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Liza Cody „Miss Terry“ Und alle Rassisten springen auf

Erschreckend hellsichtig: Liza Codys jetzt auf Deutsch erschienener Roman „Miss Terry“ über eine Frau im Strudel britischer Fremdenfeindlichkeit.

Dann stürzt sich „Miss Terry“ aus Angst sogar in den Fluss ... Foto: REUTERS

Tage- oder eher nächtelang beobachtet Nita Tehri, wie sich der Inhalt eines Containers vor ihrem Haus verändert (es wird gentrifiziert), wie Schutt dazukommt, Ex-Weihnachtsbäume reingeworfen werden, Türen, Öfen, wie dafür anderes verschwindet. Dann klingelt die Polizei an ihrer Tür. Im Container lag ein totes Baby, seine Hautfarbe macht sofort Nita verdächtig, die einzige ein bisschen dunklere Bewohnerin der ruhigen Londoner Sackgasse nahe dem Fluss. Gerade war es noch ganz nett in der Gurcott Road, jetzt springen die Rassisten wie kleine Teufelchen aus ihren Boxen. Nita Tehri – Londons Alteinwohner sagen Miss Terry zu ihr – wird geschnitten, beschimpft, bespuckt, wird von der Grundschule beurlaubt, an der sie unterrichtet (dem Direktor tut es furchtbar leid, sagt er), jemand legt eine Babypuppe vor ihre Tür, ihre „Haut hatte die Farbe von heller Schokolade“, ein Nagel ist durch ihren Mund getrieben.

Die britische Autorin Liza Cody – das Pseudonym der 1944 geborenen Liza Nassim, die selbst kanadisch-indische Wurzeln hat – zeichnet sich durch Einfühlungsvermögen in die unterschiedlichsten Milieus und Figuren aus. Ihre Detektivin Eva Wylie ist eine ehemalige Profiwrestlerin, den Deutschen Krimipreis erhielt Cody 2015 für den Obdachlosen-Krimi „Lady Bag“.

Nun erzählt sie von einer jungen Frau zwischen Baum und Borke. Nita, die sich in der Anonymität Londons auch vor ihrem gewalttätigen Mann und ihrem Vater versteckt (später wird sie, die Nichtschwimmerin, aus Angst vor ihnen sogar in den Fluss springen), möchte doch nur in Ruhe gelassen werden. Dann aber steht „WAS NU BRAUNE KUH“ auf einem Päckchen an sie. Dann bleiben ihr als Verbündete nur noch die beiden homosexuellen Nachbarn, Toby und Leo – wahrscheinlich, weil sie nachfühlen können wie es ist, ausgegrenzt und verachtet zu werden.

Die Krimihandlung steuert irgendwann ziemlich offensichtlich auf ein Happyend zu, der Cop wird zum Good Cop, der reiche Immobilienhai zeigt Mitgefühl. Das macht „Miss Terry“ am Ende harmloser, als dieser Roman sein müsste. Doch hat er andererseits ein starkes, überzeugendes Zentrum, gleichsam ein kräftig schlagendes Herz: Es ist diese junge Frau mit Wurzeln in einer anderen Kultur, die doch manchmal Mühe hat, sich von traditionellen Vorstellungen zu lösen, die mutig ist und verzweifelt, stolz auf sich (denn hat sie es nicht zu einer Eigentumswohnung gebracht?) und klein und verunsichert. Sie kann es nicht glauben, dass sich eine Lehrerkollegin auf ihre Seite stellt, sie traut sich kaum, die Hilfe anzunehmen, sie war doch auch immer Einzelkämpferin.

Liza Cody lässt in der stillen, unauffälligen Straße an der Themse alle Hässlichkeit und jede Variante der Fremdenfeindlichkeit ausbrechen. Und es hilft nicht, dass Nita Tehri Lehrerin ist – es macht die Sache nur schlimmer, dass sie gebildeter, „privilegierter“ ist als die meisten ihrer Peiniger. „Die reizende Nita“ (so die Überschrift des ersten Kapitels) war doch gerade noch ein Paradebeispiel gelungener Integration; nun muss sie fürchten, bald Job und Wohnung los zu sein.

„Miss Terry“ erschien im Original bereits vor vier Jahren, als der Brexit und die Attacken zum Beispiel auf polnische Arbeiter in England noch kein Thema waren. Manches liest sich nun erschreckend hellsichtig.

Liza Cody: Miss Terry. Deutsch von Grundmann & Laudan. Argument Verlag, Hamburg 2016. 288 S., 17 Euro.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Brexit

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