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Litauen „Cool, auf Russisch zu fluchen“

Die Übersetzerin Claudia Sinnig im Gespräch über aktuelle Literaturtrends in Litauen, das Verhältnis zu den Nachbarländern und das größte Barock-Ensemble nördlich der Alpen.

Litauen
Das vielgestaltige, offene, moderne Litauen tanzt, etwa beim Tag der Straßenmusik in Vilnius. Foto: afp

Frau Sinnig, welche Bücher liest man aktuell in Litauen?
Was Bestseller betrifft, ist das nicht so anders als bei uns. Das sind Selbsthilfebücher, Kinderbücher, Kochbücher, erstaunlich viel über die Mafia, die russische oder die litauische Mafia oder Pablo Escobar. Erotik- und Liebesromane. Ziemlich viel auch über den Holocaust.

Was unterscheidet sich?
Was ein bisschen anders ist und aktuell als Unterhaltungsliteratur sehr populär, sind Werke von zwei, drei jetzt sehr erfolgreichen Autorinnen, die Comics machen. Zum Beispiel über die Erlebnisse eines litauischen Jungen in der Sibirien-Deportation oder über den Lebens- und Erkenntnisweg eines litauischen Intellektuellen par excellence — den bei uns wohl eher als Franzosen wahrgenommenen Semiotiker Algirdas Julius Greimas. Das Grundgerüst der Semiotik von Greimas in einem Comic, das ist witzig, ziemlich geistreich und vielleicht sogar eine willkommene Hilfestellung für überforderte Studenten.

Wie sieht es aus mit Bestsellern der litauischen Gegenwartsliteratur?
Wie in Deutschland wird einheimische Gegenwartsliteratur natürlich von einem relativ geringen Teil der Bevölkerung wahrgenommen. Ich plane aktuell die deutschsprachige Ausgabe einer litauischen Literaturzeitschrift, die für das Ausland vorgesehen ist und die normalerweise auf Englisch erscheint. Deshalb sehe ich mich gerade in den aktuellen Neuerscheinungen um. Was mich erstaunt, und das läuft wohl auch dem wahrgenommenen Trend dort und hier zuwider, ist, dass in Litauen die für mich interessanteste Prosa zurzeit von Männern zwischen 25 und 40 geschrieben wird. Faszinierend, dass in Litauen gerade ein Dialektroman unglaublich populär ist: „Südstadt-Geschichten“ von Rimantas Kmita. Der Autor hat sich für diesen ebenso ruppigen wie klugen Bildungsroman über seine Jugend in der litauischen Provinzstadt Šiauliai in den 1990er Jahren von dem berndeutschen Roman „Der Goalie bin ig“ von Pedro Lenz anregen lassen, den er zusammen mit dem Schweizer Literaturübersetzer Markus Roduner ins Litauische übertragen hat. Der Roman liefert natürlich ein völlig anderes Bild der postsowjetischen Frühzeit als die litauischen Geschichtsbücher und Sonntagsreden. Selbst Bildungsbürger, die eher der Hoch- und internationalen Kultur zugewandt sind und normalerweise keine Lust haben auf den Dialekt-Provinz-Roman eines pubertierenden Jugendlichen, sind hingerissen vom Scharfsinn und Humor dieses massenhaft verkauften Buchs. Kmita, Anfang 40, war bisher als Lyriker, Journalist im Kulturradio und Literaturhistoriker mit Schwerpunkt Sowjetzeit in Erscheinung getreten. Er beherrscht das Deutsche gut, weil er eine Zeit lang als Doktorand in Deutschland gearbeitet hat.

Ein Buch mit paneuropäischen Einflüssen sozusagen.
Der zweite Roman, der mich interessiert, „Endloser Sommer: Ein soziologischer Roman über Liebe und Sex“, ist, so heißt es, der erste homoerotische Roman in Litauen. Sein Verfasser, Arturas Tereškinas, ein populärer Kulturhistoriker, selber schwul, beschreibt die unglückliche Liebesgeschichte eines Mannes seines Alters, die mich durch ihre Sensibilität, Dramatik und Aufrichtigkeit berührt. Überdies gehört zu einer solchen Roman-Publikation in Litauen auch noch immer viel Mut, weil ein Großteil der Menschen und die Öffentlichkeit im Land konservativen, sowjetischen, archaisch-ländlichen, katholischen Stereotypen noch stark verhaftet ist. Aber das ist nicht das Thema dieses Buchs.

Der dritte Roman, der wie die anderen noch auf seine deutsche Übersetzung wartet, stammt von dem als feinsinnig geltenden Prosaschriftsteller Tomas Vaiseta, Mitte 30, dem 2014/15 während des ukrainischen Maidan und des Krimkriegs bewusst wurde, dass alles — sein Leben, sein Land — plötzlich den Bach runtergehen kann. In „Orpheus, eine Reise hin und zurück“ beschreibt Vaiseta einen Mann, glücklich und recht jung verheiratet, der in ein Verhältnis mit einer etwas älteren Wohnungsnachbarin gerät, ein Abgleiten in eine Art Unterwelt und die Rückkehr. Und auch hier hat mich überrascht, wie sensibel und klug diese Liebesgeschichte von einem Mann erzählt wird. Eine derart konzentrierte und subtile Artikulation des emotionalen Erlebens von männlichen Protagonisten durch männliche Prosaschriftsteller ist für mich ein Novum in der litauischen Literatur.

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