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Literatur Die Bedingung der Freiheit

Ein Leben für den und mit dem Konflikt: Franziska Meiforts gelungene Biografie über den Liberalen und Soziologen Ralf Dahrendorf.

Zum Streiten gehört das Zuhören: Dahrendorf (r.) mit Rudi Dutschke während einer Kundgebung am Rande des FDP-Parteitags in Freiburg, 1968. Foto: imago stock&people

Demokratie bedeutete für ihn Konflikt. Und der Konflikt war die Bedingung für Freiheit. Ralf Dahrendorf, der 2009 verstorbene große Liberale und Soziologe, raste in atemberaubendem Tempo durch die Bildungslandschaften der westlichen Welt. Aus seiner Feder stammen Bücher, die zu Klassikern der Soziologie oder – wie „Demokratie und Gesellschaft in Deutschland“ – zur Bestandsaufnahme der Defizite und Herkunft der Demokratie der Bundesrepublik wurden.

Zudem zählte er zu den wichtigsten Intellektuellen der noch jungen Bundesrepublik. Er hatte den Habitus eines akademischen Stars. Wie John F. Kennedy sei dieser Dahrendorf gewesen, fand Hans Olaf Henkel etwa, der seine Vorlesungen hörte. Auch wenn Dahrendorf als junger Mann selbst lange Zeit eine Nähe zum sozialdemokratischen Denken empfand, ist er für die Heutigen vielleicht eher der Kopf des Liberalismus, der vor allem eine große Nähe zur FDP fand, von der er sich jedoch wieder distanzierte.

Franziska Meifort ist dem Lebensweg in einer sehr gelungenen und lesenswerten Biografie gefolgt. Auf der Grundlage ihrer Dissertation und der Memoiren Dahrendorfs hat sie eine spannende Lebensgeschichte nacherzählt, in welcher dessen intellektuelle Brillanz und Rastlosigkeit im Mittelpunkt stehen. Die Autorin führt den Leser zugleich in die akademische Wirklichkeit der deutschen Bildungswelt ein.

Nazis sperrten ihn in ein Konzentrationslager

Ralf Dahrendorf wurde 1929 als Sohn eines sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten und Journalisten geboren. Der Vater stand in Beziehung zum Kreis um Stauffenberg, der ein Attentat auf Hitler plante. Das Scheitern des Versuchs hatte nicht nur für den Vater Dahrendorfs, sondern auch für ihn selbst Folgen. Seine Lust am Dissens führte dazu, dass die Nazis ihn in ein Konzentrationslager sperrten.

Bereits in der Schule war er aufgefallen. Er arbeitete schnell und viel. Sein Geist verlangte förmlich nach tiefgehender Lektüre. Schon während des Studiums wurden Professoren auf den wissensdurstigen Studenten aufmerksam. Dieser fand seine geistige Heimat in den Theorien von Immanuel Kant und Max Weber, aber auch im Werk von Karl Marx, dessen Theorie er überwinden wollte. Anfang der 50er Jahre studierte er an der London School of Economics – später, 1974, wurde er Direktor der LSE. Sie war sicherlich die wichtigste berufliche Station in seinem Leben. Er lernte Karl Popper kennen, den er sich als Intellektuellen zum Vorbild nahm. Zudem konzentrierte er sich dort auf die Soziologie und lernte die englische Welt und Lebensweise schätzen, so dass er später britischer Staatsbürger wurde.

Nach seiner Dissertation wechselte er an das renommierte Frankfurter Institut für Sozialforschung, wo Adorno und Horkheimer lehrten. Doch das marxistisch angehauchte Institut verließ er schnell wieder, das Klima war ihm zu autoritär-hierarchisch. Besonders Horkheimer verachtete er. „Das Betriebsklima war gekennzeichnet durch eine missliche Mischung von Brutalität und Komplizentum“, schrieb Dahrendorf später. Adorno konstatierte mit Enttäuschung, dass dieser begabte junge Mann nun an die Universität Saarbrücken wechselte. „Mir ist es eine ziemliche Enttäuschung“, schrieb er an Horkheimer. „Da war halt nichts zu machen.“ Ein Aufenthalt an der Stanford University brachte ihn von seinen sozialdemokratischen Anschauungen ab. Dort trifft er den geistigen Ideengeber des sogenannten Neoliberalismus, Milton Friedman.

Ein streitbarer Workoholic

Dahrendorf galt schnell als Wunderkind der Soziologie. Er publizierte im Eiltempo. Innerhalb eines Jahrzehnts verfasste er 60 Bücher, dazu Aufsätze und Rezensionen. In der „Zeit“ und in anderen Zeitungen beteiligte er sich an der öffentlichen Debatte. Die Rolle des Intellektuellen definierte er als die eines „modernen Hofnarren“, welcher frei seine Meinung sagen durfte.

Dahrendorf schätzte den Widerstand. Er diskutierte nicht nur alle Positionen in ihrem Für und Wider – immer unter dem Theorem, keinem Konflikt auszuweichen – und scheute auch das Gespräch mit dem Studentenführer Rudi Dutschke nicht. Letztlich lag es an der Grenzgängerei dieses brillanten Soziologen, dass er seine Vorstellungen nirgends so richtig durchbringen konnte. Doch seine Theorie, dass aller Fortschritt auf Konflikt beruht, kann auch uns Heutigen eine Richtschnur in den Debatten unserer Zeit sein.

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