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Literatur Drohnen über Mogadischu

Von Piraten, Rächern, Rebellen und dichtenden Barbaren: Neue Romane zu Afrika von Nuruddin Farah und Yasmina Khadra.

12.06.2013 16:18
Sabine Vogel
Zerstörte Kirche in einer zerstörten Stadt: Die katholische Kathedrale von Mogadischu, 2011. Foto: dpa

In Mogadischu ist eine trügerische Ordnung eingekehrt. Die rivalisierenden Warlords StrongmanSouth und StrongmanNorth, die die Stadt als brutale Clan-Fürsten unter sich aufgeteilt hatten, sind verscheucht. Die islamistische Union hat die Macht übernommen, die Schergen der Al-Shabaab füllen das Vakuum der Gesetzlosigkeit mit ihren rigiden Vorstellungen religiöser Gesetze. Kinos und Theater sind geschlossen, die Musik in den Teehäusern verstummt. Männer in weißen Gewändern und mit Peitschen sorgen für eine beklemmende Ruhe. Doch sie soll nicht anhalten. Der Bürgerkrieg des seit über zwanzig Jahren quasi regierungslosen Somalia wechselt nur in seine nächste Phase.

Der jetzt erschienene letzte Teil von Nuruddin Farahs Roman-Trilogie über Somalia spielt im Jahr 2006. Die Invasion der äthiopischen Armee steht bevor. Die christliche Front aus dem Norden soll die von den Amerikanern unterstützte Marionettenregierung installieren und die islamistischen Milizen wieder verscheuchen.

In "Gekapert" nimmt der seit fast 40 Jahren zwangsweise im Exil lebende somalische Schriftsteller Farah die Fäden der Erzählungen wieder auf, die er in "Links" (2005) und "Netze" (2009) geknüpft hat. Sein Protagonist Jebleeh, ein im amerikanischen Exil lebender Somali, kehrt erneut zu Besuch zurück nach Mogadischu. In der verrotteten Hauptstadt des geschundenen Landes haben sich seine Freunde, die überlebensstarke Cambara und der gebrechliche Bile, ein ehemaliger Arzt und Aktivist, gegen alle Widerstände eine private Nische der Menschlichkeit eingerichtet. Unverheiratet trotzen sie den islamischen Moralwächtern, der tödlichen Gefahr von Verrat, Verleumdung und Justizanmaßung religiöser Fanatiker allgegenwärtig ausgesetzt. Jebleeh hat seinen Schwiegersohn Malik an seiner Seite, der noch nie im Land seiner Eltern war.

Zur selben Zeit reist Maliks Bruder Ahl ins somalische Puntland, die Piraten-Hochburg am Golf von Aden. Dort hofft er seinen untergetauchten Stiefsohn zu finden. Der orientierungslose junge Mann aus Minnesota hat sich in einer Moschee von den Dschihadisten als Selbstmord-Attentäter anwerben lassen. Auch Ahl wird in Puntland von Freunden seiner Familie aufgenommen, auch hier ist es neben einem nutzlosen, ständig von der Droge Khat benebelten Mann eine starke Frau, die mit ihren elaborierten Mahlzeiten ein zivilisatorisches Gegenmodell zur Bestialität des Lebens draußen kultiviert.

Diesen intimen Rückzugsorten familiärer und freundschaftlicher Bezüge steht ein unsäglich brutaler, von willkürlicher Gewalt geprägter Alltag auf den Straßen gegenüber, in dem ein Leben nichts wert ist. Gleich zu Beginn wird ein Grünschnabel, fast noch ein Kind, ohne Federlesens hingerichtet. Ferngesteuerte Bomben, Attentate, Morde folgen, Gefährten sterben, als ob der Tod eine Strichliste abarbeiten würde.

Immer beklemmender, immer verworrener

Immer beklemmender und verworrener wird der Reigen sinnlos wütender Gewalt. Vergnügt trampeln tanzende Jugendliche auf einem Leichnam herum. In der Nacht surren amerikanische Drohnen über Mogadischu. Während sich die Narrative der drei Heimkehrer auf Zeit immer dichter ineinander verweben, wird das Außensystem Somalia immer undurchschaubarer. Niemand ist, was er zu sein scheint. Hinter jedem hilfreich scheinenden Kontakt kann sich ein Verräter, ein Agent der Gegenseite, der auf einen selbst angesetzte Killer verbergen. Zum Glück für den Leser gibt Farah den dubiosen Strippenziehern Namen wie "Vollbart", "Überbiss", "Fußknecht", "DerScheich", "DerAndereScheich" oder "VerkünderDerWahrheit".

Doch im zusehends verwirrenden literarischen Gefüge des Romans ist die eigentliche Hauptfigur Jebleehs Schwiegersohn Malik. Dem New Yorker Journalisten, der über die Hintergründe der somalischen Krise berichten will, gebührt die Rolle des Dokumentaristen. Und hier wird aus dem etwas schwergängigen, zudem lausig lektorierten und somit nicht gerade angenehmer lesbaren Roman eine politisch brisante und hochspannende Reportage.

In Maliks Geschichte fließen Farahs eigene Recherchen ein. Er führt gefährliche Interviews mit dumpfbackigen Milizionären, zwielichtigen Geheimdienstlern, skrupellosen Geschäftemachern, analphabetischen Menschenhändlern und nicht zuletzt den Piraten, auf die der Romantitel rekurriert. Sie fühlen sich als Freibeuter und Rächer, als Küstenwache gegen ausländische Invasoren, legitimiert. Wegen der Hochseefischerei japanischer, chinesischer, spanischer, russischer oder unter sonstiger Flagge fahrender Flotten ohne Konzessionen vor den Küsten Somalias haben die lokalen Fischer ihre Lebensgrundlage verloren.

Neben der Ausbeutung der Meeresressourcen wird laut UN-Berichten auch illegal Atom- und Chemiemüll in somalischen Gewässern verklappt. Von den Lösegeldmillionen kommt freilich nur der geringste Teil bei den Piraten selbst an, das meiste bleibt bei den transnationalen Drahtziehern und auf europäischen oder arabischen Banken. Die Piraten, die Religionsfanatiker, die analphabetischen Kriminellen und Kriegsgewinnler, sie sind nur die kleinen Fische.

In der Figur von Malik formuliert Farah seine eigenen, auf wahrhaften Begegnungen und Gesprächen vor Ort basierenden Einblicke in die internationalen Netzwerke der Korruption. Dieses von Bürgerkriegen, Gewalt und Gier zerrissene Somalia erscheint hier als Opfer globaler Macht- und Geschäftsinteressen. Solange noch jemand Profit schlagen kann aus diesem kaputten, rechtlosen Land, wir das sinnlose Leiden und Sterben dort weitergehen. Das ist die Botschaft des 1945 im somalischen Baidoa geborenen Farah, der dort 1974 wegen einem Theaterstück aus "politischen Gründen" in Abwesenheit zum Tode verurteilt worden war. Und das macht auch diesen sperrig politischen Roman wieder zu einem großen, leidenschaftlichen Plädoyer für dieses verwüstete Heimatland Somalia.

"Hymne an einen zerrissenen Kontinent"

Von Piraten handelt auch die "Hymne an einen zerrissenen Kontinent" des algerischen Schriftstellers Yasmina Khadra. Der reiche Industrielle und Gutmensch Hans nimmt seinen Freund Kurt, einen Frankfurter Arzt, mit auf einen Segeltörn, damit dieser über den Selbstmord seiner ehrgeizigen Frau hinwegkommt. Am Horn von Afrika wird ihre Jacht überfallen, ihr Koch, ein Nichtschwimmer, über Bord geworfen. Die beiden Deutschen werden gefangen genommen. Doch die Verhandlungen um Lösegelder für sie kommen nicht so recht in Gang.

Ein endloser Alptraum beginnt. Die beiden Geiseln werden zu einer Ware in einer bitter-zynischen Entführungsindustrie. Wie Tiere werden sie verkauft, an Zwischenhändler verschoben, nach tagelangen Gewaltmärschen durch die unbewohnbare Geröllwüsten zu abgelegenen Stützpunkten deportiert, in Erdlöcher gesperrt, sie erleiden brüllende Hitze, Misshandlungen, Demütigungen, Ungeziefer, Hunger. Zu den grauenhaften Bedingungen ihrer Gefangenschaft werden sie von ihren zerlumpten, aber schwer bewaffneten Bewachern mit wirrem ideologischen Gequase gequält und als Neo-Kolonisatoren beschimpft.

Nachdem Hans weiter in das höllische Niemandsland zwischen Somalia, Äthiopien, Dschibuti und Sudan verschleppt und verschachert wird, bleibt dem naiv-rassistischen Kurt nur die Gesellschaft eines besserwisserischen Franzosen. Für den zahlt auch keiner was. Der afrophile Zausel nervt mit seiner Verklärung der "archaischen Mentalität" der Schwarzen, "geschmiedet im brodelnden Magma der alten Mutter Erde. Eine Mentalität so alt wie der Urschrei des Lebens, die alles bravourös überstanden hat, ferne Vorzeiten ebenso wie die Irrungen der Moderne."

Khadras Roman kommt zunächst wie ein Thriller in afrikanischer Kriegskulisse daher, entwickelt sich aber mit poetischer Wucht zu einem existenziellen Drama. Und dies gelingt Khadra vor allem über seine betörenden Bilder jener "Landkarte der Finsternis". Unter einem "narbigen Himmel" recken sich "rachitische Bäume" zu "Standbildern vom Ende der Welt". Der Mond ist ein abgekauter Fingernagel über einem in Staub gegossenen Reich fortlaufenden Scheiterns. Eine alternde Nacht steigt herab, um die Dunkelheit zu beschämen. Eine herrische Sonne diktiert die sinnlose Abfolge der Tage.

Indem sie selbst zu Mördern werden, gelingt den Geiseln die Flucht. Erst nach dieser Tat, die sie mit ihren barbarischen Entführern gemein macht, erkennen sie, dass ihr fiesester Peiniger einmal ein gefeierter afrikanischer Dichter war. Die Steinzeit, aus der er zu kommen schien, hat gerade erst begonnen.

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