Lade Inhalte...

Literatur „Feminismus hat in jedem Land ein anderes Gesicht“

Autorinnen aus neun Ländern diskutieren bei den Tagen der Litprom in Frankfurt über Literatur und Feminismus.

Es spricht für die hohe Qualität eines Programms, wenn einen die kurzfristige Absage eines Drittels der Beteiligten zwar dauert, aber nicht nachhaltig enttäuscht. Ja, die Autorinnen Raja Alem, Anna Kim, Madeleine Thien und Mayra Montero fehlten bei den Litprom-Literaturtagen. Doch dass Zoë Beck, Ken Bugul, Meena Kandasamy, Lina Meruane, Yvonne Adhiambo Owuor, Laksmi Pamuntjak, Claudia Piñeiro, Fariba Vafi und Dima Wannous zwei Tage lang im Frankfurter Literaturhaus lasen und diskutierten, das war, man kann es nur mit den Worten von Litprom-Geschäftsführerin Anita Djafari sagen: „ein Fest“.

Ein Fest, mit dem Litprom den ins 30. Jahr gehenden „LiBeraturpreis“ feierte, der alljährlich auf der Frankfurter Buchmesse an Schriftstellerinnen aus Asien, Afrika oder Lateinamerika vergeben wird. Unter der Überschrift „Kartographien des Weiblichen“ hinterfragten die Autorinnen aus neun Ländern die Existenz einer spezifischen „Frauenliteratur“ und Zuschreibungen, die sie insbesondere als Frauen des globalen Südens erfahren.

„Als Woman of Colour, die schreibt, möchte ich die Art und Weise des Schreibens verändern. Ich muss keinen europäischen Traditionen folgen“, sagte etwa die Inderin Meena Kandasamy, die später sarkastisch anmerkte, sie sei nicht auf einem Elefanten nach Frankfurt geritten.

Die 1984 geborene Dichterin und Romanautorin, die ihre kraftvollen Gedichte über sexualisierte Gewalt, über das Mundtotmachen schreibender Frauen und doch auch Liebe vortrug, sagte, sie habe es satt gehabt, in Büchern nur von den Problemen „von Mittelklasse-Menschen, die am Flughafen Cappuchino trinken“, zu lesen.

„Über wen wird in der Literatur gesprochen? Wie? Wer ist es wert, dass man über ihn schreibt?“ In ihrem Debütroman „Salz und Asche“ erzählt sie daher von Marginalisierten, vom Massaker an 42 landlosen Dalit („Unberührbaren“), die 1968 einem von Landbesitzern in Auftrag gegebenen Massaker in Kilvenmani zum Opfer fielen. „Ich habe mich entschieden ,wie ein Mann‘ zu schreiben“, sagte Kandasamy mit ironischem Verweis darauf, dass die literarische Aneignung von Geschichte, das politische Schreiben an sich, noch immer eher Männern zugestanden werde.

Dass sie überhaupt schreibt, bezeichnete die knapp 40 Jahre ältere Ken Bugul aus dem Senegal als subversiven Akt. „Traditionell wurden Frauen so erzogen, dass sie zuhören sollten. In Hierarchien ist es immer wichtig, wer sprechen darf“, sagte Bugul, die dieses Pseudonym einst wählte, um 1982 ihren Debütroman „Die Nacht des Baobab“ publizieren zu können.

Sie beschreibt darin, wie sie zum Studium nach Belgien ging und dort als einzige Schwarze unter Weißen zum „Happening“ exotisiert wurde. Von schmerzhaften Erfahrungen in Europa traumatisiert, kehrte sie in den Senegal zurück, wo sie zwei Jahre lang auf der Straße leben musste.

„Ich habe auf den Knien geschrieben“, beschreibt sie, wie ihr Romandebüt entstand. Ausgerechnet in der polygamen Beziehung zu einem „Serigne“, einem geistlichen Gelehrten, dessen 28. Ehefrau sie wurde, habe sie zu sich als Person zurückgefunden. Heute, viele Romane später, sagt sie, sie sei anerkannt. „Aber wir müssen immer achtsam bleiben. Frauen dürfen nicht scheitern, denn wenn sie es tun, wird es heißen ,sie hat eben ein bisschen verrückt gespielt – das hat sie nun davon‘.“

Sprachrohr von Frauen möchten die Autorinnen deswegen aber nicht zwingend sein. Das wird beim Abschlusspodium deutlich, dessen Titel auf den Essay „We should all be feminists“ der Nigerianerin Chimamanda Ngozi Adichie verweist. Sie sträube sich gegen „diese Annahme einer Einheitlichkeit weiblicher Erfahrungen, diesen Universalismus, in dem Komplexität untergeht“, sagte etwa die Kenianerin Yvonne Adhiambo Owuor.

„Feminismus hat in jedem Land ein anderes Gesicht“, gab auch die Argentinierin Claudia Piñeiro zu bedenken. „Wenn wir in Argentinien für Frauenrechte kämpfen, geht es noch um sehr substantielle Dinge, nicht um die subtilen. Natürlich wollen wir nicht sexuell belästigt werden – aber bei uns gehen Frauen auf die Straße, um nicht getötet zu werden, das hat einfach eine andere Dringlichkeit.“ An den Gedanken knüpfte die Iranerin Fariba Vafi an, indem sie sagte, „die Frauen im Iran kämpfen sehr kräftezehrende Kämpfe auf verschiedenen Feldern. Aber wir bezeichnen das eigentlich nicht als Feminismus. Ich glaube, Feminismus setzt ein Maß an Freiheit, Bewusstsein und Sicherheit voraus.“

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum