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Lion Feuchtwanger und Bertolt Brecht Der Erfolgreiche und das Genie

Ungleich, aber kollegial: Andreas Rumler erzählt vom Arbeitsbündnis zwischen Lion Feuchtwanger und Bertolt Brecht.

02.01.2017 15:52
Von Wilhelm von Sternburg
Der Schriftsteller Lion Feuchtwanger (Foto um 1950). Foto: epd

Sie waren in ihrer Lebensart sehr verschieden. Was sie jedoch verband, war das nie endende Ringen um künstlerisches Fortkommen. Der 13 Jahre Ältere, Lion Feuchtwanger, blieb seit seinem Roman „Jud Süß“ ein Bestsellerautor, dessen Bücher in über 20 Sprachen übersetzt wurden. Auch in seinen Exiljahren umgab ihn bürgerlicher Wohlstand. In Berlin, im südfranzösischen Fischerort Sanary oder an der Pazifikküste Kaliforniens wohnte er mit seiner schönen Frau Marta bis zu seinem Tod im Jahr 1958 in prächtigen Villen, umgeben von Bücherwänden. Der Jüngere, Bertolt Brecht, war ein Theatergenie: ein unruhiger, egomanischer Charakter, stets umgeben von seinen Geliebten und Mitarbeiterinnen und schon seit seinen Augsburger Tagen ein politisch wacher Beobachter seiner Zeit. Beide Schriftsteller erkannten rasch, wie sehr sie sich künstlerisch ergänzten.

Seit der etablierte Feuchtwanger dem jungen unbekannten Brecht mit seinen ersten Bühnenwerken („Trommeln in der Nacht“ und „Baal“) zum Durchbruch verholfen hat, besteht diese neidlose und von gegenseitiger Sympathie getragene Künstlerfreundschaft. In endlosen und nicht selten lauten Streitgesprächen debattieren sie ihre Manuskripte und die Zeitenläufe. „Brecht war mir trotz aller Gegensätzlichkeiten sehr nah“, wird Feuchtwanger in einem Kondolenzbrief an die Brecht-Witwe Helene Weigel schreiben. Für den Münchner Romancier ist der Augsburger Dramatiker ein „Genie“. Brecht wiederum notiert im „Arbeitsjournal“, Feuchtwanger habe „sinn für konstruktion, versteht sprachliche feinheiten zu schätzen, hat auch poetische und sprachliche einfälle, weiß viel von literatur, respektiert argumente und ist menschlich angenehm, ein guter freund.“

Sie schreiben zusammen Theaterstücke („Leben Eduards des Zweiten von England“ oder „Die Gesichte der Simone Marchard“).

Feuchtwanger hilft Brecht in den Flucht- und Exiljahren finanziell. Brecht agitiert den bürgerlichen Feuchtwanger politisch und trägt mit dazu bei, dass der Freund den Marxismus und die Sowjetunion in den Kriegsjahren neu entdeckt. Brecht spottet gelegentlich über den „Schriftsteller“ Feuchtwanger, und dieser zeichnet in seinem großen Roman „Erfolg“ mit der Figur des Kaspar Pröckl ein ironisches Porträt Brechts. Beide glauben an die „Vernunft und den Fortschritt“.

Andreas Rumler resümiert in seinem gut recherchierten Essay „Exil als geistige Lebensform“: „Aus der ersten Begegnung entwickelte sich ein lebenslanges, kollegiales, ausgesprochen produktives Arbeitsbündnis über fast drei Jahrzehnte, wie es wohl nur selten unter Autoren möglich ist, vergleichbar allenfalls der späten Freundschaft von Goethe und Schiller.“ Er weist zu Recht darauf hin, dass beide „in dem Bewusstsein aufwuchsen, Außenseiter, nie recht akzeptiert zu sein: Feuchtwanger als Bürger jüdischen Glaubens und Brecht als Linker, erleben sie sich beide als ,Fremdlinge im eigenen Land‘, wie Wolf Biermann später Hölderlin variieren wird“.

Es ist jedoch nicht nur das „Arbeitsbündnis“ dieser beiden Intellektuellen, von dem Rumler berichtet, sondern er erzählt auch von dem Drama des Exils, in das ein bedeutender Teil der deutschen Geisteselite nach 1933 gezwungen wurde. Feuchtwanger und Brecht, das wird erneut deutlich, haben mit ihren Romanen und Dramen, ihren literarischen und journalistischen Einwürfen mutig das Wort gegen die Gewalt gesetzt. Thomas Mann sprach einst von „Lübeck als geistige Lebensform“, um die Nachwirkung seines Heranwachsens in der Hansestadt auf sein Schaffen und Denken zu unterstreichen. Rumler hat diesen Gedanken mit Bedacht und treffend als Titel für seinen Essay gewählt.

Andreas Rumler: Exil als geistige Lebensform. Brecht + Feuchtwanger. Ein Arbeitsbündnis. Edition A. B. Fischer, Berlin 2016. 159 S., 16,80 Euro.

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