Lade Inhalte...

Literatur Seattle, 14. Juni 2024

Ein Terroranschlag vor Manhattan – und auf der anderen Seite des Kontinents wird Detective Hillary Landsdale zu einem ungewöhnlichen Tatort gerufen. Leseprobe aus dem Thriller „Skylla“ von FR-Redakteur Lutz Büge.

Literaturtipp
Seattle im US-Staat Washington ist einer der Schauplätze des neuen Romans „Skylla – Virenkrieg II“ von Lutz Büge. Foto: Jason Redmond/rtr

Detective Hillary Landsdale war übelster Laune, als sie durch den Vorgarten auf das Portal der Villa des Nobelpreisträgers zuging, im Schlepptau den jungen Detective Johnson. Die freundliche Wärme des frühen Abends war ihr ebenso gleichgültig wie die Düfte der Blumen im Garten oder das lebensfrohe Zwitschern der Vögel. Die Welt, durch die sie schritt, die Bilder aus New York vor ihrem geistigen Auge, war steingrau und eiskalt. Auf das Herz ihres Landes war soeben ein Attentat verübt worden, und ein einziger heißer Wunsch dominierte ihre Gedanken: Rache! Doch von ihr wurde Professionalität verlangt, denn sie war zu einem Tatort gerufen worden.

Ausgerechnet hierher, in dieses Haus! Ihre Kollegen vom Dezernat Schwerverbrechen würden vermutlich in Kürze mehrheitlich auf dem besten Weg in den Vollrausch sein. Hillary war froh, fortgerufen worden zu sein. Auch sie verspürte ein starkes Bedürfnis, die Demütigung hinunterzuspülen. Diesmal wäre sie im Kampf mit ihrem Verlangen nach Alkohol unterlegen. Seit knapp 16 Jahren war sie trocken. Es fühlte sich nicht an wie eine Siegesserie. Ja, heute wäre sie gekippt.

Wäre sie 30 Jahre jünger gewesen, hätte sie sich sofort zum Militärdienst gemeldet, um Krieg und Vergeltung in jene Länder zu tragen, die für die Demütigung verantwortlich waren. Die Ziegenbärte sollten erleben, was dies hieß: Wer Wind sät, wird Sturm ernten! Leider war Hillary in einem Alter, in dem man sie beim Militär selbst dann nicht mehr genommen hätte, wenn Weltkrieg gewesen wäre. Sie stand kurz vor der Pensionierung. 40 lange Jahre hatte sie dem Bundesstaat Washington gedient, viele davon als Detective beim Seattle Police Department. Der Blick zurück gefiel ihr kaum besser als der nach vorn. In einem Dreivierteljahr würde der Kampf gegen das Verbrechen dem Kampf gegen die Langeweile weichen.

Vielleicht zog jetzt etwas Neues herauf? Musste nach dieser Terrorattacke nicht endlich Schluss sein mit der Weicheipolitik à la Lindsay Preston? War jetzt nicht endgültig Zeit für die harte Gangart? Hillary war davon überzeugt, dass Washington genau wusste, was hinter dieser verfluchten Islamischen Allianz tatsächlich steckte und was Abdallah, dieser Lügenkönig, und seine Ziegenbärte tatsächlich ausheckten, während sie vorgaben, den Islam reformieren zu wollen.

Den Islam reformieren! Hillary schnaubte wütend. Der Islam war eine faschistische Ideologie, aggressiv und totalitär. Reformieren? Muslimen durfte man niemals glauben! Es gab nur eine einzige Sprache, die sie verstanden: Gewalt. Deswegen war Hillary dafür, mit aller Härte zurückzuschlagen, mit Nuklearwaffen. Man sollte mit Teheran anfangen, dieser Brutstätte der Schlangenzüngigen, und mit Amman und Bagdad weitermachen und mit Riad, den verlogenen Verbündeten. Zehn Megatonnen pro Abwurf dürften genügen. Auch an Mekka musste gedacht werden und an solche Gegenden wie das Swat-Tal, an all die Brutstätten des Fundamentalismus. Im Swat-Tal grassierte zurzeit allerdings ein Virus und schien auf gutem Weg, einen Teil des Problems auf die ihm eigene Weise zu erledigen.

Während Hillary auf die Haustür der McWeir-Villa zuging, konnte sie an nichts anderes denken als an den Atompilz, der über Teheran aufsteigen würde.

Die 40 Jahre im Polizeidienst hatten sie oft mit Situationen konfrontiert, in denen sie gut beraten gewesen war, ihr Innenleben abzuschotten, um Eindrücke nicht zu nahe an sich heranzulassen. Jetzt war es umgekehrt, jetzt durfte sie die entsetzliche Wut, die in ihr kochte, nicht nach außen dringen lassen. Sie wollte freundlich erscheinen, denn sie war den McWeirs etwas schuldig. Margret und Samuel hatten Hillary geholfen, den Alkohol aus ihrem Leben zu verbannen. Nach einem Einbruchsversuch vor 16 Jahren, den Hillary zu vereiteln geholfen hatte, hatten die McWeirs sie zu einem Abendessen eingeladen. Hillary war volltrunken dort aufgekreuzt in der festen Überzeugung, dass ihr nichts anzumerken war. Die McWeirs spielten ihr Spiel mit, doch anschließend holten sie Erkundigungen ein. Von niemandem sonst hätte sie sich damals etwas sagen lassen, nicht von ihrem Vater oder ihrer Mutter, nicht von ihren Vorgesetzten, doch als der Nobelpreisträger ihr direkt ins Gesicht sagte:

„Hillary, Sie haben ein Alkoholproblem. Wir müssen etwas unternehmen!“, da hatte sie nur den Kopf gesenkt und genickt.

Gerade hatte sie im Department ihre Sachen gepackt, während die Männer ihres Teams noch fassungslos vor dem Multikom standen. Hillary hatte sich schon nach der zweiten Wiederholung abgewandt. Sie würde diese qualvollen Bilder ohnehin niemals vergessen.

Da klingelte ihr Handy. Die Einsatzzentrale. Kurz darauf zerrte sie Marc Johnson, ihren jungen Co, aus dem Männerpulk heraus und raunte ihm zu:

„Ein Toter in der Lakeside Avenue. Unser Job.“

Marc war normalerweise schnell von Begriff, aber unter dem Eindruck der Ereignisse hatte er Mühe, in seine Rolle eines Detectives zu finden. Auch Hillary kam dies momentan ziemlich viel verlangt vor.

Sie arbeiteten noch nicht lange zusammen, doch sein Gefühl für das richtige Timing hatte sie schon zu schätzen gelernt. Hillarys alter Co war berufsunfähig. Sie vermisste ihn nicht. Über Marc hatte sie sich noch kein abschließendes Urteil gebildet. Er begegnete Hillary mit Respekt. Er wusste, dass er mit einer Polizeilegende zusammenarbeitete. Das gefiel ihr. Aber er kleidete sich auffällig geschmackvoll. Sollte sich herausstellen, dass Captain Higgins ihr einen Schwulen an die Seite gestellt hatte, würde sie mal ein paar ernste Takte mit dem Chef reden müssen.

Dass die Adresse, zu der sie gerufen worden waren, mit der Villa der McWeirs identisch war, begriff Hillary erst in dem Moment, als sie in die ihr wohlbekannte Straße einbog.

„Verdammt“, knurrte sie. „Nicht auch noch …“ Sie parkte vor dem Anwesen. Der Wagen des Notarztes stand in der Auffahrt.

Marc folgte ihr schweigend durch den Vorgarten zur Haustür. Vermutlich wünschte er sich in diesem Moment woanders hin. Sie konnte ihm nicht helfen. Sie hatte genug damit zu tun, ihre eigene Abschottung aufrechtzuerhalten. Gleich würde sie etwas Schlimmes sehen, und darauf wollte sie vorbereitet sein.

Gewiss, alles menschliche Leben war endlich …

Auf Hillarys Klingeln öffnete ein Mann, den sie nicht kannte – der Notarzt. Er entspannte sich in dem Moment, in dem Hillary ihren Dienstausweis zeigte.

„Was liegt vor?“, fragte sie.

„Verdacht auf Vergiftung mit Todesfolge“, antwortete der Arzt, der sich als Leonard Grubbs auswies. Er führte Hillary und Marc ins Wohnzimmer, wo der Tote am Boden lag. Es war Samuel McWeir, der Mann, dem Hillary so viel zu verdanken hatte.

„Ach du Scheiße“, entfuhr es Marc.

Samuel McWeir war einer der Wenigen, die noch Hillarys Amerika verkörperten. Das gute Amerika. Intelligent, charmant, amüsant, eloquent, manchmal auch derb – Hillary hatte keinen seiner Talkshow-Auftritte verpasst. Der Nobelpreisträger stand für die Werte, die die USA groß gemacht hatten, Werte wie Anstand, Aufrichtigkeit, Gottesfurcht und Familie, Werte, denen auch Hillary anhing, obwohl sie beim Thema Familie, anders als McWeir, persönlich gescheitert war. Sie hatte eine Tochter aus erster Ehe, die nichts von ihr wissen wollte. Auch ihre zweite Ehe war geschieden.

Da lag ein großer Amerikaner, einer der letzten Aufrechten. Doch wie er da lag, das besaß wenig Würde. Seine Augen waren weit aufgerissen, sein Mund stand offen, seine Gesichtszüge wirkten erstarrt im Moment des Entsetzens. Ein Bein war angewinkelt, das andere ausgestreckt. Eine Hand lag auf der Brust, mit der anderen hatte er sich wohl im Sturz instinktiv abzustützen versucht. „Ich habe ihn nicht angerührt“, sagte Dr. Grubbs. „Hier ist alles so, wie ich es vorgefunden habe.“

„Um zu erkennen, dass dieser Mann tot ist, braucht man nicht den Puls zu fühlen.“ Hillarys Stimme klang so düster, wie sie sich fühlte. „Was ist vorgefallen?“

Dr. Grubbs berichtete, wie er über die Notrufzentrale hierher beordert worden war und wie er Samuel McWeir gefunden hatte.

„Die Witwe erzählte mir, dass er plötzlich umgefallen sei, nachdem er kurz zuvor einen Brief geöffnet habe. Der Brief liegt noch dort auf dem Tisch. Ich habe ihn nicht angefasst.“

„Kluge Entscheidung“, kommentierte Hillary kühl, taxierte den Brief und entschied: „Wir fassen ihn ebenfalls nicht an. Den Toten auch nicht. Das überlassen wir den Forensikern. Die sollten gleich hier sein. Die Witwe lebt?“

„Ja“, antwortete der Arzt nach kurzem Stocken.

„Hat sie den Umschlag nicht berührt?“, wollte Hillary wissen.

„Das müssen Sie sie selbst fragen“, antwortete der Arzt. „Sie trinkt Tee auf der Terrasse.“

Hillary ging auf die Terrasse, während sie alles an Anteilnahme zusammenkratzte, was sie in diesen Minuten aufzubringen imstande war. Da saß Margret McWeir. Der Inhalt der Tasse, die vor ihr auf dem Tisch stand, dampfte nicht mehr.

„Ma’am, ich kann Ihnen nicht sagen …“

„Wie schön, dass Sie da sind“, sagte Margret McWeir, indem sie sich ihr zuwandte.

„Mein aufrichtiges Beileid, Ma’am“, sagte Hillary und ergriff Margrets kalte Rechte mit beiden Händen, weil sie glaubte, dies unterstreiche vielleicht ihre Aufrichtigkeit. In Wirklichkeit fühlte sie kaum etwas. Es war, als hielte sie einen Stein zwischen ihren Händen, kalt und grau wie die Steine, aus denen die Gegenwart gehauen war. Trotzdem sagte sie: „Ich wünsche Ihnen viel Kraft in Ihrer Trauer.“

„Das ist lieb von Ihnen, vielen Dank. Setzen Sie sich doch. Möchten Sie eine Tasse Tee?“

Irritiert registrierte Hillary, dass Margret nicht sonderlich traurig wirkte. Auch nicht wütend. Womöglich stand sie unter Schock? Der Arzt sollte sich um sie kümmern, dachte Hillary, doch der Zustand der Witwe wirkte nicht bedenklich.

„Keinen Tee, vielen Dank“, sagte Hillary, setzte sich aber, und wie immer, wenn sie sich in diese Polster sinken ließ, nahm sie plötzlich überdeutlich das vertraute Glucksen wahr, mit dem Lake Washington um die Pfosten leckte, auf denen die Terrasse ruhte.

„Wie geht es Ihnen?“, fragte sie.

„Den Umständen entsprechend. Immerhin habe ich mehrere Jahrzehnte mit diesem Mann zusammengelebt. Man könnte auch sagen, ich habe ihm mein Leben gewidmet.“

Das Letzte, was Hillary jetzt vertragen konnte, war eine Lebensbeichte.

„Was ist vorgefallen?“, fragte sie daher rasch.

„Sie meinen, nachdem Samuel nach Hause gekommen war? Es war 16.30 Uhr. Er wollte die Vorgänge in New York von hier aus verfolgen. Ich wies ihn darauf hin, dass er Post bekommen hatte. Normalerweise nahm er sich immer zuerst die Post vor, wenn er nach Hause kam. Diesmal nicht. Ich wusste jedoch, dass ihn der Brief interessieren würde, egal was in New York los ist.

Seine Reaktion war dann aber doch etwas unerwartet. Natürlich versuchte er, mir etwas vorzuspielen. Ich bin ja nur seine blöde Alte, nicht wahr? Aber ich kenne den Mann seit unendlich vielen Jahren. Ihnen kann ich es ja sagen, Hillary: seit viel zu vielen Jahren. Es war keineswegs immer schön mit ihm, oh nein! Aber man soll nicht schlecht über Tote reden, nicht wahr?“

„Das ist wohl wahr, Ma’am.“

„Jedenfalls saß er neben mir und war erschüttert, wie ich deutlich merkte. Und plötzlich springt er auf, greift sich an die Brust und ruft: ‚Großer Gott, wo ist das Telefon? Sie haben …‘ Das waren seine letzten Worte. Dann fiel er um. Ich hätte im ersten Moment fast lachen mögen über diesen absurden Auftritt, aber dann merkte ich, dass er tot war. Und nun sagen Sie mir mal ganz unvoreingenommen, ob Sie unter diesen Umständen nicht ebenfalls an eine Vergiftung denken würden?“

„Man könnte auf diese Idee kommen“, bestätigte Hillary. „Warum dachten Sie, dass der Brief ihn interessieren würde?“

„Er kam von einem Studenten, den Samuel gefördert hat und der seit fast zwei Jahren spurlos verschwunden ist. Samuel hat sich oft gefragt, was aus ihm geworden ist.“

„Wo hat Ihr Mann diesen Brief an sich genommen?“

„Im Wohnzimmer. Seine Post lag immer auf dem Sekretär.“

„Das heißt, Sie haben den Brief ebenfalls berührt.“

„Natürlich. Ich habe ihn ja aus dem Briefkasten geholt.“

„Aber Sie haben keine Vergiftungserscheinungen? Keine Beschwerden?“

„Nein. Merkwürdig, nicht wahr?“

Hillary zerdrückte ein Ja auf ihrer Zunge. In diesem Moment hatte Margret McWeir lediglich eine Zeugin für sie zu sein, keine Freundin.

Damit enthielt sie Margret einen Gedanken vor: Was die Witwe berichtete, sprach gegen eine Vergiftung. Sonst hätte es Margret ebenfalls erwischen müssen. Gifte machten keine Unterschiede zwischen ihren Opfern. Allerdings bestand die Möglichkeit, dass sich das Gift lediglich im Inneren des Umschlags befunden hatte. Dann musste es wirklich persönlich gemeint gewesen sein. Also Mord.

„Wer ist dieser ehemalige Student Ihres Mannes?“

Lutz Büge, Skylla – Virenkrieg II. Thriller Ybersinn-Verlag Offenbach 2017, 390 Seiten, 14,90 Euro.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum