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Literaturwettbewerb Die Arche im Heimathafen

Der 26. Open Mike in Berlin zeigt gute Aussichten für die deutsche Literatur, braucht aber neue Förderer.

Ulf Stolterfoth soll eigentlich die erste Autorin des Wettbewerbs ankündigen, doch was macht er? Er wendet sich an alle, die er nicht ausgewählt hat. Er ermutigt sie, es doch im nächsten Jahr wieder zu versuchen. So nett geht es beim Open Mike zu, dem Wettbewerb für junge Literatur, der an diesem Wochenende seine 26. Ausgabe erlebte.

Am Sonntagnachmittag wurden die Gewinner verkündet: Yade Yasemin Önder (Wiesbaden und Berlin) erhielt den Open Mike für ihre Prosa, zwei Preise gab es für die Lyrik von Kyrill Constantinides Tank (München) und Lara Rüter (Leipzig). Alle sind mit je 2500 Euro dotiert. Den Preis der taz-Publikumsjury erhielt Caren Jeß aus Schleswig-Holstein für „Die Ballade von Schloss Blutenburg“.

Sie kennen diese Namen nicht? Das wird sich ändern. Ulf Stolterfoth, der in diesem Jahr mit anderen Vorjuroren aus rund 500 Einsendungen zwanzig heraussuchte, gehört ja auch schon lange zu den wichtigen lyrischen Stimmen in Deutschland. Er gewann 1994 beim Open Mike. Und Lucy Fricke, Preisträgerin von 2005, hat seither vier Romane veröffentlicht und für ihren jüngsten, „Töchter“, gerade den Bayerischen Buchpreis erhalten. Fricke musste nun genau zuhören: Sie saß neben Katja Lange-Müller und Steffen Popp in der Preis-Jury.

Der vom Haus der Poesie und der Crespo Foundation ausgerichtete Wettbewerb ist offen für deutschsprachige Autorinnen und Autoren, die nicht älter sind als 35 Jahre und noch kein Buch veröffentlicht haben. Deshalb ist er so interessant. Man weiß nicht, was man zu hören bekommt, wenn man den gut gefüllten Saal des Heimathafen Neukölln betritt. Die meisten Texte klingen bereits erstaunlich versiert, kaum innerlich. Einige streifen Themen, die gerade akut sind.

Die prämierte Yade Yasemin Önder holt in ihren „bulimieminiaturen“ in konsequenter Kleinschreibung Rollenmuster hervor und zerlegt sie in oft provokantem Ton. „Die Uninteressierten“ von Sven Pfitzenmeier durchstreifen nachts eine Kleinstadt, Freude finden sie höchstens beim Trinken. Bei Grit Krüger erzählt eine Frau kühl von sich und ihren Kolleginnen, die in Social-Media-Kanälen nach Bildern suchen, die aus moralischen oder politischen Gründen gelöscht werden sollen. Und Caren Jeß lockt frech zwischen Formstrenge und Erzählerfreiheit wechselnd, in ein Gruselschloss.

Fünfzehn Minuten Lesezeit hat jeder, wird sie überschritten, klingelt der Wecker, hieß es anfangs drohend. Der war nie zu hören. Manch einer hat noch fix Streichungen vorgenommen im Text, der bereits in einem Taschenbuch (Allitera Verlag) vorliegt. Die Lesenden haben zwar noch keine Bücher veröffentlicht, aber etwa ein Drittel von ihnen hat Literarisches Schreiben studiert, in Leipzig oder Hildesheim. Manche wissen sehr gut, wie man ein Publikum mit Pointen gewinnt. Ulkig ist zum Beispiel das Mischungsverhältnis der neuen Arche, die der jüngste Teilnehmer des Feldes, Lennart Schaefer, bauen lässt – ohne Katzen und Nacktmulle.

Nachlesen, wie der Wettbewerb war, kann man übrigens auch im Blog, das parallel zu den Lesungen mit Bildern, Zitaten und Kurzeinschätzungen gefüttert wurde.

Der Open Mike ist heute für Verlage so interessant wie der ältere Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb im Sommer – als Leistungsschau noch weitgehend unerprobter Stimmen. Aber eine Veränderung steht an. Die Crespo Foundation, die seit 2006 den Wettbewerb und auch eine Lesereise der Gewinner finanziert, zieht sich zurück, um sich um einen neuen, selbstgeschaffenen Literaturpreis zu kümmern, Thomas Wohlfahrt, Leiter des Hauses der Poesie, informierte darüber zusammen mit dem Geschäftsführer der Stiftung. 2019 wird es noch sein wie bisher, dann muss ein neuer Partner her. Wer also hat Geld für junge Literatur?

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