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Literatur „Im Kern der amerikanischen Kultur steckt Gewalt“

Die Leser New Yorks haben „Manhattan Beach“ zur Stadtlektüre des Jahres erkoren. Ein Gespräch mit Jennifer Egan über ihren neuen Roman.

Jennifer Egan
„Ich habe gemerkt, dass vieles, das ich für vergangen hielt, keineswegs vergangen ist“, sagt Jennifer Egan. Foto: Pieter M. Van Hattem

Wie steht es mit #MeToo? In „Manhattan Beach“ ist das Verhältnis zwischen Männern und Frauen...gespannt. 
Das war meine zweite Erkenntnis. Ich schreibe in dem Roman über Frauen, denen es anfangs verboten war, die Kriegsschiffe im Hafen zu betreten, weil man befürchtete, die Männer würden sich in ihrer Anwesenheit nicht beherrschen können. Auf mich wirkte das lächerlich. Ich dachte: Wie gut, dass diese Zeiten vorbei sind. Da stellt sich heraus: Nichts ist vorbei! Frauen sind an ihrem Arbeitsplatz täglich den Übergriffen von Männern ausgesetzt. Mir war das absolut nicht bewusst. Ich habe schon lange nicht mehr in einem Büro oder für einen Mann gearbeitet. Und als junge Frau sind mir derartige Erfahrungen zum Glück erspart geblieben. Wieder erwies sich also etwas, das ich für tiefste Vergangenheit gehalten hatte, als beängstigend gegenwärtig. 

Verglichen mit Ihren früheren Werken wirkt „Manhattan Beach“ geradezu konventionell. Es gibt einen allwissenden Erzähler, eine Chronologie und sauber gespannte Handlungsfäden. Wie war es, zur Abwechslung ganz altmodisch zu schreiben? 

Ich hatte durchaus vor, mit Zeit- und Textebenen zu spielen, denn es schien mir absurd, einfach zu sagen: Okay, wir befinden uns jetzt in der Vergangenheit und ich bin die Einzige, die hier den Überblick hat. Leider bin ich mit all meinen innovativen Versuchen elend gescheitert. Das Schreiben machte keinen Spaß, und was ich schrieb, fanden meine ersten Leser entsetzlich. Das änderte sich erst, als ich mir erlaubte, einfach geradeaus zu erzählen. Plötzlich konnte ich mich ganz ohne ironische Brechung dramatischen Szenen widmen – einer Schiesserei, einem Schiffsuntergang! Ich hätte nie gedacht, dass ich je einen Schiffsuntergang beschreiben würde. Das war eine befreiende Erfahrung. Mir eröffnete sich ein ganzes Universum, in das ich mich zurückziehen konnte, was ich eine Zeit lang bitter nötig hatte...

Ihr Bruder hat sich während Ihrer Arbeit an „Manhattan Beach“ das Leben genommen. 
Dieser Roman wurde zu meinem Zufluchtsort. Doch wäre mein Bruder gestorben, bevor sich mein Schreibknoten löste, hätte ich vermutlich das Handtuch geworfen. Was nicht heißt, dass die Arbeit von da an ein Kinderspiel war. Beim konventionellen Erzählen muss man einen Spannungsbogen aufrechterhalten. Das ist viel schwieriger, als man denkt.

Ein solcher Bogen war in einer Science-Fiction-Novelle aus Tweets wie „Black Box“ wohl nicht nötig. 
Nein, auch in den meisten anderen meiner anderen bisherigen Arbeiten nicht. Textexperimente, Ironie und vor allem die Fragmentierung sind die Erzählmodi unserer Zeit. Alle schreiben heute in Bruchstücken. Und weil wir so viel Zeit vor dem Häppchenbuffet unserer Bildschirme verbringen, sind wir daran gewöhnt. Ich bin diese Splittertechnik ein bisschen leid. „Manhattan Beach“ ist mein erster Roman, der vor der Erfindung des Fernsehens spielt. Im Rückblick leuchtet es ein, dass ich dafür eine andere Form finden musste. Natürlich beginnt die literarische Moderne lange vor dem Fernsehen. Sie fällt mit dem Aufkommen des Kinos zusammen, was sicher kein Zufall ist. Der Versuch, herkömmliche Erzählstrukturen aufzubrechen, war ein Reaktion auf die neuen Medien von damals. Denken Sie an James Joyce: Er hat das erste Kino Irlands gegründet! Und verstehen Sie mich nicht falsch – mich faszinieren unser mediales Umfeld nach wie vor.

Sie haben einmal von sich gesagt, Sie seien von der Technologie besessen. 
Von der Technologie und davon, wie sie sich auf unser Leben auswirkt. Diese Entwicklungen in meinem Schreiben zu reflektieren, scheint mir nur natürlich. Im Augenblick arbeite ich sogar an einer Art Fortsetzung von „Black Box“. Allerdings hat mir „Manhattan Beach“ Lust darauf gemacht, einen weiteren historischen Roman zu schreiben. Und einen Krimi – die Gangstergeschichten haben es mir angetan. Bei so vielen Projekten wage ich zu hoffen, dass wenigstens eines davon sich leichter anlässt als dieser letzte Roman.   

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