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Lena Andersson Damit die Welt ins Wanken gerät

Niemand entzaubert das Verliebtsein so geistreich wie die schwedische Autorin Lena Andersson: Jetzt in ihrem neuen Roman „Unvollkommene Verbindlichkeiten“.

Lena Andersson
Schriftstellerin Lena Andersson. Foto: Ulla Montan

Liebesromane gibt es viele, auch solche der literarischeren Art, für deren Lektüre sich kein Mensch schämen muss. Äußerst selten aber unternimmt es einmal jemand, den „Liebe“ genannten Vorgang so gründlich zu entzaubern, wie die schwedische Autorin Lena Andersson es zu tun pflegt. Tatsächlich ist Andersson eine so unerbittliche wie unerschrockene Wiederholungstäterin. In ihrem Roman „Widerrechtliche Inbesitznahme“ (auf Deutsch vor zwei Jahren erschienen) hatte sie es zum ersten Mal getan: nämlich ihre Protagonistin Ester Nilsson, eine hochintellektuelle und erfolgreiche junge Schriftstellerin, den Qualen einer unglücklichen Verliebtheit ausgesetzt und dabei eine überaus ironische, über den Dingen stehende Erzählerstimme mitlaufen lassen, die sowohl Esters Gefühle genau kennt als auch Esters Selbsttäuschung ohne Erbarmen durchschaut.

Und jetzt ist es wieder so weit: Einen Roman und etliche Jahre später – Ester geht mittlerweile auf die vierzig zu – lernt sie, die ein Stück mit dem beziehungsreichen Titel „Dreisamkeit“ geschrieben hat, auf der Leseprobe zu dessen Uraufführung den Schauspieler Olof Sten kennen, der die männliche Hauptrolle spielt. Es beginnt eine Zeit der echten, wenngleich virtuellen Dreisamkeit, denn Olofs Frau und Ester treffen sich natürlich nie. Ester ist überzeugt davon, dass Olof und sie wie füreinander geschaffen sind und dass es nur eine Frage der Zeit sein kann, bis er ihretwegen die Gattin verlassen wird. Er hingegen, der bereits bis zum ersten sexuellen Akt mit der Geliebten einen ziemlich langen Anlauf braucht und zudem ganz bis nach Lappland fahren muss, um ihn zu vollziehen, verspricht Ester nie etwas. Andererseits weiß er ihre Hoffnungen immer wieder geschickt zu nähren. Und Ester, kein bisschen weiser geworden durch vergangenes Leid, empfängt jede seiner sparsam nährenden Botschaften mit dürstender Seele. Sie schafft sich sogar ein Auto an, um den Geliebten zu seinen verschiedenen Probenorten chauffieren zu können und ihm auf diese Weise nahe zu sein.

Wir Lesenden, gesegnet mit der überlegenen Perspektive der nie um eine geistreiche Sentenz verlegenen Erzählerstimme, wissen hingegen von Beginn an, dass es nichts werden wird mit Ester und Olof. Wir wissen es vor allem dann, wenn wir bereits „Widerrechtliche Inbesitznahme“ gelesen haben. Damals war Ester ja schon einmal wie eine Besessene hinter einem Mann her, der ihr bestenfalls freundschaftliche Gefühle entgegenbrachte. Und wenn wir ihn nicht gelesen haben: um so besser für die Lektüre des neuen Romans.

Denn „Unvollkommene Verbindlichkeiten“ ist sicherlich keine Wiederholung, doch auf jeden Fall eine Variation jenes ersten Falles von unglücklichem Liebeswahn. Man kann – und sollte auf jeden Fall – diese Romansequenz aus verwandten Varianten ein und desselben Sujets als literarisches Programm sehen, in dessen Absicht es liegt, das Leben selbst zu spiegeln. Denn ist es nicht im echten Leben auch so, dass man zwar ständig etwas dazu lernt, aber meistens nicht in der Lage ist, seine Gefühle entsprechend einzurichten? Zweifellos.

Der Nachteil eines so konsequent an der psychologischen Wirklichkeit ausgerichteten Programms ist vielleicht, dass es für erfahrene Andersson-Leserinnen und -Leser bei der Lektüre der Variation keinen oberflächlichen Reiz des Neuen gibt – der für Andersson-Anfänger eben im neuentdeckten Genuss ihres doppelbödigen, intellektuell unterhaltsamen Erzählspiels liegt.

Doch auch die Irritation, die man angesichts der Wiedererkennung des bekannten Themas spüren mag, liegt in der Natur der geschilderten Sache. Der „Freundinnenchor“ Esters, der schon im ersten Roman unisono und anonym deren unglücklich verlaufende Romanze kommentiert hatte, zeigt sich im zweiten Roman irritierter. Die Freundinnen bekommen Namen und äußern teilweise sehr entschiedene, dabei durchaus voneinander abweichende Ansichten.

Auf der Suche nach hilfreicheren Meinungen beginnt Ester nun sogar schon flüchtige Bekannte mit ihrem Liebesproblem zu behelligen. Wenn sie am Schluss aus ihrer Opferrolle heraustritt und mit einem kommunikativen Befreiungsschlag zur Täterin wird, hat die Variation endgültig einen Verlauf genommen, mit dem der zweite Roman sich von seinem Vorgänger emanzipiert.

Und auch das Bild Esters hat in den Augen der informierten wie der erstmals Andersson Lesenden Ambivalenz gewonnen, die eine Identifikation mit der Figur nicht mehr so einfach zulässt. Das ist zwar alles andere als ein Happy End, aber die Welt ist ein klein wenig ins Wanken geraten. Und das ist schon irgendwie befriedigend.

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