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Lesung in der Berliner Volksbühne Ihre Fragen an T.C.Boyle

Am Sonnabend liest T.C. Boyle in der Volksbühne aus seinem neuen Roman „Wenn das Schlachten vorbei ist“. Schicken Sie uns Fragen an den Autor - wir werden sie Boyle während der Lesung stellen. Aus den Einsendungen verlosen wir zehn signierte Bücher.

05.04.2012 18:29
Autor T.C. Boyle bekämpft Ratten ganz konventionell mit einer Hauskatze. Foto: Alex Kraus

Am Sonnabend liest T.C. Boyle in der Volksbühne aus seinem neuen Roman „Wenn das Schlachten vorbei ist“. Schicken Sie uns Fragen an den Autor - wir werden sie Boyle während der Lesung stellen. Aus den Einsendungen verlosen wir zehn signierte Bücher.

Sein Garten ist ein Stück gepflegter Wildnis, mit einem großen Teich und umgestürzten Bäumen. Sogar Falken säßen auf den Ästen, erzählt der US-amerikanische Bestseller-Autor T.C. Boyle stolz. Sein Haus, in diesem im kalifornischen Küstenstädtchen Montecito gelegenen Dschungel, wurde von dem berühmten Architekten Frank Lloyd Wright entworfen.

Aber das verlässt der 63-Jährige regelmäßig, um mehrere Wochen durch die echte Wildnis zu wandern. Von solchen Fluchten handeln viele seiner Romane. Die Protagonisten sind meist Weltverbesserer, die zwar ihren Müll trennen, aber in ihrem oft fanatischen Bemühen, den Planeten zu retten, alles nur noch schlimmer machen – so auch in seinem aktuellen Werk „Wenn das Schlachten vorbei ist“ (Hanser), in dem sich Natur- und Tierschützer bekriegen.

Mr. Boyle, was würden Sie machen, wenn Sie in Ihrem schönen Frank-Lloyd-Wright-Haus Ratten entdeckten?

Wir müssen darüber gar nicht im Konjunktiv sprechen. Denn die Ratten lebten schon in meinem Haus, lange bevor ich hier einzog. Sie hatten es in dem Moment besetzt, als es gebaut wurde. Ratten sind unverwüstlich und viel klüger als ich, so viel steht fest. Es gibt eigentlich kein Mittel, sie loszuwerden. Sie sind zu schlau, um sich fangen zu lassen. Sogar zu schlau für Spezialfallen, in denen ich sie fangen und wegschaffen könnte an irgendeinen anderen Ort, wo sie glücklicher leben würden als in meinem Haus – also vielleicht im Haus meines Nachbarn.

Sie sind als leidenschaftlicher Naturliebhaber und Tierfreund bekannt, aber wenn es um Ratten geht, hört auch bei Ihnen der Spaß auf?

Na ja, Ratten machen Krach, sie scheißen an die Wände – schön ist das nicht. Kürzlich haben wir jedoch eine sehr natürliche Lösung für unser Rattenproblem gefunden: Meine Tochter, die jetzt im Haus nebenan wohnt, hat aus Los Angeles eine Straßenkatze mitgebracht. Die ist schwarz und sehr groß. Und diese Katze weiß genau, wie sie an unsere Ratten herankommt – denn sie muss sie fressen, um zu überleben. Aber das sind genau die Fragen, die mich interessieren: Nach welchen Kriterien entscheiden wir, welche Spezies wir schützen, und welche wir meinen töten zu dürfen?

In Ihrem neuen Roman will eine Naturschützerin die von Menschen eingeführten Ratten auf den vor Santa Barbara gelegenen Channel Islands vergiften lassen, weil die Tiere die örtliche Flora und Fauna des Nationalparks zerstören. Ein cholerischer Tierschützer zieht deshalb in den Krieg gegen sie. Schon in früheren Romanen haben Sie Gutmenschen zur Zielscheibe Ihres Spotts gemacht. Was treibt Sie an, diese Sorte Mensch immer wieder vorzuführen?

Ihr Sendungsbewusstsein. Nur weil man gute Absichten hat, bedeutet das ja nicht automatisch, dass man auch das Recht hat, diese seiner Umwelt aufzuzwingen – ganz gleich, ob es um Menschen oder eine andere Spezies geht. Die Ironie meiner Geschichte ist: Die beiden Antagonisten kämpfen eigentlich für die gleiche Sache, sie müssten Verbündete sein. Tatsächlich sind beide Sturköpfe und so kämpfen sie am Ende gegeneinander, während die wirklichen Bad Guys, die Unternehmen, die Regierung, Leute, die sich nicht darum scheren, die Natur zu schützen, einfach weiter machen wie bisher.

Kämpft gemeinsam gegen die Bad Guys – ist das Ihre Botschaft?

Zunächst schreibe ich einfach über Themen, die mir wichtig sind. Wenn ich ein Buch anfange, habe ich keine Vorstellung, worauf es hinauslaufen wird, was es bedeuten mag oder was ich damit sagen will. Ich entwickele es beim Schreiben. Es ist jedes Mal wieder eine Reise, eine Entdeckung. Ich will meinen Lesern kein Thema reinwürgen. Ich predige nicht. Aber ich will auch nicht, dass sie nach der Lektüre meiner Bücher sagen: Ist eh alles im Arsch, lass uns alles in Brand stecken und dann auf die Asche pissen.

Das wäre in jedem Fall eine sehr enthemmte Reaktion.

Im Ernst: Ich möchte, dass die Menschen eine gute Zeit haben, während sie es lesen. Ich hoffe, dass meine Bücher die Leute zum Nachdenken über diese Themen bringen.

Sie leben in Montecito, direkt gegenüber von den Channel Islands, die Sie im Roman beschreiben. Der Streit zwischen Tier- und Umweltschützern basiert auf einer realen Kontroverse Anfang der Neunziger, bei der es darum ging, ob die Ratten auf den Inseln getötet werden dürfen. Wie hat denn Ihre Nachbarschaft auf das Buch reagiert?

Es gab schon ein paar Spannungen, aber in Montecito hielt sich das in Grenzen. Doch die Debatte, ob man Tiere töten darf, um eine ursprüngliche Flora und Fauna zu erhalten, schwelt weiter. Die Insel Santa Cruz wurde inzwischen wieder in ihren Urzustand versetzt, die vom Aussterben bedrohten Zwergfüchse, die nur dort leben, sind ausgesetzt worden. Vieles von dem, was ich beschreibe, ist tatsächlich passiert, obwohl ich es hier und da zugespitzt habe, beispielsweise in den beiden fiktionalen Antagonisten. Bei einer Lesung in Brooklyn gab es ein bisschen Ärger. Ein Typ im Publikum störte sich daran, wie ich den cholerischen Tierschützer dargestellt hatte – er versuchte die Lesung mit ewig langen Reden über den Tierschutz zu stören.

Sie haben für dieses Buch mehrmals zu den Channel Islands übergesetzt. Waren die Überfahrten so dramatisch, wie im Buch beschrieben?

Die Inseln gehören zu den am wenigsten besuchten Nationalparks der USA. Raten Sie mal, warum.

Keine Ahnung.

Weil die Überfahrt so rau ist. Da ich nicht besonders hochseetauglich bin, habe ich einen Großteil der eineinhalb Stunden in den Pazifik gekotzt. Aber es hat sich gelohnt. Ich bin mit Biologen tagelang über die Inseln gewandert, auf denen kein Mensch lebt. Kein Mensch! Ich fühlte mich so privilegiert!

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Was Boyle von Obama hält und worum es in seinem nächsten Roman geht.

Ist Natur für Sie Religionsersatz?

Absolut. Die wilde Natur ist mein Ersatz für jede Form der organisierten Religion – noch vor dem Schreiben. Natur, Wildnis und Literatur sind Welten, in denen ich mich verlieren kann. Jeder, der auf Kunst reagiert, weiß, dass es eine meditative, spirituelle Erfahrung sein kann. Das gleich gilt für die Natur.

Vor vier Jahren hatten Sie erklärt, dass Sie in Sachen Natur- und Klimaschutz vom kommenden Präsidenten Barack Obama eine Kehrtwende erwarteten. Die ist bislang ausgeblieben. Sind Sie enttäuscht?

Nein. In der Hinsicht bin ich Realist. Obama hat zurzeit andere Sorgen, er stellt sich gerade zur Wiederwahl. Und ich bin mir sicher, er wird mit großer Mehrheit wiedergewählt. Meine Hoffnung ist, dass er in seiner zweiten Amtszeit mit etwas längerem Atem in Sachen Klimaschutz im Kongress etwas erreichen kann. Die politische Landschaft in den USA ist auch vier Jahre nach dem Abgang von Bush immer noch erschreckend polarisiert. Obama war in seiner ersten Amtszeit durch zu viele Probleme – Finanzkrise, Arbeitslosigkeit, die Kriege in Irak und Afghanistan – so beansprucht, dass er nicht alles umsetzen konnte, was er versprochen hatte. Ich bin zuversichtlich, dass da noch was kommt, sobald er mehr Spielraum hat.

Das Nachrichtenmagazin Newsweek schrieb kürzlich von einem Comeback ur-amerikanischer Werte, mit dem sich eine Überwindung der Polarisierung zwischen Republikanern und Demokraten ankündige.

Schön wär’s. Ich kann das aus meiner Wahrnehmung nicht bestätigen. Nun bekomme ich an der Westküste nicht so viel davon mit, was sich im Rest des Landes tut. Aber wenn ich herumreise, halte ich die Augen auf. Bei einem Besuch in Arizona war ich kürzlich schockiert über die offensichtlich große Zahl der Menschen, die sichtbar Not leiden. Das ist ein großes Problem, das in den letzten Jahren zugenommen hat. Aber ob wir deshalb jetzt alle zusammenrücken?

Immerhin war es auch eines der Ziele von Obama, die Spaltung der US-Gesellschaft zu überwinden.

Obama hat ja auch versprochen, unsere Unternehmenskultur neu zu beleben. Es wäre zum Beispiel schön, wenn wir unsere Industrie wieder in den USA verankern könnten, statt immer nur dorthin zu gehen, wo die niedrigsten Löhne geboten werden. Nehmen Sie die kalifornische Firma Solyndra, die eine effizientere Technik für Solar-Panels entwickelt hatte. Obama hatte sich für die Firma eingesetzt, sie als vorbildlich bezeichnet. Später wurde sie aus dem Geschäft gedrängt, weil sich die Leute lieber billigere Solar-Panels aus China gekauft haben.

Ähnliche Probleme machen zurzeit auch der deutschen Solar-Branche zu schaffen …

und daher frage ich mich, ob man nicht über mehr Handelsprotektionismus nachdenken sollte.

Da hätten Sie doch ein brisantes Thema für einen nächsten Öko-Thriller: Der Kampf um die Vorherrschaft in der Solarbranche.

Hmm. Wer weiß. Aber meinen nächsten Roman habe ich schon fertig. Er heißt „San Miguel“, das ist der Name einer weiteren Insel vor Santa Barbara. Ich stieß darauf während ich für „Wenn das Schlachten vorbei ist“ recherchierte. San Miguel ist von den Inseln vor Santa Barbara diejenige, die am weitesten draußen liegt.

Sie haben sich doch schon während der eineinhalbstündigen Überfahrt ständig übergeben!

Diesmal hatte ich eine bessere Strategie: Ich bin mit einem kleinen Flugzeug geflogen – in nur einer halben Stunde war ich dort. Mit dem Schiff hätte es mehr als vier Stunden gedauert, das hätte ich nicht überlebt.

Und wovon handelt „San Miguel“?

Es ist ein historischer Roman, der von zwei Familien handelt, die auf dieser Insel gelebt haben. Das Buch hat keinen ökologischen Bezug. Aber mehr will ich nicht verraten. Ich war übrigens erst kürzlich wieder dort, mit meinem Sohn Milo, wir trafen uns mit einem Ranger. Da saßen wir dann am Strand und sahen zu, wie diese gigantischen See-Elefanten aus der Brandung ans Ufer kamen. Sie können sich nicht vorstellen, was für eine Freude es ist, einfach nur dazusitzen und den ganzen Tag diesen Kreaturen zuzusehen. Sie liegen da rum und schnarchen. Manchmal bekämpfen sich die Bullen, das ist immer ein ziemlich beeindruckendes Getöse. Ich saß nur ein paar Meter von ihnen entfernt.

Die können ziemlich groß werden.

Bis zu sechs Meter.

Hatten Sie keine Angst?

Nein. Der Ranger saß ja neben mir. Davon mal abgesehen, war ich den See-Elefanten völlig egal. Als ich dort am Strand von San Miguel saß, konnte ich es mir allerdings nicht verkneifen, den Ranger zu fragen, ob ich wohl gegen ein Gesetz oder einen Verhaltenskodex verstoßen würde, wenn ich mal probieren würde, mich an eines der Weibchen heranzumachen.

Was hat er gesagt?

Er hatte einen sehr trockenen Humor und meinte, damit würde ich in vielerlei Hinsicht gegen alle möglichen Regeln verstoßen.

Das Gespräch führte Martin Scholz.

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