Lade Inhalte...

„Letzte Züge“ Ein familiärer Fiebertraum

Christian Kienings literarisches Debüt „Letzte Züge“ sucht nach Lesarten einer Familienchronik.

Gleise
Das Ich des Autors fährt von der Schweiz zu Verwandten ins Schwäbische - eine grenzüberschreitende Erfahrung mit dem Zug. Foto: imago

Ein Ich, es könnte das Ich des Autors Christian K. sein, fährt von der Schweiz zu Verwandten ins Schwäbische. Es ist eine grenzüberschreitende Bewegung, die sich durch viele der folgenden Kapitel des Buches „Letzte Züge“ zieht. Der Zug bringt hier Menschen von Ort zu Ort, ohne wirklich zum Titelhelden zu werden. Bukarest, Frankfurt am Main, Kutno, München, Nördlingen, Ochsenfurt, Padua, Paris, Würzburg liegen auf der Strecke. In der Hitze des Schwabenlands beginnen die Kindheitserinnerungen des Ichs, die schnell zum familiären Fiebertraum werden. Von hier an fällt die Bestimmung der Textgattung schwer. Kaum ein Kapitel besteht aus einheitlichem Material oder Stil.

Die Großmutter Rosi wird inmitten des Ersten Weltkriegs geboren, ihr Vater ist an der Front. Zehn Jahre später wird er während des Rangierens von einem Zug überfahren. Mitte der 20er Jahre lernt Rosi Großvater Anton kennen, einen kulturbeflissenen Deutschnationalen, mit dem sie während des Kriegs ins besetzte Wartheland ziehen wird. 

Dass die Großmutter (?) auf dem Buchrücken abgebildet ist, führt leicht in die Irre. Diese wird zwar am Anfang als Protagonistin ausgelobt und taucht als Informantin immer wieder auf – „Nein, quäl mich nicht mit deinen Fragen. Ich hab keine Lust, daran zurückzudenken“ –, aber im Großen und Ganzen geht es nicht um sie, sondern um eine deutsche Familiengeschichte im 20. Jahrhundert. Wechselvoll und beliebig in ihrer Universalität. „Wie in vielen Fluchtgeschichten nahmen auch Rosi und ihre Tochter den letzten Zug.“ 

Relevant scheint in der Familienchronik erst einmal alles, was materiell überlebt hat. Das sind Fotografien und diverse Papierdokumente. Kunstnotate des Großvaters, liebevolle Briefchen, Feldpost, Zeitungsartikel, Amtsbriefe, ein Schulaufsatz über Wolfgang Borcherts Drama „Draußen vor der Tür“ aus dem Jahr 1947. Alles wird verwertend anzitiert. Inhaltlich eindrücklich sind 30 Seiten Kampfprotokoll von 1944. Gewagt bleibt aber die Kopplung mit weiteren Versatzstücken: Erst einmal immer wieder eingestreute Zitate von Hölderlin, Procol Harum, Jacques Brel, Celan, Wilhelm Werner von Zimmern, Ernst Wiechert, Hesiod, den Brüdern Grimm oder aus einer Tegernseer Briefsammlung des 12. Jahrhunderts. Das ist inhaltlich alles begründet und drosselt den Text trotzdem. Es folgen Einsprengsel, in denen der Autor einige Orte bereist, die seine Vorfahren besuchten. Zumeist ohne Erkenntnisgewinn. Spielfilmimpressionen werden eingeworfen, der ehemalige Münchner Oberbürgermeister Thomas Wimmer wird angespielt.

Im Sommer 1945 kommt die Großmutter in ein Frauenlager der Alliierten, im späteren Entnazifizierungsprozess erwirkt sie, dass sie anstatt als „Belastete“ (Gruppe II) als „Minderbelastete“ (Gruppe III) eingestuft wird. Dass Eltern und Großeltern im „Dritten Reich“ nicht alle Widerstandskämpfer waren und nach dem Krieg gerne die Vergangenheit hinter sich lassen wollten, ist so nachvollziehbar wie bekannt. Die Großmutter geht mit ihrer Tochter nach München, wo 15 Jahre später das schreibende Ich geboren wird.

Wenn sich der Autor in der Erzählung von den Dokumenten und seiner Geschichtsreflexion entfernt, folgen die stärksten Stellen des Buches. Echte literarische Passagen, welche die Lage der Familie plastisch machen, ohne den Wahrheitsgehalt der Aussagen beweisen zu wollen.
Aber die Erfahrungen der Flucht, des Bangens, des Scheiterns, des Neuanfangs, der Schuld, des Verdrängens, der Freude, des Überlebens, des Alltags bleiben oft nur Daten und Berichte. Umso intimer das Ausgangsmaterial ist, die Gespräche mit den eigenen Großeltern und die Geschichten der Dokumente, desto glatter die Erzählung, die daraus gewonnen wird. 

„Wer sich anschickt, von der Familie wie ein Chronist zu erzählen, der kombiniert und mutmaßt. Verfugt Ungleichartiges, Verschiedenfarbiges. Ist Mosaizist.“ Sätze aus der Mitte des Buches, die nochmals den ganzen Text vor einem Falschverstehen schützen sollen, das überhaupt nie Gefahr läuft einzutreten. Der Autor hat an dieser Stelle längst vermittelt, dass seine Lesart der Geschichte bei allem Wahrheitsstreben genauso subjektiv ausfällt wie die Schilderungen der Zeitzeugen.

Das autobiofaktische Spätdebüt des germanistischen Mediävisten Christian Kiening ist eine Erinnerung an die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts, aber leider auch ein Eintopf ohne erkennbares Rezept.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen