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Lidia Amejko "Die Vorstadtheiligen" Mehr als ein Obdach

Lidia Amejko hebt in ihrem Erstlingsroman „Die Vorstadtheiligen“ die verwahrlosten Bewohner einer noch verwahrlosteren Plattenbausiedlung in den Himmel. Und das mit einer Art neuen "Opium des Volkes". Ein ganz schöner Tripp.

08.12.2010 15:29
Natalie Soondrum
Bildausschnitt: "Dorf im Winter mit Bauern auf dem Eis" von Jan Brueghel dem Jüngeren (1601-1678). Foto: Schloss Wilhelmshöhe Kassel

Stella Stefania (Name von der Red. geändert) gibt es wirklich. Die quirlige Römerin hat sich schon mit allen großen Schriften der Menschheit beschäftigt, ob Bibel, Koran, Thora oder Bhagavadgita. Ja, ja, sagt sie und winkt ab, die Trennung zwischen Geist und Materie oder Purusha und Prakriti, egal wie wir sie nennen, ist nur dazu erfunden worden, damit die Menschen den Mund halten und klaglos im System funktionieren.

Davon haben Henner, der Anzapfer, Schoopenhauer, der Drucker Josef und Hasch Raucher gründlich die Schnauze voll. Sie gibt es auch alle wirklich, nämlich als Personal in Lidia Amejkos Romandebüt „Die Vorstadtheiligen“. Die 1955 in Polen geborene Kulturwissenschaftlerin unterrichtet Kulturtheorie an der Universität Breslau und hat mehrere Theaterstücke geschrieben.

Amejkos Vorstadtheilige sind verwahrloste Bewohner einer noch verwahrlosteren Plattenbausiedlung am Rande der Gesellschaft. Die Wände sind voller Risse und drohen auseinanderzufallen, ebenso die Identitäten der Saufkumpane, die sich Tag für Tag vor dem Schnapsladen Jericho einfinden bei den „Kübeln des Zorns“ und den „brennenden Büschen“, hinter denen der Sportplatz Armageddon liegt.

Menschlicher Abfall

Sie sind der menschliche Abfall des zurückliegenden Systemwechsels, herausgefallen aus den produktiven sozialen Kreisläufen, die ihnen einst eine sinnvolle Existenz verliehen, oder dies zumindest vorspiegelten. Dafür hat der trunkene Sauhaufen nun die Zeit, die eigenen Verhältnisse zu reflektieren: „Sieh dich doch nur mal um: Sinn scheißt heute doch jeder. Früher, Mann, da hast du gefurzt und es hat gestunken! Heute wabert nur noch der SINN deiner Flatulenzen durch die Siedlung.“

Sinn macht keinen Sinn mehr, die Jericho-Stammkundschaft beschließt daher: Das einzige Mittel, das eigene Dasein noch aufzuwerten, besteht darin, sich heiligsprechen zu lassen von jemandem, der einem noch etwas schuldig ist – Geld. Kapitel für Kapitel nimmt sich also ein unsichtbarer und offensichtlich noch unterprivilegierterer Erzähler, der im Prolog genau einmal „ich“ sagt, die Bewohner des Viertels vor.

Es sind Drogenabhängige, Prostituierte, Arbeitslose, körperlich Behinderte, die ganze Palette des sozialen Elends, deren Existenzen er verbrämt. Sankt Edith, die Kassiererin im Hypermarkt, verleiht jedem Ding einen Wert, indem sie es über ihre Kasse zieht. So lange, bis sie überschnappt. Sankt Patrick ist der junge Wachmann im Supermarkt, der sich nie bewegen darf und eines Tages von Räubern abgeknallt wird. Die fette Karpulska hängt jedem, der an ihr vorübergeht, ein Gerücht an, das er nicht mehr los wird.

Listig erzählt

Die Geschichten sind listig erzählt. Einerseits hat Amejko einen Weg gefunden, die Armut in den Blick zu nehmen, ohne ihre Figuren bloßzustellen oder als sozialromantische Opfer zu inszenieren. Sie beschönigen und überhöhen ihr Dasein im Grunde so, wie das jeder normale Mensch tut, um Unzulänglichkeiten, eigene oder die der Umgebung, zu ertragen.

Andererseits fragmentiert die Autorin durch die an einzelne Figuren gehefteten Erzählschnipsel den Roman. Das unterstreicht die Fragilität der gezeigten Lebenssituationen. Doch durch die lose Verkettung verschafft sich Amejko auch Freiräume, in denen sie mit Sprache spielen kann, ohne die Narration zu überfrachten.

Das Kapitel „Von Sankt Simon, dem Heimarbeiter“ etwa spielt in der abgelegenen Hochhauswohnung eines beinlosen Invaliden. Dieser Mikrokosmos ist ein guter Ort, um über die Verbindung von Liebe und Gegenseitigkeit, das Schöne und das Gute, Alter und Gesundheit sowie Leben und Sinn zu sinnieren, die Gott („Ach! Du bist das!“) ihm als Überbleibsel der Schöpfung vorbeibringt.

Dem Schrecken der Leere, den die metaphysische Obdachlosigkeit der deregulierten Welt mit sich bringt, setzen Amejkos Figuren kompromisslos etwas entgegen: Eine Art neues Opium des Volkes – homegrown und mit Nebenwirkungen. Was für ein Tripp.

Lidia Amejko: Die Vorstadtheiligen. Roman. A. d. Poln. von Bernhard Hartmann. DuMont Verlag, Köln 2010, 204 S., 18,95 Euro.

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