Straflager für Jugendliche und den unwürdigen Verhältnissen dort (die sich aber, so Ulitzkaja in einer Nachbemerkung, mittlerweile doch gebessert hätten). Ein Text zum entsetzlichen Ende der Geiselnahmen in Beslan und im Moskauer Dubrowka-Theater wiederum ist zwar den staatlichen Organen gegenüber kritisch, aber im Ton eher verhalten.

Die Rolle einer politischen Kommentatorin oder Analystin nimmt Ulitzkaja an keiner Stelle an. Ihre Position ist die einer sich beteiligt fühlenden Beobachterin, die durchaus politische Ansichten hat, diesen aber nicht in der Form bissiger analytischer Kommentare Ausdruck verleiht, sondern durchgängig von einer rein menschlichen Warte aus argumentiert.

„Kulturnost“ als Haltung

Aus all ihren Texten spricht eine Haltung, die im Russischen unübersetzbar als „kulturnost‘“ bezeichnet wird, eine Mischung aus Kultiviertheit, Zivilisiertheit und Toleranz im Umgang miteinander, wie sie in Russland derzeit vielleicht nicht ganz so hoch im Kurs steht.

Der überwiegende Teil der Texte trägt sehr persönlichen Charakter, auch wenn gar nicht so viele davon als unmittelbar autobiografisch bezeichnet werden können. Implizit handeln sämtliche Ausführungen immer auch von der heutigen russischen Gesellschaft und den Themen, die diese bewegen – ob nun von Nabokov die Rede ist oder von Mandelstam, von Politik oder Religion, von Freundinnen oder von dem Weltkriegsveteranen, der nebenan wohnt.

Dabei sind die Texte durchaus von unterschiedlicher Qualität. Manches ist wohl in einem Zug heruntergeschrieben worden; anderes wirkt sorgsam durchdacht. Hie und da schimmert ein Hang ins Esoterische durch. Den stärksten Eindruck hinterlassen die privatesten Texte, etwa Ulitzkajas schöne Hommage an ihren Ehemann, den Künstler Andrej Krassulin, oder die sehr sachlichen Aufzeichnungen, die sie über ihre eigene, erst wenige Jahre zurückliegende Krebserkrankung schrieb, und in denen sie angesichts der Möglichkeit eines baldigen Todes um so mehr das Leben feiert.

Gerade diese gewisse, durchaus spannungsvolle Disparatheit, was die Themenbreite und den Grad der gedanklichen Stringenz betrifft, macht die Textsammlung in hohem Maße lesenswert. Es sind sämtlich Aufzeichnungen einer lebenserfahrenen Frau, die genau weiß, wie politisch – zumal in Russland – das Private sein kann. Sie nimmt ein mit ihrer Unverstelltheit und Offenheit.

Aber ihre pessimistische Einschätzung über die kulturelle Zukunft ihres Landes will man, auch und gerade nach Lektüre ihrer Texte, wirklich nicht teilen. So lange es unabhängig denkende Menschen von diesem Schlage in Russland gibt, wird Russland natürlich immer zu Europa gehören. Jedenfalls ein Teil davon.

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