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Literatur Die schönsten Worte rocken

Clemens Meyers atemberaubende Performance als neuer Stadtschreiber von Bergen.

Bevor Clemens Meyer am Freitagabend seine Wortexplosionen in atemberaubender Performance zum Besten geben wird, stehen noch einige andere Punkte auf der Agenda. Im gut gefüllten rauchig-bierigen Berger Festzelt auf dem Marktplatz haben sich Frauen und Männer Frankfurts versammelt, um den neuen Stadtschreiber zu begrüßen und dem Festakt in traditioneller Manier zu folgen: Ortsvorsteherin Renate Müller-Friese moderiert, Frankfurts OB Peter Feldmann heißt Meyer in der Stadt willkommen, Jens Bisky, Feuilletonredakteur der Süddeutschen Zeitung, hält die Festrede und Thomas Melle, der amtierende Stadtschreiber, verabschiedet sich. Zudem sind gekommen: Erika Pfreundschuh für die CDU und den Ortsbeirat 16 Bergen-Enkheim, die SPDler Ulli Nissen und Andrea Ypsilanti. Auch Eva Demski ist im Publikum, die 1988 Stadtschreiberin von Bergen war.

Der Festakt steht ganz im Zeichen von „Sprache und Literatur“. Renate Müller-Friese hebt deren Bedeutung für die Jugend hervor, die neue Wege in Poetry-Slam und Performance-Kunst gehe. Jens Bisky hat sich den Begriffen „Stadt“ und „Schreiben“ gewidmet, also passend zum „Stadt:Schreiber“, und dabei aktuelle, vergangene und mögliche Zukunftsszenarien durchgespielt. Thomas Melle verabschiedet sich mit Gedanken über die Vergänglichkeit und übergibt im Anschluss zeremoniell den Schlüssel zum Stadtschreiberhaus.

Nachdem er auf die Bühne tritt, lässt Clemens Meyer zunächst wissen, dass er nur zweieinhalb Seiten für seine Rede geschrieben habe, was aber auch daran liege, dass er sich zuvor bereits im „Markt 34“ ein (vielleicht waren es auch mehr) Bierchen gegönnt habe. Nach kurzem Raunen im Festzelt fügt er hinzu, dass ihn das geerdet habe. Ein Rebell ist eben ein Rebell.

Der lüftet im Folgenden erste Inhalte seines neuen Romans, den er in Bergen zu schreiben vorhat. Bereits nach den ersten Zeilen wird klar, weshalb dieser Mann der neue Stadtschreiber ist. Die Begeisterung im Festzelt über das Gehörte wird von Sekunde zu Sekunde größer, sodass der Autor am Ende der zweieinhalb Seiten mit tosendem Applaus in Bergen-Enkheim begrüßt wird. Worum es in der Rede ging? Um nichts weniger als Utopia, das Meyer vielleicht in Bergen zu finden hofft – oder sonst wo vielleicht? Ist Utopia ein Ort, an dem Literatur noch etwas gilt? Oder ist das vielleicht Bergen-Enkheim? Der Protagonist des neuen Romans jedenfalls soll (Englisch ausgesprochen) „Aryan“ heißen. Der „Arier“ also, der allerdings Probleme mit seinem Tätowierer hat, der ihm im Eifer des Gefechts die falsche Buchstabenreihenfolge verpasst: „Ayran“ (Deutsch ausgesprochen) steht dann da, türkischer Joghurt – blöd.

Ferner findet dieser Fürst der Sprache auf seinen Seiten noch Platz für Zitate von Muammar al-Gaddafi und zeigt, was man alles mit der Vorsilbe „ver-“ bewerkstelligen kann. Spielerisch verschiebt Meyer Grenzen jeglicher Art. Er rockt die Bühne mit schönsten Worten und schließt mit einem Märchen: „Heute trink ich, morgen ess ich – übermorgen schließe ich die Augen fest“, und der Schriftsteller verlässt die Szene.

Alles in allem stehen im Bergener Festzelt unsere großen gesellschaftlichen Fragen im Raum, als Stoff zum Schreiben.

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