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Literatur „Im Kern der amerikanischen Kultur steckt Gewalt“

Die Leser New Yorks haben „Manhattan Beach“ zur Stadtlektüre des Jahres erkoren. Ein Gespräch mit Jennifer Egan über ihren neuen Roman.

Jennifer Egan
„Ich habe gemerkt, dass vieles, das ich für vergangen hielt, keineswegs vergangen ist“, sagt Jennifer Egan. Foto: Pieter M. Van Hattem

BLDG 92 ist eines jener alten Gebäude im Industriegebiet von Brooklyn, die in den letzten paar Jahren in schicke Gehäuse für Start-ups, Luxuswohnungen und Cafés mit Quinoa-Salat und Federkohlsaft verwandelt worden sind. Jennifer Egan sitzt hier, ohne Salat und Saft, und sieht in dieser Umgebung etwas anderes. Nämlich den wichtigsten Hafen der Welt. Das war der Brooklyn Navy Yard, zu dem der Ort unseres Interviews gehört, noch vor sechzig Jahren. Er bildet den Schauplatz ihres neuen Romans. Während des Zweiten Weltkrieges wurden in den nunmehr stillgelegten Werften dieses 225 Hektar umfassenden Geländes die meisten Schiffe der Alliierten hergestellt und repariert. „Manhattan Beach“ handelt von der jungen Anna, die zur ersten weiblichen Taucherin des Hafens werden will. Auf ihrem Weg zu diesem Ziel gerät sie an einen Gangster, der vielleicht etwas über das Verschwinden ihres Vaters weiß, sie lernt Vorurteile und die Unterschiede zwischen Micks (Iren), Itakern (Italienern) und Itzigs (Juden) kennen. „Manhattan Beach“ ist ein üppiges Zeitporträt, reich, manchmal überreich an Details und mit Figuren, die in ihrer Ernsthaftigkeit so solide wirken wie dorische Säulen. Ein ungewöhnlich epischer Roman für eine gefeierte Avantgardistin wie Jennifer Egan – die mit dem Buch fast zwanzig Jahre gerungen hat. Sie eröffnet das Gespräch:

Jennifer Egan: Dieses Buch war ein Monster.

FR: Weshalb? 
Der Stoff war zu weit weg. Ich schreibe nie über mich selber oder über Menschen, die ich kenne. Aber meine Bücher handeln immer von Zeiten und Orten, mit denen ich vertraut bin, sei es die Punk-Rock-Szene der 1970er Jahre in San Francisco wie in „Der größere Teil der Welt“ oder über die Modeindustrie im New York der 1990er Jahre wie in „Look at me“. Das Lebensgefühl in New York kurz vor und während des Zweiten Weltkriegs war mir völlig fremd. Ich hatte keine Ahnung, wie der Alltag der Arbeiter und Kleinbürger damals aussah, vom Funktionieren der Industrie und der Gewerkschaften ganz zu schweigen. 

Sie haben gesagt, „Manhattan Beach“ gehe auf die Anschläge vom 9. September 2001 und auf den Belagerungszustand zurück, in dem sich die Stadt danach befand. Reichte dieses Gefühl der Bedrohung nicht, um Sie ins New York der 1930er und 1940er Jahre zurückzuversetzen? 
Es war der Ausgangspunkt. Aber woher sollte ich wissen, wie die Menschen damals miteinander umgingen und sprachen? Was bereitete ihnen Freude, und wie roch ein teures Flieder-Shampoo? Als Schriftstellerin muss ich eine Welt nicht nur erfassen, sondern ganz neu erschaffen. Dafür las ich Zeitungsartikel, Handbücher über den Schiffbau und über den Mob. Ich sprach mit Zeitzeugen und stieg sogar in einen der bleischweren Tauchanzüge, die meine Protagonistin trägt. Aber obwohl ich mit der Disziplin einer Journalistin vorging, die sich in ein völlig neues Thema einarbeitet, brauchte ich unendlich lange, um ein Gespür für diese Zeit zu entwickeln. 

Sie sind ja tatsächlich immer wieder journalistisch tätig. 
Ohne diesen Hintergrund wäre ich mit dem Roman überhaupt nie irgendwohin gekommen. Dennoch war ich überrascht darüber, dass sich ausgerechnet die Literatur als wertvollste Informationsquelle erwies. Romane und Erzählungen sagen mehr über eine Epoche aus als alle Geschichtsbücher zusammen. Und zwar interessanterweise sowohl gute wie schlechte Literatur. Henry Roths autobiografisches Meisterwerk „Nenn es Schlaf“ half mir ebenso wie Mickey Spillanes Pulpromane. Diese Entdeckung bestärkte mich im Glauben, eben doch die richtige Berufswahl getroffen zu haben. Unsere Arbeit als Schriftsteller ist wichtig. Literatur hilft uns, die Vergangenheit und die Gegenwart zu verstehen. Die Vorstellung, es handle sich dabei um einen Luxus, ist verrückt.

Inwieweit hat Ihr Eintauchen in die Welt von gestern Ihre Sicht aufs Heute verändert? 
Ich habe gemerkt, dass vieles, das ich für vergangen hielt, keineswegs vergangen ist. Zum Beispiel die Gewalt in den Vereinigten Staaten. Mich interessiert seit jeher, was es heißt, Amerikaner zu sein. Bisher habe ich mich meistens mit Figuren befasst, die sich neu erfinden. Während der Arbeit an „Manhattan Beach“ ging mir allerdings auf, dass im Kern der amerikanischen Kultur weniger die Verheißung der persönlichen Neuerfindungen steckt als die Gewalt. Das fing mit dem Abschlachten der Ureinwohner an und reicht zu den unzähligen Kriegen, in die dieses Land verwickelt ist. Während der Präsidentschaft von Barack Obama schien die Gewalt in den Hintergrund zu treten, weil dieser Mann so offensichtlich um Diplomatie bemüht war. Umso erschreckender ist der Gegensatz zu Donald Trump. Trump verkörpert eine Welt, in der mit Drohungen operiert wird und alles mittelbar oder unmittelbar auf physische Gewalt hinausläuft. Mit ihm erleben wir die Wiederkehr einer Gesinnung, die wir überwunden zu haben glaubten.

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