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Linn Ullmann „Wenn ein Mensch Stück für Stück verschwindet“

Der Roman „Die Unruhigen“ von Linn Ullmann ist eine Elegie über das Leben und das Sterben. Ingmar Bergman und Liv Ullmann kommen in dem Buch nicht vor, dagegen Vater und Mutter.

Linn Ullmann
Die Schauspielerin Linn Ullmann während der Filmfestspiele von Cannes, 2011. Foto: afp

Berlin hat nicht immer so schönes Wetter. Und nun schon seit Mai!
Auch in Norwegen ist es seit Wochen heiß. Ich schwitze. Lassen Sie mich bitte noch einmal schnell ins Bad gehen.

Ihr Buch handelt vom Erwachsenwerden eines jungen Mädchens und vom Sterben eines alten Mannes. „Die Unruhigen“ ist eine Elegie.
Das würde mich sehr freuen, wenn es so wäre. Das Schöne beim Schreiben ist, dass man Glück haben kann und es kommt etwas dabei heraus, das besser ist als man selbst.

Im letzten Kapitel des Romans stirbt der alte Mann, wie Sie Ihren Vater im Buch nennen. Das Kapitel ist mit „Gigue“ überschrieben. „Gigue“ war in der Barockmusik ein lebhafter Tanz.
Das Kapitel sollte klingen wie ein Trauermarsch in New Orleans, gesungen von Mahalia Jackson. So kraftvoll, so voller Leben mit vielen Menschen um den einen Sarg herum. 

Wer sind die „Unruhigen“ des Titels?
Mein Vater, der Farö liebte, aber immer unterwegs war, meine Mutter, die nirgends zur Ruhe kam. Alle im Buch, wir alle, sind unruhig, voller Angst. Die ist ja nicht nur negativ. Sie gehört zur Kreativität dazu. Wie auch das Scheitern. In diesem Buch wird viel gescheitert. Kaum eines der Projekte – sei es im Leben, sei es in der Arbeit – der Protagonisten gelingt. Die Beziehung der Eltern zerbricht zum Beispiel. Und am Ende scheitert auch das Projekt eines gemeinsamen Buches von Vater und Tochter. Der Titel ist natürlich auch eine Anspielung auf den Roman „Das Buch der Unruhe“ des portugiesischen Autors Fernando Pessoa.

Und auf Sie selbst?
Das auch. Mein Vater bemerkte, dass ihm manchmal die richtigen Wörter nicht mehr einfielen. Wir saßen zum Beispiel im Auto nebeneinander und er wedelte mit den Händen, aber das Wort „Scheibenwischer“ fiel ihm ums Verplatzen nicht ein. Da schlug er mir vor, dass wir zusammen ein Buch schreiben sollten, in dem ich ihn zu seinem Älterwerden befragte. Ich freute mich darauf, aber ich hatte so viel zu tun. Ich bin auch eine von den Unruhigen. Wenn wir uns trafen, redeten wir darüber, wie wir das Buch machen würden, wann wir uns wie lange treffen würden, welche Fragen ich ihm stellen sollte. Aber ich zeichnete nichts auf. Schriftsteller reden viel lieber über die Bücher, die sie schreiben wollen, als dass sie sie schreiben. Als ich dann endlich zur Ruhe kam, war mein Vater so alt geworden, dass er fast alles vergaß, manchmal auch meinen Namen. Ich zeichnete jetzt zwar stundenlang auf. Aber es waren kaum noch zusammenhängende Sätze. Was er sagte, stand wie verlassen im Raum. Unser Vorhaben war gescheitert.

Darum wurde ein Roman daraus.
Das Diktiergerät mit den Gesprächsaufzeichnungen war verschwunden. Ich hatte dennoch angefangen zu schreiben. Dann fand mein Mann das Gerät und ich konnte die O-Töne einbauen in das neue Buch. Ich redigierte sie. Das Ganze ist wahr. Aber unser Gedächtnis ist keine Aufzeichnungsmaschine. Es ist ein Geschichtenerzähler. Lange bevor ich mir eine Geschichte ausdenke, hat es sich schon eine ausgedacht. Ohne dass ich es merke. 

So wurde „Die Unruhigen“ auch ein Buch über das Erinnern.
Ich habe ein großartiges Gedächtnis, vollgestopft mit Details und ganz präzisen Erinnerungen. Aber es ist kein Verlass darauf. Unser Gehirn verbindet die Fragmente, die es bewahrt von Formen und Farben, von Klängen und Gerüchen, zu eindrücklichen Erzählungen, zu Legenden, zu Romanen. So erschaffen wir uns mit Hilfe unseres Gedächtnisses. Wir geben unserem Leben und den Ereignissen darin einen Sinn, indem wir sie einordnen. Vor allem aber stellen wir einen Zusammenhang her zwischen dem Kind, das nicht aufhören wollte zu weinen, wann immer seine Mutter ging und der erwachsenen Autorin, die ihrem Vater gegenüber sitzt und ihn fragt, woran er merkt, dass er alt wird.

Die Sätze Ihres Vaters durchziehen das Buch, wie ein musikalisches Thema durch eine Bach’sche Fuge wandert.
Wunderbar, wenn das so wäre. Ich lese mir vor, was ich schreibe. Der Klang ist für mich so viel wichtiger als die Bilder. Aber nicht nur bei dem, was Satz für Satz geschieht, sondern auch beim Ganzen. Über die Qualität eines Buches entscheidet die Komposition. 

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