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Literatur-Shootingstar Zadie Smith Wofür es sich zu leben lohnt

Von der Schönheit ist einer jener zartbitteren Titel, die Sehnsüchte nach Welterklärung wecken. Nicht von allen Menschen möchte man sich die Welt erklären

05.09.2006 00:09
INSA WILKE
Seit die 1975 bei London geborene Zadie Smith ihren Roman "Zähne zeigen" vorlegte, gilt sie als Shootingstar am britischen Literaturhimmel. Es folgten der Roman "Der Autogrammjäger" und jetzt "Von der Schönheit". Der Roman wurde aus dem Englischen von Marcus Ingendaay übersetzt, erscheint bei Kiepenheuer & Witsch in Köln, hat 512 Seiten und kostet 22,90 Euro. Foto: ap

Von der Schönheit ist einer jener zartbitteren Titel, die Sehnsüchte nach Welterklärung wecken. Nicht von allen Menschen möchte man sich die Welt erklären lassen. Aber Zadie Smith, im Jahr 2000 mit dem Roman Zähne zeigen glitzernd am britischen Dichter-Firmament aufgestiegen, gehört bestimmt dazu. Ihren neuen Roman hat sie nach eigenen Angaben in Massachusetts geträumt. Wer sich von ihm Erkenntnisse über das Wesen des Schönen verspricht, der wird vielleicht sagen, Smith halte nicht, was sie im Titel verspreche. Das mag daran liegen, dass dieser klugen Autorin so viel an den Menschen und ihren verschiedenen Lebensentwürfen liegt, aber so wenig an Festsetzungen und daran, Recht zu behalten.

"Es versteht sich von selbst, dass mein ganzes Werk auf die eine oder andere Weise dem großen E.M. Forster verpflichtet ist", schreibt Smith unverblümt und enthebt etwaige Forschende der Mühe, Bezüge herzustellen, indem sie ihren Roman ganz offen über das Grundgerüst von Forsters Wiedersehen in Howards End legt. Handlungsort ist bei ihr nicht das nach-viktorianische England, sondern Wellington, ein kleines, elitäres, vorwiegend von weißen Amerikanern bewohntes Universitätsstädtchen in der Nähe Bostons. Das Aufeinanderprallen von konservativen Kreisen der besseren Gesellschaft und einem liberalen Denken, wie es zu Forsters Zeit die Gruppe um Virginia Woolf prägte, überträgt Smith auf das amerikanische Akademiker-Milieu der Gegenwart, das ihr wohlvertraut ist.

Ironie, Pathos, Komik und Ernst

Wie bei Forster personifizieren zwei Familien, die nach völlig unterschiedlichen Mustern leben, die politisch konträren Seiten. Als Leuchttürme ragen die Familien Belsey und Kipps aus der Vielzahl der Themen und Perspektiven, durch die sich der Roman allerdings von der ruhigeren Vorlage unterscheidet. Forsters Plot ist bei Smith der Herd, auf dem viele Suppen kochen. Die Feindschaft der Familienväter, beide Professoren für Kunstgeschichte, beruht auf einem Disput über Belseys Lebensprojekt "Wider den Rembrandt" und Kipps Apologie des Geniebegriffs. Die Fragen der Kunst und Kunsttheorie spiegeln jedoch nur die tiefere Abneigung des schwarzen, stockkonservativen Monty Kipps und des weißen, engagiert linkspolitischen Howard Belsey, dessen Frau Kiki ebenfalls schwarz ist. Am Ende sind die ausgestellten Überzeugungen demaskiert, und die Frage nach der Berechtigung, politische Überzeugungen an eine Hautfarbe zu schweißen, hängt im Raum.

Smith plädiert, mit Thomas Brasch gesprochen, für einen "kräftigen Umgang mit den Vorbildern bis in die Zitate": Aus der klassischen Melodie Forsters wird bei ihr ein verblüffend melodiöser Rap, der Forster-Sätze ("Man kann eigentlich ebenso gut auch gleich mit Helens Briefen an ihre Schwester beginnen") und Motive aus Wiedersehen in Howards End wie Ehebruch, Erbstreit und familiäre Konstellationen zitiert. "Für Engländer ist Comedy eine sehr ernste Sache", sagte Smith vor kurzem in einem Interview. Dies gilt auch für ihren Umgang mit dem verehrten Vorbild: So spielerisch er scheint, so eine ehrliche Hommage ist er auch, eine Hommage gerade deshalb, weil Smith Forsters Anliegen in ihren eigenen Worten neu formuliert: Wie und wofür leben die Menschen ihr Leben?

Carlene Kipps widmet ihr Leben ihrem Mann, Howard Belsey bastelt an der Entfernung von seinen Wurzeln, sein jüngster Sohn Levi versucht, mittels "Touchfist" und der Unterstützung anderer "brothers" zu seinen Ursprüngen zurück zu finden. Die Erzählinstanz wertet diese Versuche nicht und zeigt den Einzelnen auf der Suche nach Orientierung in den sich überblendenden Macht- und Identitätsdiskursen, die sich um Kategorien wie Geschlecht, Hautfarbe, Bildung oder auch Aussehen winden. Wie schon in Zähne zeigen und Der Autogrammhändler zieht Smith die Fäden der einzelnen Handlungen am Ende in einer atemlosen, dramatischen Steigerung zusammen.

Von Forster habe sie gelernt, wie man Charaktere anlege. "Rund" nämlich, in dem Sinne, dass jede Figur zu überraschenden Wendungen fähig ist. Es ist vor allem diese Stimme von Smith, die unnachahmlich ist: warm und distanziert, bloßstellend und Sympathie bekundend, ungerührt und amüsiert. Der Leser schwingt mit und lehnt zum Beispiel den Ehrgeiz und das mangelnde Feingefühl von Zora Belsey ab, bewundert sie aber für ihre durchschlagende Zielstrebigkeit und leidet mit ihr in ihrem Körper und den Zwängen des Schönheitsideals, gegen dessen Macht auch die "Walküre der Wahlwiederholung" nicht ankommt. Das arrogante Gehabe der angehenden Intellektuellen um Zora - "Was waren sie toll!" - sieht Smith auch in seiner rührenden Verletzlichkeit: "Und so geschah es, das tägliche Wunder, dass aus bloßer Zugehörigkeit zu einer Gruppe die vielblütige Blume des In-der-Welt-Seins erwuchs - nicht so schwer, wie sie gedacht hatte, aber auch nicht so leicht wie es aussah."

Die ganz eigene Mischung aus Ernst und Komik, Pathos und Ironie, mit der Smith ihre Figuren oder auch Passagen wie die Liebesszenen modelliert, findet ihre Entsprechung in der Sprache. Levis Slang harmoniert in seiner Eigengesetzlichkeit mit Zoras verrückter Hochsprache, die selbst den Dekan der philosophischen Fakultät zum etymologischen Wörterbuch hechten lässt. Eigenartig pathetische Sätze wie "Unheimlich gerührt nahm Kiki seine Hand und führte ihn hinaus in den Garten, um die erwachende Natur zu betrachten" bremsen das Tempo der Dialoge. Das Gewimmel von unechten Phrasen, pathetischen Redewendungen und dem inflationär gebrauchten "Schatz" ist ungewohnt. Es ist dem amerikanischen Ton geschuldet, vermutlich nicht leicht ohne einen irritierenden oder verstärkt komischen Effekt zu übersetzen und daher mitunter im Deutschen etwas befremdlich.

Ein weiterer Beweis

Zadie Smith nennt ihre Romane "messy" und meint damit einen Stil, der zugleich Stärke und Schwäche bedeutet. Einerseits scheint diese Fülle von Perspektiven, das Fehlen gerader Linien und klarer Urteile ihrem dichterischen Selbstverständnis und auch einer bestimmten Weltsicht zu entsprechen. Für den Leser ist dieses vitale Erzählen, das so gekonnt die Spannung von Komik und tiefem Ernst hält, ein Hochgenuss. Andererseits aber drohen durch dieses Verfahren Wiederholungen, die auf den ersten Blick ob der Fülle nicht erkennbar sind. Schaut man genau hin, so erscheint Von der Schönheit als Variation von Zähne zeigen. Die Konstellationen zwischen den Chalfens und den Familien von Archie und Samad ähneln denen der Belseys und der Kipps. Auch die Identitätssuche der Jüngeren klingt verwandt.

Das schmälert Von der Schönheit noch nicht, denn trotz allem wird hier eine andere Geschichte mit neuen literarischen und sprachlichen Mitteln erzählt. Doch ahnt man, dass diese Autorin gerade erst am Beginn der Entwicklung ihrer Ausdrucksfähigkeiten steht. Die Suchbewegung vom großen Erfolg über den experimentelleren Autogrammhändler bis zur Rückkehr zur konzentrierteren Form in Von der Schönheit ist deutlich. Dass sie sich dieser Tatsache bewusst ist, macht Zadie Smith so sympathisch. Klarer als den Medien scheint ihr zu sein, dass sie sich in einem Lernprozess befindet. In Interviews sprudelt sie vor Experimentierlust, der Neugier auf die eigenen Möglichkeiten, aber auch dem Bewusstsein eigener Ansprüche. Es wäre falsch, der Stimme dieser Schriftstellerin durch das Verdikt der frühen Vollendung den Schwingungsraum zu nehmen. Von der Schönheit ist kein neuer Höhepunkt, aber ein weiterer Beweis für die Fähigkeiten der Zadie Smith und die Berechtigung der Erwartungen, die an diese Autorin gestellt werden.

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