Lade Inhalte...

Lion Feuchtwanger „Gewundenes Zeug über die Freiheit des Schriftstellers“

Seine Kritiker haben Lion Feuchtwanger nie verziehen, dass er 1937 Stalin lobte. Dabei war der Autor skeptisch, und die Propagandamaschine der Sowjets lief auf Hochtouren.

04.07.2014 18:01
Wilhelm von Sternburg
Im kalifornischen Exil: Die amerikanische Staatsbürgerschaft, die er 1942 beantragte, wurde Feuchtwanger allerdings verweigert. Foto: Memorial Library, Los Angeles

Er zögert in den Wochen nach der Reise nur kurz, ob er etwas über Leben und Politik in der noch jungen Sowjetunion schreiben soll. Dann diktiert er ziemlich entschlossen seiner Sekretärin einen Text, der seinen Ruf über Jahrzehnte hinweg beschädigen wird. Als „Moskau 1937. Ein Reisebericht für meine Freunde“ erscheint, spaltet das schmale Buch sofort das Lager der deutschen Exilanten, das in den 30er Jahren ohnehin in ideologische Grabenkämpfe verstrickt ist.

Seine zeitgenössischen Kritiker versteigen sich neben berechtigten Einwürfen häufig zu wilden Polemiken, und das ist im Grunde bis heute so geblieben. „Lügner“, „Märchenerzähler“ oder „ein Ästhet, der aus den Rippen stinkt“ riefen und rufen sie ihm zu und nach. Aber auch Freunde und Bewunderer des Dichters reagieren nicht selten mit Verwunderung und Skepsis. „Es ist doch merkwürdig zu lesen“, notiert Thomas Mann nach der Lektüre. Arnold Zweig, langjähriger Wegbegleiter, schreibt ihm aus seinem Fluchtort Palästina, „habe ,Moskau 37‘ kopfschüttelnd gelesen“, und Klaus Mann spricht von einer „reinen Stalin-Ode“. Freund Brecht wiederum hält – zweifellos auch übertreibend – fest: „Ihr ,De Russia‘ finde ich das Beste, was von Seiten der europäischen Literatur bisher in dieser Sache erschienen ist.“

Die Blindheit der Kriegsbegeisterten

Liest man in den Archiven die Artikel und Reflexionen, die nach dem Erscheinen von Lion Feuchtwangers Moskau-Buch veröffentlicht wurden, oder auch viele neuere Arbeiten, gewinnt der Leser gelegentlich den Eindruck, als habe der einst viel und heute noch in beachtlichem Umfang gelesene Schriftsteller nicht Tausende Seiten großer Literatur veröffentlicht, sondern lediglich diese kleine, nur aus der dramatischen Zeit ihrer Entstehung zu erklärende Broschüre. Übersehen wird dabei mehr oder weniger bewusst, wie er in seinen Romanen und Theaterstücken den europäischen Humanismus und die von ihm bewunderten asiatischen Religionsphilosophien feiert. Kaum erwähnt wird, dass der junge Lion Feuchtwanger schon im Ersten Weltkrieg Stücke gegen die Blindheit der Kriegsbegeisterten schrieb. Oder das erste „Revolutions“-Gedicht der Monate vor dem November 1918 („Wir warten“).

Seit den frühen 20er Jahren ist der aus einer alten und zu Wohlstand gekommenen jüdischen Familie stammende Feuchtwanger ein scharfer Kritiker der „Völkischen“ und der sich wieder laut bemerkbar machenden Antisemiten. Sein berühmter Roman „Erfolg“, erschienen 1930, beschreibt mit satirischer Schärfe den Aufstieg Hitlers und seiner Bewegung. Bei der Präsidentenwahl von 1932 wählt er nicht den kommunistischen Kandidaten Ernst Thälmann, sondern Hindenburg, um die Republik vor dem drohenden Untergang zu retten. Als er während einer Lese- und Vortragsreihe in den USA von der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler erfährt, erklärt er öffentlich: „Hitler means war.“ Ein hochgebildeter, linksliberaler Weltbürger aus Bayern ist dieser Dr. phil. Feuchtwanger, den seine Landsleute nach dem Januar 1933 aus seiner Heimat verjagen und seines Vermögens berauben. Seine Bücher werden verbrannt.

Warum also die „Propagandaschrift“ über eine weitgehend idealisierte Sowjetunion und ihren Führer Stalin? Warum verfällt der „Meister des historischen Romans“ und Kenner der blutigen Spiele um Macht und Geld, die die Menschheitsgeschichte (und die Handlungen fast aller seiner Romane) immer wieder bestimmen, der Illusion, hier entstünde ein Arbeiter- und Bauernparadies, ein kulturelles Eldorado, in dem die Volksmassen und ihre Führer, die russischen Intellektuellen und die jüdischen Staatsbürger gemeinsam eine gerechte Gesellschaft aufbauen?

Weil Feuchtwanger mit aller Schärfe sieht, welches Schicksal die Juden in Deutschland erwartet (die bayrischen Feuchtwangers werden von den Nazis beraubt und ins Exil gezwungen, zwei seiner Brüder sind über Monate in Konzentrationslagern, eine Schwester wird 1942 in Theresienstadt ermordet). Weil der politische Beobachter Feuchtwanger mit Schrecken erkennt, dass sich die westlichen Demokratien angesichts von Hitlers innen- und außenpolitischen Triumphen (Rheinlandbesetzung, Saarwahlen, Einführung der Wehrpflicht, künstlicher Wirtschaftsaufschwung) immer stärker mit dem mörderischen Nazi-Staat arrangieren. Weil er glaubt, nur noch die Sowjetunion stelle sich vorbehaltlos gegen das „Dritte Reich“. Nicht nur für ihn wird der im Sommer 1936 ausbrechende Spanische Bürgerkrieg zu einem politischen Schlüsselerlebnis. Während die Sowjetunion die Republikaner unterstützt, leisten Deutschland und Italien aktive militärische Hilfe für Franco und bleiben England und Frankreich neutral – wer kann Hitler und den europäischen Faschismus noch stoppen?

Propagandamaschine läuft auf Hochtouren

Mitte der 30er Jahre setzen die demokratischen Kräfte in Westeuropa und auch im Kreis des liberalen und linken deutschen Exils auf die von Moskau propagierte „Volksfront“, also auf ein gemeinsames Bündnis aller antifaschistischen Kräfte. Im Besonderen geht es dabei um die Zusammenarbeit zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten. Feuchtwanger ist ein kompromissloser Anhänger dieser Strategie. Zwischen 1935 und Mitte 1937 nähert er sich der Politik der Sowjetunion stärker als je zuvor und nachher in seinem Leben.

Sein Moskau-Buch schreibt er nicht zuletzt, um skeptische Beobachter der Politik der Sowjetunion und damit der Volksfront-idee zu überzeugen. Er übersieht wie viele andere, dass Stalin und die von ihm gelenkte Kommunistische Internationale lediglich ein Vehikel für die imperialen Machtansprüche Moskaus suchen, das sie sofort aufgeben, als sich mit Hitler ein Arrangement abzeichnet (im Hitler-Stalin-Pakt einigen sich die beiden Diktatoren auf eine machtpolitische Aufteilung Osteuropas).

Feuchtwanger erreicht die Einladung nach Moskau auf dem Schriftstellerkongress „zur Verteidigung der Kultur“ im Sommer 1935 in Paris. Er lebt zu dieser Zeit im südfranzösischen Sanary und die nach wie vor hohen Auflagen seiner in über zwanzig Sprachen übersetzten Bücher ermöglichen ihm auch im Exil ein materiell freies und unabhängiges Schriftstellerleben. Schon vor ihm haben zahlreiche westeuropäische Intellektuelle die Sowjetunion besucht. Das bolschewistische Experiment stößt bei ihnen nach der politischen und gesellschaftlichen Katastrophe des Ersten Weltkriegs auf großes Interesse. George Bernard Shaw, H. G. Wells, Romain Rolland oder André Gide gehören zu den intellektuellen Kreml-Touristen, und ihre Reaktionen auf das, was sie gesehen haben, sind sehr unterschiedlich. Stalin wirbt um sie, empfängt den einen oder anderen zu einem persönlichen Gespräch, lässt die Propagandamaschine auf Hochtouren laufen, wenn einer der berühmten „Sympathisanten“ durch das Land reist.

Feuchtwanger reist im November 1936 in die Sowjetunion und wird knapp zwei Monate dort verbringen. „... großartiger Empfang an der Bahn. Hunderte von Menschen, Interviews, Pelzmäntel, Reden, Photografen.“ Man umgarnt den prominenten Gast. Er besucht Fabriken und Theater, bewundert das Reißbrettmodell des zukünftigen Moskau, gibt zahllose Radio- und Zeitungsinterviews, trifft russische Intellektuelle und in Moskau lebende deutsche Emigranten. Arbeiter, denen er bei gut inszenierten Treffen begegnet, behaupten, sie seien Bewunderer seines Werks.

Moskau bietet lukrative Buchauflagen, und in der sowjetischen Hauptstadt erscheint die Zeitschrift „Das Wort“, für die er sich als Mitherausgeber hat gewinnen lassen. Feuchtwanger ist nicht uneitel und ein geschäftstüchtiger Autor. Es behagt ihm, wie man ihm schmeichelt. Die erst nach der Öffnung der Moskauer Archive zugängigen Protokolle seiner Dolmetscherin zeigen allerdings, dass ihn vieles stört, er sich von der Überfülle der Begegnungen, von der ständigen Aufforderung, sich über das Gesehene zu äußern, belästigt fühlt. „Heute fragte er mich plötzlich“, berichtet die Begleiterin an die vorgesetzte Behörde: „,Stimmt es, dass Pasternak in Ungnade gefallen ist‘, weil sein Werk ,nicht mit der Generallinie der Partei übereinstimmt?‘.“

Der ältere, komfortgewohnte Autor kann unwirsch werden: „Er hat sich über etliche Unzulänglichkeiten ... beschwert: Beleuchtung, Möbel usw. ... Da ich ihn nicht in einem gefährlichen Zustand der Unzufriedenheit zurücklassen wollte, habe ich eine lange Liste zusammengestellt. ... Gegen Abend war alles erledigt und Feuchtwangers Laune besserte sich erheblich.“ Keine Minute ist Feuchtwanger als Flaneur selbstständig durch Moskau gewandert, wie etwa der englische Besucher H. G. Wells oder der von Feuchtwanger wegen seines kritischen Moskau-Buches heftig angegriffene André Gide.

Höhepunkt ist der Besuch bei Stalin am 7. Januar 1937. Im Moskau-Buch werden die Leser Sätze der Bewunderung finden. „War Lenin der Cäsar der Sowjet-Union gewesen, so wurde Stalin zu ihrem Augustus ...“. Allerdings urteilt Feuchtwanger über den um ihn werbenden Diktator auch differenzierter, als es seine Kritiker dann wahrhaben wollen. „Vor allem aber hat Stalin Humor, einen umständlichen, verschlagenen, behaglichen, manchmal grausamen Bauernhumor.“ Nüchtern die Tagebuchnotiz: „Ich spreche drei Stunden mit Stalin, erst gewundenes Zeug über die Freiheit des Schriftstellers, schwierig auch durch Übersetzung, dann über den Stalinkult, dann über ,Demokratie‘, dann über den Prozeß. Dann fahre ich erschöpft zurück.“

Während Feuchtwangers Reise finden in Moskau die berüchtigten politischen Prozesse gegen die alte bolschewistische Garde statt. Der Schriftsteller wird zweimal den Gerichtssaal besuchen, u. a. sitzt an diesen Tagen Karl Radek auf der Anklagebank. Was er darüber später schreibt, gehört zu den fatal leichtfertigen Seiten des Buchs: „Es ist keine Frage, daß die Schuld der Angeklagten eindeutig bewiesen ist.“ Auch das klingt im Tagebuch differenzierter: „Beim Radek-Prozeß. Sehr viele Menschen. Ewige Warterei. Reden der Angeklagten eindrucksvoll.“ In den Gesprächen, die Feuchtwanger in Moskau mit Georgi Dimitroff, dem damaligen Generalsekretär der Kommunistischen Internationale, führt, äußert sich der Schriftsteller mit großer Skepsis über die „Schauprozesse“.

Der Reisebericht erscheint in Moskau und wird von den sowjetischen Behörden dann rasch vom Markt genommen. Die wenigen kritischen Anmerkungen über Stalin oder die Situation der sowjetischen Künstler reicht schon, um das Büchlein verschwinden zu lassen. Erst Ende der 90er Jahre wird es wieder aufgelegt.

Die grausame Wirklichkeit

Eine Broschüre ist es, die nur aus der Zeit heraus zu verstehen und deswegen vielleicht etwas milder zu beurteilen ist, als es seine in wunderbarer demokratischer Sicherheit lebenden Kritiker heute zulassen wollen. Als Feuchtwanger sein Moskau-Buch schrieb, war die Zeit der falschen Alternativen angebrochen. Auch die Demokraten Roosevelt, Churchill oder de Gaulle paktierten mit dem Teufel aus Moskau, um den deutschen Satan zu besiegen. Das ganze Ausmaß der grausamen Wirklichkeit in der stalinistischen Diktatur wurde allen heutigen Besserwissereien zum Trotz erst seit Mitte der 50er Jahre für die Welt sichtbar.

Feuchtwanger selbst hat sich später nie mehr über das Buch geäußert, blieb als unabhängiger Intellektueller zwischen den Fronten des Kalten Krieges. Er freute sich über Preise und Veröffentlichungen in der DDR nicht weniger als über wohlwollende Äußerungen aus der Bonner Republik. Diese blieben allerdings eine Seltenheit. In seinem letzten Asyl in den Vereinigten Staaten wurde sein Telefon vom FBI überwacht und vor der Einfahrt seines „Schlosses“ in Pacific Palisades saßen die Herren mit den auffälligen Regenmänteln in ihren Autos und beobachteten, wer den verdächtigen „Kommunisten“ besuchte. Die amerikanische Staatsangehörigkeit, die er bereits 1942 beantragt hatte, wurde ihm verweigert. Noch wenige Tage vor seinem Tod besuchten ihn schmallippig Geheimagenten, um ihn über seine politische Haltung zu verhören. Schon im französischen Exil hatte er geschrieben: „584mal schmerzte und verwirrte ihn bis zur Betäubung die Dummheit der Welt, die sich durch keine Ziffer ausdrücken läßt. Dann wurde er dagegen abgestumpft.“

Zur Startseite

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum