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Literatur So lange sie nur wieder auftaucht

Jan Costin Wagners neuer Roman um den Polizisten Kimmo Joentaa erzählt von der Trauer und dem Weiterleben. Demnächst liest er in Frankfurt.

Jan Costin Wagner
Jan Costin Wagner Foto: imago

Für diesen Polizisten muss man sich langsam eine andere Berufsbezeichnung ausdenken, Menschenflüsterer zum Beispiel. Denn Kimmo Joentaa, nach dem Willen seines Erfinders Jan Costin Wagner im finnischen Turku zu Hause, sitzt diesmal allenfalls gedankenabwesend in seinem Büro, gibt allenfalls ein Gastspiel bei den Kollegen und beim Chef, der ihm ratlos nachruft: „Was soll das heißen, bis später?“ Dafür kümmert er sich. Mit bloßer Anwesenheit, mit Verständnis, mit Soße für die Nudeln, Minzeis, einem Baumhaus-Bau.

So schrecklich viele Verletzte kreuzen diesmal seinen Weg, Menschen, die durch die Tage und ihre Seele irren, weil sie einen nahen Angehörigen verloren haben. Aber wenn Kimmo Joentaa sich mit etwas auskennt, dann ist es die tonnenschwere Trauer. Sein Leben als fiktionale Figur beginnt schließlich damit (in „Eismond“), dass er seine Frau an den Krebs verliert. 

Manchmal spricht die Free des frühen Morgens zu ihm

„Sakari lernt, durch Wände zu gehen“, heißt dieser sechste, wieder sparsam und dicht geschriebene Kimmo-Joentaa-Roman Wagners. Aber der 19-jährige Sakari ist kein Zauberer, sondern psychisch krank. Manchmal glaubt er, dass er ein Engel ist. Oft glaubt er, dass Emma, das Mädchen, das durch seine Schuld ums Leben kam, eine Fee ist, die mit ihm spricht. Er nennt sie Fee des frühen Morgens. Einige Jahre nach dem Unfall und Emmas Tod zieht Sakari sich an einem heißen Sommertag aus, steigt in Turku in den Stadtbrunnen, beginnt, sich mit einem Messer selbst zu verletzen. Kimmos Kollege Petri fühlt sich von dem nackten, blutenden jungen Mann bedroht – und erschießt ihn. Bekommt dann furchtbare Schuldgefühle. 

Weil Petri ihn darum bittet, fährt Kimmo zu Sakaris Familie, stellt Fragen, sieht plötzlich Unbegreifliches, stürzt sich ins brennende Nachbarhaus. Dort lebt noch die Mutter Emmas, Leena Nystad, und pflegt eine Online-Gedenkseite, dort leben noch die beiden Geschwister Eric und David. Der Vater, Stefan, ist lang schon ausgezogen. 

Jan Costin Wagner wechselt, manchmal nach einer Seite schon, die Perspektive. Schreibt zur Orientierung die Namen derer drüber, aus deren Sicht nun (wenn auch nicht in der Ich-Form) geschrieben wird: Petri und Kimmo, Sakari und Stefan und David, Leena und zuletzt auch Emma. „Sie legt sich hin, auf das Handtuch, schließt die Augen, vergisst die Zeit“, während Sakari für sie beide Eis holen geht. Wenige Tage später wird er die Kontrolle über das Motorrad verlieren. 

„Sakari lernt, durch Wände zu gehen“ ist kaum noch ein Krimi (auch die Vorgänger waren das nicht), vielmehr ein schmaler Roman über den Verlust, Schmerz, das Weiterleben, manchmal an sehr dünnem Rettungsfaden. Es gibt nicht viel zu ermitteln. Petri muss sich vernehmen lassen, aber es wird wohl auf Notwehr entschieden werden. Die Brandspezialistin schaut sich das Haus der Nystads an, kommt aber zu keinem Schluss. Kimmo kauft im Baumarkt ein, damit David ein neues Baumhaus bekommt. 

Alle helfen da ein bisschen mit. Aber Jan Costin Wagner klebt seinem dunklen Roman kein Happy End an. Sondern erzählt von einem fragilen Moment des Glücks, der Kimmo Joentaa zu verdanken ist. Der, wenn seine in der Sommersonne leuchtende und lachende Tochter Sanna ins Wasser des Sees springt, immer nur darauf wartet, dass sie wieder auftaucht. 

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