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Literatur Herzliche Grüße vom Sieger

Die „Chronik 1970“ zeigt die Ausnahmeerscheinung Siegfried Unseld, den bedeutendsten deutschen Verleger des letzten Jahrhunderts. Eine imponierende Gestalt, noch mitten in ihrer Entwicklung.

05.09.2010 16:17
Martin Lüdke
„Ich beginne hier eine neue Form der Aufschreibung, der Aufsagung“, schreibt Siegfried Unseld in seiner Chronik.

Nur weil er seinen Feldherrn in der Unterhose gesehen habe, begreife ein Diener noch lange nicht die Tragweite der Entscheidungen seines Herrn. Im Hegelschen Denken, das in der von Karl Markus Michel und Eva Moldenhauer veranstalteten 20-bändigen Suhrkamp-Ausgabe von 1970 ein wohl letztes Mal flächendeckend an die (damals noch interessierten) Leser gebracht worden war, kommt die Figur des Dieners darum nicht gut weg. Der kluge Verleger Siegfried Unseld aber, der sich tatsächlich als Diener seiner Autoren sah, ordnete sich gerne unter. Auch weil er wusste, dass seine eigene Bedeutung nur mit der seiner Autoren wachsen konnte. Die Autoren schreiben die Bücher, der Verleger bestimmt allerdings das Programm.

Autoren spielen eine große Rolle bei der Gestaltung des Programms

Unseld, 1952 in den Verlag eingetreten, wurde 1959 von Peter Suhrkamp als Nachfolger eingesetzt. Er übernahm von Suhrkamp die grundsätzliche Programmgestaltung, nämlich die Verbindung von „moderner“ Literatur und ihrer Theorie, für die damals in erster Linie die Kritische Theorie der Frankfurter Schule stand. Zudem band er die besten seiner Autoren ein – in die Programmgestaltung. Ohne Habermas etwa hätte das Wissenschaftsprogramm anders ausgesehen. Ohne die Anregungen von Enzensberger, Hildesheimer, Johnson, Walser ist das Hauptprogramm nicht zu denken, ohne sie hätte es keine edition suhrkamp gegeben, kein Kursbuch, ohne Boehlich keinen Handke.

Wie das im Einzelnen ablief, darüber gibt Unseld selber Auskunft in seiner „Chronik 1970“. Diese Zeit markiert vermutlich den Höhepunkt der Verlagsentwicklung. Adornos „Ästhetische Theorie“ erschien posthum 1970. Benjamins Passagen-Werk stand noch aus. Die Studentenbewegung zerfiel in sektiererische Splittergruppen. Schon der Pariser Mai ’68 hatte sichtbar gemacht, dass sich die Ansprüche der (ästhetischen) Moderne, Vorschein einer besseren Welt zu sein, nicht einlösen ließen. Die Verbindung von emanzipatorischer Theorie und moderner, avantgardistischer Literatur löste sich wieder auf. Das lässt sich erst jetzt, im Nachhinein, erkennen: Auf dem Höhepunkt der Verlagsgeschichte begann der (allmähliche) Niedergang.

Am Mittwoch, dem 18. Oktober 1967, beginnt der Verleger seine Chronik mit einer programmatischen Vorbemerkung. Deren erster Satz gerät gleich ungewollt aufschlussreich. „Worüber man nicht sprechen kann, darüber soll man berichten.“ Der Wittgensteinsche Imperativ, „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen“, wird von Unseld nur scheinbar elegant ins Pragmatische umgebogen. Der Satz, der Bildung demonstrieren sollte, bezeugt vor allem Unverständnis. Und: Unsicherheit.

Seit acht Jahren leitete Unseld damals das Unternehmen. Seinen Lektoren gegenüber fühlte er sich „in vieler intellektueller Hinsicht unterlegen“. Raimund Fellinger, jetziger Cheflektor und Mitherausgeber, erklärt im Nachwort, dass „die intellektuellen Kollegen innerhalb und außerhalb des Verlags“ in der „ersten Hälfte der fünfziger Jahre“ Unseld zwar als durchsetzungsfähig erkannten, aber nicht richtig ernst nahmen. Auch in den späten Sechzigern musste er noch um Anerkennung kämpfen. Unseld gestand einigen seiner Mitarbeiter etwas „Genialisches“ zu. Diese Fähigkeit zur uneingeschränkten Bewunderung zeichnete ihn tatsächlich aus.

Unseld schrieb weiter: „Ich beginne hier eine neue Form der Aufschreibung, der Aufsagung. Ich gebe Berichte von jener Welt- und Erfahrungsbreite, die mir zustößt. Ich berichte Dinge, die mir begegnen, Vorgänge, denen ich mich stellen muss. Dabei bin ich eingedenk, dass ein Verleger im Grunde genommen immer nur an den Büchern beurteilt werden soll, die er macht, nicht an den Worten, die er über diese Bücher oder über andere Gegenstände verliert. Ich will beginnen mit einem Bericht über die diesjährige Frankfurter Buchmesse.“

Diese „Chronik eines Konflikts“ ist vorangestellt, fast hundert Seiten umfassend. Es krachte gewaltig. Die Auseinandersetzungen auf der Buchmesse 1967 führten zum legendären „Aufstand der Lektoren“ gegen ihren Verleger – eine kluge Entscheidung der Herausgeber, diese Vorgeschichte so ausführlich zu dokumentieren.

Unseld war erstmals zwischen die Fronten geraten. Im konservativen Börsenverein wurde ihm Revoluzzertum vorgeworfen, im eigenen Haus und in der entstehenden „kritischen Öffentlichkeit“ schlichte Profitgier. Allein diese Auseinandersetzungen, spannend wie ein Krimi, lohnen die Lektüre. Heute lässt sich kaum noch begreifen, welche Modelle da ernsthaft diskutiert worden sind. Erst jetzt ist erkennbar, dass damit auch ein Wendepunkt deutscher (Kultur-)Geschichte markiert ist. Die folgende Jahreschronik 1970, Januar bis Dezember, beschreibt den Fortgang dieses Prozesses.

Unselds Berichte, häufig von Reisen, haben unterschiedliche Funktionen. Der Kreis der Adressaten bleibt variabel. Immer werden die Lektoren informiert, öfter auch einige Autoren, dann Herstellung, Vertrieb, Presse, Werbung. Handlungsanweisungen sind gleich beigefügt. Unseld dokumentiert Entscheidungen, resümiert Gespräche, schildert Begegnungen – darunter eine erschütternde Szene mit dem Ehepaar Koeppen –, entwickelt Projekte. Er berichtet von Theaterpremieren, von Verlagsveranstaltungen und von der Resonanz, die der Verlag im Buchhandel findet. Oft skizzenhaft verkürzt, zuweilen auch in epischer Breite.

Unseld erzählt, berichtet, dokumentiert, resümiert und entwickelt Projekte

Nicht selten präsentiert sich der Verleger als Erzähler. Dazwischen – die Aufzeichnungen sind ungekürzt – finden sich auch eher dröge Passagen. Ein Autor braucht zusätzliche Belegexemplare, ein Vorschuss soll irgendwie verrechnet werden, Ernst Augustin will eine bestimmte Papiersorte. Dazu kuriose Bemerkungen, etwa, dass Peter Handke – „bei seinen Einkünften“ (!) – erst ein einziges Mal und auch dann nur 500 DM Steuern bezahlt haben soll. Dafür war dann „Frl. Ritzerfeld“, Honorare & Lizenzen, zuständig.

Im Ganzen zeigt diese Chronik bereits die Ausnahmeerscheinung Unseld, den bedeutendsten deutschen Verleger des letzten Jahrhunderts. Eine imponierende Gestalt, noch mitten in ihrer Entwicklung. Die Chronik präsentiert die Innenseite eines straff geführten, geschickt gelenkten Verlags, schildert den Weg vom bescheidenen Unternehmen zu einer medialen Machtzentrale der bundesdeutschen Kulturgeschichte.

Mit Um- und Weitsicht plante Unseld den Erfolg. Er war viel auf Achse, pflegte Beziehungen, baute Freundschaften auf, kümmerte sich, zum Teil rührend, um seine Autoren. Er tat alles, was in seiner Macht stand, um ihren Ruhm zu mehren. Seine eigenen Interessen hatte er fest im Blick. In einem Brief an Ernst Bloch, in dem er den Lektoren-Aufstand penibel rekonstruiert, grüßt er „herzlich“ als „Dein Sieger“. Er wusste, dass er auf dem richtigen Weg war.

Seine Autoren porträtiert er bei den unterschiedlichsten Gelegenheiten. Oft liebevoll, wie Beckett, meist freundlich, wie Volker Braun, zuweilen etwas pikiert, wie Max Frisch, oder leicht distanziert, wie Enzensberger. Zu einigen, Martin Walser, Uwe Johnson, Jürgen Becker, Wolfgang Hildesheimer, entwickelte Unseld ein besonders enges Verhältnis. Auf sie konnte er sich verlassen. Das war zuweilen auch nötig.

Diese Chronik beschreibt also Geschichte, und zwar unsere Geschichte. Die editorische Glanzleistung ist wieder zu rühmen. Nur eine (geradezu Freudsche) Fehlleistung darf moniert werden. Unselds designierter Nachfolger, sein Sohn Joachim, wird im Register versteckt, als wäre dazu nichts weiter zu sagen. Daran zeigt sich, fast paradox, dass nicht nur der Frankfurter Suhrkamp Verlag tatsächlich Geschichte geworden ist.

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