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„Liebesroman“ Liebe in den Zeiten des Kapitalismus

Und glücklicherweise ist sie kostenlos: Die Kroatin Ivana Sajko erzählt versiert, präzise und mit Humor von Umbruchszeiten in ihrer Heimat.

Sie ist eigentlich Schauspielerin. Auftritte hat sie nur ab und zu mal als komische Figur bei Filmpremieren im städtischen Kino. Dann darf sie als Affe, Prinzessin oder Star-Wars-Charge das jugendliche Publikum ein bisschen vom Popcornkauf ablenken. Er ist, na ja, Schriftsteller und trinkt. Dem „Liebesroman“, den er schreiben will, fehlt noch der Plot. Geld haben sie keines, dafür aber ein kleines Kind, das mit zwei frustrierten Eltern aufwächst. Das Elend und die Arbeitslosigkeit schaffen viele Gelegenheiten, sich zu streiten. Aber das Paar bleibt zusammen, und so wird der „Liebesroman“ seinem Titel am Ende doch gerecht.

Ivana Sajko ist in Deutschland vor allem als Dramatikerin bekannt. Ihr dritter Roman ist allerdings ganz undramatisch. Äußere und innere Ereignisse fließen in einen gleichmäßigen Erzählstrom zusammen. In langen, oft sehr langen Sätzen geht es durchs enervierende Alltagsleben der beiden Protagonisten. Dabei erleben die beiden allerhand, sogar manches Spektakuläre. So werden wir Zeugen eines Mordes, ob eines versuchten oder eines vollendeten, wird nicht ganz klar: Der böse Spießer aus der Nachbarschaft wird in einen Müllcontainer geworfen und dann die abschüssige Straße hinuntergeschubst. Aber weil auch Unerhörtes stets aus der Perspektive der beiden erzählt wird, alles Geschehen sich mit Reflexionen vermischt, entsteht nie eine situative Spannung.

Die Erzählweise verführt dazu, den „Liebesroman“ zu rasch zu lesen; man fliegt durch die Sätze, von denen einzelne mehr als 50 Zeilen lang sind. Und, obwohl, während auch, und, ohne zu wissen, dass ...: Es geht dahin wie in einem wenig fokussierten Gehirn. Aber man hakt sich immer wieder fest, weil die kleinen Erlebnisse so originell, die Beobachtungen so scharf, die Gedanken so klug sind. Frühling in Zagreb, Kroatien: „Obwohl man im grellen Licht die Flecken und den Staub deutlicher sah, waren die Heizkosten geringer, man konnte Benzin und die Ausgabe für öffentliche Verkehrsmittel sparen, man konnte ohne Mantel durch die Stadt spazieren und Bier auf einer Bank im Park trinken.“

Der Roman spielt in einem Land, in dem ständig neue Einkaufszentren mit Glitzerfassaden entstehen, ein großer Teil der potenziellen Kundschaft sich aber nur dafür interessiert, wo die Mülltonnen stehen, in denen man wühlen kann. Die namenlosen Protagonisten gehören zur breiten Schicht der depravierten Intelligenz. Sie pflegt keine Freundschaften mehr, weil das damit verbunden ist, dass man einen Kaffee trinken gehen muss, „es war ihr einfach zu teuer.“ Und auch ihm, dem Mann, erlaubt „seine sogenannte Bildung nicht, irgendetwas zu tun“.

Tun kann man nichts; gegen Märkte hilft kein Protest. Sajko ist eine politische Autorin. Einmal nimmt er, der Mann, an einer Demo gegen ein neues Parkhaus teil. Er schiebt sich gegen einen Bauzaun. Von der anderen Seite schiebt sich ein alter Wachmann dagegen, der sich so seinen kargen Lohn verdient. „Diebe!“ hat der studierte Protestierer auf ein Pappschild geschrieben, eine sehr beliebte Parole in der Region, wenn auch für den Wachmann ganz unpassend. Der junge Vater wird festgenommen. Die Bullen sind nett. Nicht als Held kommt er von der Kundgebung zurück, sondern als Idiot. „Am meisten bespucken dich diejenigen, für die du kämpfst.“

Am Ende erinnert ihn der Klassenkampf an der Baugrube an den Krieg der 90er. Auch da wurden allen, ob sie es wollten oder nicht, Identitäten zugeschrieben. „Wie Stiere“ wurden sie „durch Symbole gebrandmarkt, sodass sie beim Aufeinanderschießen auf die Brandzeichen und nicht auf die Köpfe zielten“.

Sajko gelingt es in dem – meisterlich übersetzten – Roman, das ganze Elend der Gesellschaft aus zwei Menschen heraus zu erzählen. Man kann lesen, wie Gefühle entstehen, sich verstärken, mit Gedanken vermischen, wie sie falsch werden und absterben. Love is not the answer. Aber sie ist „Gott sei Dank kostenlos“, und so dürfen er und sie am Ende wie Thelma und Louise in den Himmel fliegen. Es ist nicht der romantischste Liebesroman, aber doch einer der ganz wenigen wahrhaftigen.

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