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Literaturfestival Existenzielles Versteckspiel

Christophe Boltanski und Josef Winkler bei Literaturm in Frankfurt.

Beim Literaturm-Festival in Frankfurt tun sich in diesem Jahr offenbar mehrfach reizvolle Verbindungen auf. Dann sollte man einfach sitzenbleiben, diesmal im Panoramasaal der Evangelischen Akademie am Römer, der seinen Namen verdient, allerdings bloß im vierten Stock ist.

Auch die Inhalte an diesem Abend: teils geerdet, teils auch regelrecht erdenschwer. Der französische Autor Christophe Boltanski – Sohn des Soziologen Luc, Neffe des Künstlers Christian Boltanski – erzählt in „Das Versteck“ (Hanser) vom Pariser Haus seiner Großeltern. Im Gespräch mit Ruthard Stäblein ging es um das vom Holocaust geprägte Leben der alten Boltanskis und um die Situation in einem Haus, das von der winzigen, körperlich beeinträchtigten Großmutter dominiert wurde, so sehr dominiert, dass Stäblein mit Blick auf Rotkäppchen kurz dem Irrtum unterlag, die Großmutter habe den Wolf verschlungen. Was beide der Boltanskischen Großmutter aber sehr wohl zutrauen wollten.

Ferner sprach Boltanski über die Schlamperei und die Kontraste im Haus. Ein Arzt, der bloß eine einzige Regel aufgestellt habe: sich nie zu waschen. Eine Großgrundbesitzerin, die der KP angehörte. Man sei großbürgerlich gewesen und habe gelebt wie ein Clochard. Birgitta Assheuer las die einschlägigen Passagen.

Die Versteckspiele, die das Literaturm-Thema Biografie bereits in verschiedenen Varianten mit sich brachte, waren hier weitgehend existenziell. Warum hat sich der jüdischstämmige Großvater für einen benötigten falschen Pass als Frau ablichten lassen, ein Miss-Marple-Foto, so Boltanski. Merkwürdig, wie die Intensität des Buches gerade damit zu tun hat, dass der Enkel keineswegs alles, nicht einmal viel weiß.

Überrascht wurde der Österreicher Josef Winkler vor einigen Jahren davon, dass der berüchtigte NS-Verbrecher Odilo Globocnik nach seinem Suizid im Mai 1945 auf dem Gemeindeacker seines Heimatdorfes Kamering verscharrt wurde. Keiner hatte ihm davon, all die Jahrzehnte nicht erzählt, obwohl alle Älteren davon gewusst haben mussten. Immer dieselben Kriegsgeschichten, kein Wort über Odilo Globocnik. Darum dreht sich, da hinein verbeißt sich Winklers Brief an seinen Vater, „Lass dich heimgeigen, Vater, oder Den Tod ins Herz mir schreibe“ (Suhrkamp). Sigrid Löffler hatte nach dem vertrauten Gespräch den Eindruck, es sei vielleicht zu österreichisch gewesen. Aber natürlich war das Publikum auf vertrautem Terrain, zumal Winklers Frankfurter Poetikvorlesungen (2007) nachhaltig waren.

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