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Literatur Der perfekte Liebhaber

Rachel Ingalls’ unfassbarer kleiner Roman „Mrs. Calibans Geheimnis“.

Eine kurze Geschichte, aber nicht einfach in den Griff zu bekommen. Eine Frau, um deren Ehe es nicht gut bestellt ist – aus tragischen Gründen, wie sich zeigt –, lernt einen enorm potenten und trotz seiner grünen Farbgebung sowie seiner ausgeprägt froschartigen Züge außergewöhnlich attraktiven Wassermann kennen, der auf der Flucht vor brutal an ihm herumexperimentierenden Menschen (Folterern) in ihrem Haus Zuflucht gesucht hat. Die beiden haben sensationellen Sex in einem nicht näher ausgeführten, aber beneidenswerten blinden Einverständnis. „Jetzt, wo es dich gibt, ist alles in Ordnung“, sagt die Frau.

An eine gemeinsame Zukunft ist allerdings nicht zu denken, auch wenn Überlegungen durchgespielt werden. Könnte der Wassermann, von Polizei und Presse als Monster diffamiert, den rechtlichen Status eines Menschen einklagen? Was würde aus gemeinsamen Kindern? Wie können sich Menschen in einer Welt wohlfühlen, in der so mit lebenden Wesen umgegangen wird? Die sprechen und denken können, auch wenn es zu Missverständnissen kommt?

Der Wassermann, der Frosch aus dem Meer ist sensibel, aufmerksam, wenngleich ein wenig kühl. Während die naive Leserin, die auch einfach nicht wissen kann, was für eine Art von Buch sie vor sich hat, auf Erklärungen wartet, nimmt die Geschichte einen leichthin, schön erzählten, schockierenden Verlauf, und dann ist auch schon alles vorbei. Ein Frauenselbstfindungs-, ein Horror-, Fantasy-, Gesellschaftsroman, possierlich, poetisch, humorvoll (satirisch?) und explizit, aber abgeschottet von vertrauten Erklärungsmustern. Die Autorin nimmt keinen Kontakt zu ihrem Publikum auf. Das ist aufregend für das Publikum.

Rachel Ingalls, 1940 in den USA geboren, als 25-Jährige nach Großbritannien gezogen, gehört zu den unbekanntesten Berühmtheiten der englischsprachigen Literatur. Für ihr schmales Werk, kleine Formate und auch diese nicht reihenweise, gewann sie immer einmal wieder einen Preis, dann machte das auch Aufsehen, dann musste aber das nächste Jahrzehnt wieder darauf kommen, was für eine eigenwillige Autorin da spärlich, aber beharrlich veröffentlichte. „Mrs. Calibans Geheimnis“ erschien zuerst 1982, wurde 1990 schon einmal auf Deutsch veröffentlicht und ist jetzt als Salto-Ausgabe bei Wagenbach in der dafür überarbeiteten Übersetzung von Werner Löcher-Lawrence wieder zu kaufen. Gewissermaßen erneut zum richtigen Zeitpunkt, wobei interessanterweise praktisch jeder Zeitpunkt der richtige zu sein scheint.

Nun darf man sich „Mrs. Calibans Geheimnis“ nicht zu fidel vorstellen, auch wenn der froschhafte Liebhaber (für Märchenfreunde eine besonders schöne Kombination) Avocados isst wie Heu und seine Kenntnisse über das menschliche Leben vornehmlich aus einschlägigen Fernsehsendungen zieht. Die zeitlose, nur zart in den Siebzigern (?) verankerte Geschichte ist nicht nur geheimnisvoll dunkel, sie erzählt auch von Gewalt, Egoismus und wieder Gewalt und von großer Beunruhigung.

Rachel Ingalls: Mrs. Calibans Geheimnis. Roman. A. d. Eng. v. Werner Löcher-Lawrence. Wagenbach, Berlin 2018. 144 Seiten, 18 Euro.

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