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Leitmedien

40 Jahre edition suhrkamp

02.05.2003 00:05
Michael Rutschky

Auf die Quizfrage, welches war der erste Band der edition suhrkamp, hätte ich in schöner Gewissheit geantwortet: Theodor W. Adorno, Eingriffe. Neun kritische Modelle. Es war aber Band 10. Band 1 war Brecht, Leben des Galilei, was auf den Deutschunterricht der siebziger Jahre vorausdeutet. Band 2 war Hermann Hesse, Späte Prosa, Unselds all time favorite, wenige Jahre bevor ihn die Hippies in Kalifornien für die Subkultur entdeckten. Band 8 war T. S. Eliot, Mord im Dom. Deutsch von Rudolf Alexander Schröder.

Während der Rückblick sich das verschachtelte Papierwerk der ersten Bände aus Adorno bestehend denkt und Bloch und Marcuse, dann Enzensberger und später Peter Handke, fördert die Realitätsprüfung mit T. S. Eliot ein wahres Leitfossil der fünfziger Jahre zutage. Eliot, ein Kirchenvater der literarischen Moderne und zugleich frommer Anhänger der (anglikanischen) Kirche, rekonstruiert in dem Stück den Mord am Erzbischof Thomas Beckett von Canterbury. Rudolf Alexander Schröder bemühte sich nicht nur um Dichtung und Buchkunst, sondern auch um die evangelische Kirche: Wir schauen in die Zeit hinein wie in ein fernes Land.

Die ersten Titel erweisen die edition suhrkamp als ein Übergangsobjekt erster Klasse. Einerseits verpflichtete sie sich der schönen Literatur, die in den Fünfzigern das kulturelle Leitmedium bildete - mit leise religiösen Implikationen: Band 3 war Beckett, Warten auf Godot, das man ähnlich wie Kafka als Suche nach dem Deus absconditus deuten durfte. Im Windschatten von Brecht und Hesse und Beckett und Eliot durften dann Peter Weiss und Enzensberger und Heinar Kipphardt und Dieter Waldmann erblühen, ja, Dieter Waldmann; während sich mit Adorno und Bloch (Band 11) und Walter Benjamin (Band 17) das Leitmedium der Sechziger und Siebziger ankündigte: Theorie. Wer die Titel der edition suhrkamp verfolgte, schaffte den Übergang, ohne es zu merken. Irgendwann verknüpfte sich in seinem Kopf Brechts Galilei mit Band 287: Jürgen Habermas, Technik und Wissenschaft als "Ideologie"; eigentlich ging es die ganze Zeit um dasselbe. Das macht Sinn und die Funktion von Übergangsobjekten aus. Sie ersparen Trennungsschmerz.

Der Sonderdruck Kleine Geschichte der edition suhrkamp, den der Verlag zum 40. Geburtstag herausgibt, enthält keine Titelliste. Das erschwert satirische Darstellungen all des dialektischen und materialistischen und sozialisationstheoretischen Zeugs, mit dem wir uns bis in die späten Siebziger so genussreich abquälten (dazwischen anhaltend die zarten Gewächse der Belletristik, damit wir die Quälerei nicht so deutlich bemerkten). 1979 endete das Heroenzeitalter mit Jürgen Habermas' Anthologie zur Geistigen Situation der Zeit. Die Verkaufszahlen sanken dramatisch, und der Verlag lancierte eine Neue Folge, wieder mit viel Belletristik beginnend, die im Feuilleton nach den bewährten Schemata als Abfall vom rechten Glauben beklagt wurde. Was inzwischen vorliegt, das ist, wie man so sagt, in jeder Hinsicht respektabel. Bemerkenswert, wie spurlos der Versuch scheiterte, mit einer kleinen Subreihe an das kulturelle Leitmedium der achtziger Jahre anzuschließen, die Bildende Kunst. Die Kleine Geschichte der edition suhrkamp erwähnt diese Kunstbücher nicht ein Mal. Gewiss eignet sich das Taschenbuch, das Belletristik und Theorie rechteckig, praktisch, gut verfügbar macht, für die Augenfreuden der bildenden Kunst denkbar schlecht.

Was bleibt? Am deutlichsten gewiss die frühen Jahre, der schöne Sommer von '63, als wir, frisch vom Gymnasiasten in den Studenten verwandelt, im Freibad lagen und uns an der Radikalität von Adornos Gesellschaftskritik erfreuten. "Die Kulturindustrie", heißt es in den Eingriffen, "grinst: werde was du bist, und ihre Lüge besteht gerade in der wiederholenden Bestätigung und Verfestigung des bloßen Soseins, dessen, wozu der Weltlauf die Menschen gemacht hat." Nein, mit uns konnte das der Kulturindustrie nur misslingen. Da war schon die edition suhrkamp vor.

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