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Literaturnobelpreis Eine Akademie zerlegt sich selbst

Sexuelle Übergriffe, Geheimnisverrat, Intrigen – der Skandal rund um den Literaturnobelpreis zieht Kreise: 2018 wird kein Literaturnobelpreis vergeben.

Journalisten warten auf die Bekanntgabe des Preisträgers
Die Schwedische Akademie steht bei Wahl und Vergabe des Literaturnobelpreises im Zentrum der Aufmerksamkeit. Foto: afp

Die Schwedische Akademie, gegründet 1786, ist eine der ältesten und wichtigsten Kulturinstitutionen der Welt. Sie hat Kriege überstanden, innere Zerwürfnisse überwunden, äußerem Druck getrotzt. Vor allem aber hat sie seit 1901 zuverlässig den Nobelpreis in Literatur verliehen und damit den Ruf des kleinen Schwedens als einer der wichtigsten Kulturnationen manifestiert. Doch nun hat sich die ehrwürdige Institution so tief in einen Skandal verstrickt, dass die Zukunft des bedeutendsten Literaturpreises der Welt in Frage steht.

„Der Preisträger von 2018 wird parallel mit dem Preisträger von 2019 benannt und bekanntgegeben“, teilte die Akademie am Freitag mit. Der kommissarische Sekretär Anders Olsson erklärte: „Wir haben den Beschluss aus Respekt für die Preisträger getroffen.“ Mit anderen Worten: Der Ruf der Akademie ist so schwer beschädigt, dass man derzeit keinen namhaften Schriftsteller mit dem Nobelpreis belästigen möchte.

Buchbranche reagiert verschnupft  

In Literaturkreisen wurde die Entscheidung trotz ihrer Drastik wohlwollend aufgenommen. „Die ganze Buchbranche steht da wie ein Kind, das erfährt, sein Geburtstag sei aufs nächste Jahr verschoben worden“, sagte Jo Lendle der Frankfurter Rundschau (siehe Interview), dessen Hanser-Verlag die Werke zahlreicher Nobelpreisträger herausgibt. „Wenn Aufarbeitung und Neujustierung nun gelingen, kann der Preis sogar gestärkt herauskommen.“ Auch der schwedische Verleger und Kulturjournalist Svante Weyler sagte der FR: „Für die Akademie war diese Entscheidung richtig. Aber für die Literatur war sie falsch.“

Die Vergabe des Nobelpreises sei wichtiger als die Befindlichkeiten der Institution, die ihn vergibt, argumentiert Weyler. „Es wäre besser gewesen, wenn die Akademie ihre Schwäche eingeräumt und Hilfe von außen geholt hätte.“

Sexuelle Übergriffe des Fotografen Arnault  

Es ist keine übertriebene Zuspitzung, dass die Akademie und damit der Nobelpreis zum Opfer eines Grabschers geworden sind – und zum Opfer ihrer vollkommenen Unfähigkeit, mit der Affäre angemessen umzugehen, die er verursachte. Es geht um den Fotografen Jean-Claude Arnault, Ehemann der Schriftstellerin Katarina Frostenson, die der Akademie angehört. Im November veröffentlichte die Tageszeitung „Dagens Nyheter“ die Berichte von 18 Frauen, die schilderten, wie Arnault sie sexuell belästigt und missbraucht hatte. Einen Monat zuvor hatten gleiche Anschuldigungen gegen den US-Filmproduzenten Harvey Weinstein die weltweite #metoo-Kampagne ausgelöst.

Die Vorwürfe gegen Arnault reichten bis zur Vergewaltigung, mehrere Übergriffe fanden in aller Öffentlichkeit statt und wurden von prominenten Kulturpersönlichkeiten bezeugt. Doch jahrzehntelang gebot ihm offenbar niemand Einhalt – auch nicht die Mitglieder der Akademie, die seinen Kulturclub in der Stockholmer Innenstadt finanziell förderten. Eine von ihr beauftragte Anwaltskanzlei empfahl der Akademie inzwischen, Anzeige gegen Arnault zu erstatten, unter anderem wegen Steuerdelikten. Arnault bestreitet strafbare Handlungen. Die Staatsanwaltschaft stellte die Ermittlungen wegen der Sexualdelikte ein.

Akademie unfähig, mit einem Skandal umzugehen 

In dieser akuten Krise agierten die 17 aktiven Mitglieder der Akademie jedoch nicht etwa geschlossen, wie es dem verschwiegenen Kreis sonst zueigen ist. Stattdessen bildeten sich zwei Lager, deren Vertreter einander über die Medien attackierten und ein öffentliches Drama darboten, wie es der Kulturbetrieb lange nicht erlebt hat.

Der Lyriker Horace Engdahl, ein Freund Arnaults, warf der Ständigen Sekretärin Sara Danius vor, sie führe ihr Amt so schlecht wie keiner ihrer Vorgänger seit 1786. Danius trat zwei Tage später zurück. Sie hatte einen transparenten Umgang mit der Affäre gefordert und eine Untersuchung veranlasst.

Sieben weitere Mitglieder verließen die Akademie, darunter der frühere Ständige Sekretär Peter Englund, der noch im Dezember 2017 die Probleme relativiert und gesagt hatte: „Wir haben genug Erfahrungen mit Krisen in der Akademie.“

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Nobelpreis

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