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Lesen Man darf auch aufhören

Der britische Autor, Literaturdozent und Kritiker Tim Parks fragt, „worüber wir sprechen, wenn wir über Bücher sprechen“ - und gibt gescheite Antworten.

Der Autor ist heute als Person sehr gefragt. Mario Vargas Llosa, frischgekürter Literaturnobelpreisträger, in Madrid 2010. Foto: rtr

Da immer schon das nächste Buch lauert, bleibt nicht viel Zeit, über den Vorgang des Buchkonsums selbst nachzudenken. Es trifft sich gut, wenn das nächste Buch eben genau dies zum Gegenstand hat. Tim Parks, 1954 in Manchester geboren, stellt in seinem anregenden Großaufsatz „Worüber wir sprechen, wenn wir über Bücher sprechen“ interessante Fragen, auf die er gescheite Antworten hat. Man muss dabei nicht immer seiner Meinung sein.

Der britische Autor, Literaturdozent, Kritiker, Leser fordert dazu auf, nicht die Wachsamkeit gegenüber den Dingen rund ums Lesen aufzugeben. Das heißt immer auch: Floskeln zu widerstehen, nichts für selbstverständlich zu nehmen, bloß weil es üblich ist, es so zu sehen. Die Welt brauche Geschichten, heiße es immer, schreibt Parks und findet das selbst gar nicht. „Ich liebe einen mitreißenden Roman, ich liebe einen komplexen Roman, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass ich ihn nicht brauche.“

Oder: Wenn einer nun beklagt, dass auf dem Campus (also unter Literaturwissenschaftlern) ein „beinahe spürbarer Verwesungsgeruch“ herrsche, ist es dann nicht trotzdem das Recht und die Pflicht der Literaturwissenschaftler, infrage zu stellen, ob etwas „beinahe spürbar“ sein kann?

Oder: Da die Form der Darreichung von Literatur ihm gleichgültig ist, schreibt Parks nostalgiefrei, wenn auch nicht gerade glühend engagiert über neue Technik. Aber sind Bücher nicht schöner als E-Books? Ähnliches, meint Parks, könnten die Benutzer von Pergamentrollen gesagt haben. „Gewiss bedauerten manche den Verlust der Kalligrafie, als die Druckerpresse die Schrift unpersönlich machte. Sie fanden, seriöse Leser würden es immer vorziehen, dass seriöse Bücher per Hand kopiert werden.“

Es geht zuerst um Bücher und um Regeln beim Bücherlesen. Frühe Handreichungen gaben in Parks’ Fall die evangelikalen Eltern: „Jenseits der Bibel und der Kinderbücher war Lesen (...) nicht immer gut, und wenn es nicht gut war, war es böse. Sehr böse.“ Spätere Handreichungen gibt er selbst. Dazu gehört zum Beispiel, dass es kein Drama ist, ein Buch nicht zu Ende zu lesen.

Es geht aber bald auch ums Autorendasein an sich. Parks, der dabei logischerweise oft von sich selbst erzählt, wundert sich über die „unkritische Bewunderung“ des veröffentlichten Schriftstellers. Er ist nicht begeistert von der Rolle des Autors in einer neugierigen, beeinflussbaren und ihrerseits manipulativen Gesellschaft. Es sei inzwischen klargeworden, „dass die Aufgabe des Schriftstellers nicht nur darin bestand, ein Buch abzuliefern, sondern auch, auf jede erdenkliche Art für sich selbst zu werben“.

Parks leugnet nicht, dass er das auch tut, tun muss als Teil einer „Stellenbeschreibung“, die es nach der Romantik mittlerweile auch für Schriftsteller gebe. „Was in der Zukunft als Kanon unserer Zeit gelten wird, dürfte sich hauptsächlich guter Werbung, kluger Selbstvermarktung und dem reinen Zufall verdanken.“ – Ist das alles schlecht?, fragt Parks und antwortet sich selbst: „Nur, wenn man dem Traum von Größe nachhängt.“ Stimmt das aber überhaupt? Parks hätte hier ebenso gut die Frage stellen können: Wann war das zuletzt anders?

Sein Lieblingsaspekt scheint derzeit der einer Weltliteratur zu sein, und zwar im Goetheschen Sinne einer Literatur, die international rezipiert und verstanden wird. Parks hat beträchtliche Zweifel an diesem Konzept. „Denn heute sind eher Autoren unterwegs, die in Seminaren lernen, wie man ein Produkt von universellem Interesse schafft, etwas, das im Weltenmix schwimmen kann, statt die unmittelbare Welterfahrung der Menschen in der eigenen Kultur zu nähren.“ Der deutschsprachige Leser kann wiederum Zweifel an Parks’ Analyse haben – tatsächlich bezieht er sich dabei auch vor allem auf „kleinere“ Sprachen wie das Niederländische, wo der Übersetzungsdruck stärker sein wird. Eine Gefahr jedenfalls für eigenwillige Autoren, meint Parks: „Auf dem globalen Literaturmarkt wird kein Platz sein für die Barbara Pyms oder Natalia Ginzburgs. Shakespeare hätte die Finger von den Wortspielen gelassen. Und eine Jane Austen unserer Tage kann sich den Nobelpreis aus dem Kopf schlagen.“

Das mag auf der einen Seite überzogen wirken – oder umgekehrt einfach immer schon so gewesen sein. Auf der anderen Seite macht es Parks immer wieder glaubwürdig, dass er als Mehrfachbetroffener schreibt. Bereitwillig erzählt er von Erfahrungen, etwa mit US-Verlagen, die seine Bücher amerikanisieren – Maßeinheiten, Uhrzeitangaben, Vokabular. „Würden wir den Iren Joyce amerikanisieren?“ Pimpernellen können noch etwas lernen, wenn ein namhafter Autor erklärt, er erkenne seinen Ton in eigenen Texten bisweilen nicht mehr wieder.

Insgesamt spiegele sich darin das Ausmaß amerikanischer Macht wider, stellt er klar, es berge aber auch „die Gefahr geistiger Abschottung und Unbeweglichkeit“. Jeder erinnert sich wohl an ältere Übersetzungen ins Deutsche, in denen Herr, Frau, Fräulein stand, wenn es um Mr., Mrs. und Miss ging. Es nivelliert den kulturellen Unterschied, den das deutsche Publikum beim Lesern sogar eher suchen wird – hier argumentiert Parks aus angelsächsischer Sicht.

Leser wollen also stolpern, sie wollen nur nicht hinfallen. Übersetzer hingegen, so Parks im entsprechenden Abschnitt, wollen seiner Beobachtung nach häufig nicht einmal stolpern. Er zitiert eine Wendung aus D. H. Lawrences Roman „Liebende Frauen“ – „Sie lachten beide und schauten sich an. Im Herzen hatten sie Angst.“ Prompt geriet der Übertragung ins Italienische ein „aber“ an den Anfang des zweiten Satzes. Der Übersetzer wird es gut gemeint haben, Lawrence aber sicher genau so vage, wie er es hinschrieb.

Es kommt Parks zupass, dass er selbst in mehreren Rollen auf der Literaturbühne unterwegs ist. „In England bin ich hauptsächlich für leichte, aber, wie ich hoffe, gehaltvolle Sachbücher bekannt; in Italien für polemische Zeitungsartikel und ein umstrittenes Buch über Fußball; in Deutschland, Holland und Frankreich für ,Europa‘, ,Schicksal‘ ,Stille‘, die ich als meine ,seriösen‘ Romane bezeichnen würde; in den USA für Literaturkritik; und in einer Handvoll anderer Länder, aber auch in verschiedenen akademischen Milieus, für meine Übersetzungen und Texte über das Übersetzen.“ Beeinflusst das sein Schreiben? Ja, schon.

Tim Parks ist wieder aus dem Stand unterhaltsam und herausfordernd. Buchleser wird fast alles interessieren. Selbst flauere Abschnitte relativieren sich durch Parks’ Detailkenntnis. Was Übersetzungen betrifft, ist der Keim des Misstrauens erneut gesät.

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