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Lizzie Borden Ein Vorhang aus heißem Zorn

„Seht, was ich getan habe“, Sarah Schmidts Roman über die berühmte Axtmörderin Lizzie Borden.

Lizzie Borden
Die echte Lizzie Borden. Foto: Imago

Die 1860 in Fall River, Massachusetts, geborene Lizzie Borden war vielleicht die allererste Mörderin, die es zu medialer Berühmtheit brachte. Wenn sie denn eine Mörderin war – wovon jedenfalls die Jury trotz einer Reihe von Indizien nicht ausging, die sie ein knappes Jahr nach den Axtmorden an Lizzies Vater und Stiefmutter freisprach. Es entstand seitdem einiges an Lizzie-Borden-Literatur (dokumentarische wie fiktive), der Popsong „She Took an Axe“, eine Lizzie-Puppe, ein Ballett, eine amerikanische Heavy-Metal-Band, die sich nach ihr benannte, eine TV-Serie mit Christina Ricci in der Hauptrolle. Außerdem ein makaberer Kinderreim: „Lizzie Borden took an axe/And gave her mother forty whacks/And when she saw what she had done,/She gave her father forty-one.“

Lizzie hatte eine 1851 geborene Schwester, Emma, und dass die beiden mit Anfang dreißig beziehungsweise Anfang vierzig noch im Elternhaus lebten, trug sicher zu Spekulationen über die seltsame Familiensituation bei. Keineswegs weit hergeholt erscheint danach eine einerseits infantile, andererseits von Streit und Psychoterror geprägte Bezeihungs- und Gefühls-Struktur, wie sie die Australierin Sarah Schmidt in ihrem Debütroman „Seht, was ich getan habe“ in den Mittelpunkt stellt.

Sarah Schmidt verteilt die Geschichte auf vier Stimmen, konzentriert sie gleichzeitig auf den 3. bis 6. August 1892. Das heißt, abgesehen von einem 1905 spielenden Kapitel, das erklären soll, warum Emma – so wurde es in der Tat auch berichtet – in diesem Jahr Knall auf Fall auszog und ihre Schwester allein ließ im Haus.

Schmidts Erzähler-Quartett besteht aus Lizzie, Emma, dem irischen Hausmädchen Bridget (wie sehnt sie sich nach ihrer kühlen, freundlichen Heimat) und aus Benjamin, einem Gewalttäter mit eigener brutaler, fataler Familiengeschichte. John, Onkel der jungen Frauen, Bruder von Andrew Bordens erster Frau, dubios und skrupellos, beauftragt ihn, Andrew eine Lektion zu erteilen. Dazu kommt es dann nicht – obwohl Benjamin allemal und allemal gern gewaltbereit ist – weil Lizzie ihm zuvorkommt. Doch ausgerechnet die einzige komplett fiktive Figur ist ein Schwachpunkt in einem sonst beeindruckend dichten, beeindruckend klaustrophobischen Roman: Ungewiss, was für eine Rolle genau Sarah Schmidt dem jungen Mann zugedacht hat, der sich so gern das Blut von den Fingern leckt. Sein Blick von schräg außen aufs höllische Gemisch der Bordenschen Seelenlagen ist ziemlich überflüssig.

Denn auch so schaudert einen gehörig angesichts dieses seit einem Einbruch stets abgeschlossenen, allerlei Gerüche (Kotze, Schweiß, überreife Birnen, Hammelfleisch, Pilziges) enthaltenden Hauses und seiner in Liebe und Hass – und in gegenseitiger Angst – verstrickten Bewohner.

Lizzie ist zwei, als ihre Mutter stirbt. Als sie fünf ist, heiratet ihr Vater, Andrew Borden, erneut. Bei Schmidt hat sich Stiefmutter Abby zumindest anfangs bemüht, das Vertrauen der Mädchen zu gewinnen, aber es reicht nicht. Die beiden verachten sie und fürchten den Vater. Emma ist außerdem sicher, dass die manipulative Lizzie sie nie loslassen wird; sie ist wie ein erschöpftes Tier unterm Familienjoch. Lizzie wiederum findet, Emma sollte in jeder Sekunde für sie da sein. Und Lizzie wünscht sich, dass der Vater wieder sagt wie früher: „Emma, sei lieb zu Lizzie.“

Vor allem und obwohl sie zuerst ihre Stiefmutter erschlägt, spielt sich das Drama zwischen Lizzie und ihrem Vater ab. Einst wurde sie verwöhnt, einst durfte sie nach Europa reisen, während ihre ältere Schwester zuhause bleiben musste. (Ein Stachel in Emmas Fleisch.) Jetzt schlägt er sie – eine erwachsene Frau – unvermittelt ins Gesicht, wenn sie ihn verärgert. Jetzt hackt er ihren geliebten Tauben die Köpfe ab, denn die Viecher schleppen seiner Meinung nach doch nur Krankheiten ein. In „Seht, was ich getan habe“ ist das der Tropfen, der Lizzies Hass zu einem mörderischen macht.

Im obersten Stockwerk liegt in dieser Stunde Dienstbotin Bridget in ihrem Bett, wie Andrew und Abby ist ihr vom Tage alten Hammeleintopf schlecht, und hört Schläge, die sie nicht recht zuordnen kann: „Tschock. Tschock. (…) Tschock, die Luft stand still“. Da wollte doch Bridget diesem gespenstischen, mit Abneigungen und Schlimmerem gesättigten Haushalt schon längst den Rücken gekehrt haben. „Ach, aber es war heiß da oben in der Mansarde, als wäre der Zorn bis zum Dach entflammt und hing nun da wie ein Vorhang.“

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