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Literaturm Er ist auch ein anderer und fährt U-Bahn

Marcel Beyer, Francis Nenik, Hasso Grabner, Anthony McCarten und Jack Kerouac beim Festival Literaturm.

Im 28. Stock verliert man interessanterweise sofort die Übersicht. Es ist ja nicht möglich, dass es so tief runtergeht, auch sieht Frankfurt in echt ganz anders aus. Der Panoramablick ist wie eine Fototapete. Angsthasen setzen sich trotzdem nach innen. Gewöhnlich in fünfstöckigen Gebäuden tätige Helfer suchen ein Fenster zum Öffnen, denn es ist zwar angenehm kühl, aber auch der Luft traut man nicht recht. Es zeigen sich dann Seitenschlitze zur Lüftung. Ein sehr dünner Mensch könnte hindurch, sagt einer, ein sehr, sehr dünner. Hier kann man sich praktisch alles vorstellen.

Ein schönes, ein irre schönes Büro im Opernturm ist ein idealer Austragungsort beim Frankfurter Literaturm-Festival, wenn es gilt, das Publikum mit biografischen Fakten zu verwirren. Eine Biografie wirkt ja verhältnismäßig standfest, aber nicht mehr, wenn der Lyriker, Romancier und Büchnerpreisträger Marcel Beyer Francis Neniks Buch „Reise durch ein tragikomisches Jahrhundert“ (Voland & Quist) vorstellt.

Francis Nenik, ein Autor, der ganz im Verborgenen lebt, schreibt hier über einen Autor, der so vergessen ist, dass man auch an ihn vorerst nicht recht glauben kann. Unglaublich auch das Auf und Ab der Karriere von Hasso Grabner, der als Kommunist in der NS-Zeit erst im KZ Buchenwald saß, dann in die Strafdivision 999 kam und nach dem Krieg eine wechselreiche Karriere als Wirtschaftsfunktionär in der DDR erlebte; durch sämtliche Gassen dampfte, so Nenik, der seinerseits rasant und putzmunter schreibt. Besonders erfrischend ist die Passage, in der Grabner MDR-Intendant war und versuchte, mit nichts Radio zu machen. Privatpersonen sangen und „wenn es zu Ende war, mussten wir quasseln“. Das geschah offenbar so unkontrolliert und lebensnah, dass auch diese Zeit nur 49 Tage dauerte.

Die Karriere liest sich bei Francis Nenik enorm und zugleich provisorisch. Jedoch konnte Moderatorin Carolin Callies einen Roman Grabners hochhalten (den man allerdings nicht lesen müsse, so wieder Beyer). Wikipedia kennt Grabner ebenfalls. Wer dieser Tage aus welchen auch immer ein kleines Wahrnehmungsproblem hat, kann es trotzdem alles nicht glauben. Jedenfalls: nicht fassen.

Insofern war der Auftritt des Neuseeländers Anthony McCarten direkt im Anschluss fast übersichtlich. Hier der echte Autor, dort sein Roman „Jack“ (Diogenes), der gut recherchiert, aber natürlich nicht notwendigerweise verlässlich auf den Schriftsteller Kerouac eingeht. Der Schauspieler Isaak Dentler las auf Deutsch. Alle Veranstalter sollten sich aber merken, wie unerhört pfiffig es war, McCarten auf Englisch die Stimme des Roman-Kerouacs übernehmen zu lassen, ein deutsch-englischer Mix feinster Art. Zumal Moderator Ulrich Sonnenschein und McCarten dazwischen genau über diese Vermengung sprachen: Was vom Schriftsteller als Privatperson noch übrig bleibt, wenn Ich permanent ein anderer ist. Wie viel Freiheit nimmt sich McCarten, wenn er über eine Person schreibt, die es gegeben hat? Er sei kein Fotograf, sondern Maler, sagte McCarten. Und er könne nicht behaupten, Napoleon habe die Schlacht bei Waterloo gewonnen. Sonst aber schon einiges.

Auch erinnerte McCarten an eine Szene im von ihm geschriebenen Drehbuch zum Churchill-Film „Die dunkelste Stunde“: Churchill fährt U-Bahn. Ist Churchill U-Bahn gefahren? Das vergangene Jahr, so McCarten (der in London lebt), habe er damit verbracht, sich dafür zu verteidigen. Es hätte sein können, so McCarten, es gebe keinen Beweis dafür, dass es nicht so war. An Abenden wie diesen ist das wirklich die harmloseste Irritation von allen.

Festival Literaturm in Frankfurt: bis 10. Juni. www.literaturm.de

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