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Leipziger Buchmesse „Überrascht und bewegt“: Leipziger Buchpreis vergeben

Die Leipziger Buchmesse ehrt Esther Kinsky, Karl Schlögel und das Übersetzer-Duo Stöhr und Durkot.

Leipziger Buchmesse 2018
Preisträgerin Esther Kinsky am Donnerstag in Leipzig. Foto: dpa

Die Belletristik-Kategorie beim Preis der Leipziger Buchmesse war immer offener als der Deutsche Buchpreis, der im Frankfurter Messeherbst grundsätzlich Romane auszeichnet. Vom schönen  Untertitel „Geländeroman“, der sehr viel robuster klingt, als „Hain“ ist, sollte man sich aber nicht täuschen lassen: Das bei Suhrkamp veröffentlichte Buch von Esther Kinsky, das gestern auf der Leipziger Buchmesse prämiert wurde, ist ein poetischer Wahrnehmungsselbstversuch, eine Art Langessay, in dem es um italienische Landschaften (Gelände!) geht und um das Weitermachen nach dem Tod eines geschätzten Menschen, was im Leben einer Schriftstellerin vor allem das Weiterschreiben meinen muss.

Dass die Welt der Lebenden und Toten dabei so scharf getrennt ist wie in rumänischen Kirchen – was wir ohne Kinsky nicht wüssten –, birgt den Trost und Schrecken des Endgültigen zugleich. Dass sich Esther Kinsky, Jahrgang 1956, bei der Preisverleihung „überrascht und bewegt“ nannte und das auch zeigte, hatte die besondere Note, die sich bei autobiografischen Projekten immer ergibt, auch wenn dieses hier in eine hochpräzise beschreibende und feinste Zeichnungen aus Worten anfertigende Literatur überführt wird.

Juror Gregor Dotzauer lobte ein „stilles, menschenarmes Buch“, eine „Tonlosigkeit“, die sich zum „Gesang der Dinge“ steigere. An Adalbert Stifter und Peter Handke sah er sich erinnert, mit denen Kinsky in der Tat auch eine gewisse Distanz zu Menschen und Dingen teilt, bei Kinsky ist die Note womöglich noch herber. Von der „zärtlichen Gleichgültigkeit der Erzählerin“ sprach der Juror. Sentimentalität und Betroffenheit jedenfalls mögen sich in einem anderen Literaturuniversum hervorwagen. Vielleicht sei das kein Buch für jeden, sagte Dotzauer noch.

Der mit insgesamt 60.000 Euro dotierte dreigeteilte Buchpreis muss diesmal auf vier verteilt werden. In der Kategorie Übersetzung gewannen Sabine Stöhr und Juri Durkot für ihre deutsche Fassung von Serhij Zhadans Roman „Internat“, der zweite Coup für Suhrkamp.

In der mit heikel zu übertragenden Werken stark besetzten Kategorie – Joshua Cohens mit Neuschöpfungen herumwirbelndes „Buch der Zahlen“ darunter, Laurence Sternes Briefe – wird das auch mit dem Ort der Handlung zusammenhängen: Jurorin Maike Albath nannte in ihrer Laudatio zuerst den „fast vergessenen Krieg“ in der Ostukraine, kam dann aber auf die „eigentümlich hyperwache Stimmung“ und die wuchtigen Satzkaskaden Zhadans zu sprechen.

Stöhr und Durkot hatten zuvor schon erklärt, dass dem Autor angesichts der andauernden Kriegssituation die Leichtigkeit der Vorgängerbücher abhanden gekommen sei. Seine Wahrnehmungsfähigkeit, so die Jurorin, aber nicht. Lebendiger könne man nicht vom Krieg erzählen, lebendiger könne eine Übersetzung nicht sein. Wie kommt Zhadans 2017 in der Ukraine veröffentlichtes Buch dort an? Die Resonanz sei verhalten, so Stöhr und Durkot, der Vorwurf, die Odyssee im Kriegsgebiet sei nicht patriotisch genug, stehe im Raum.

Aus (scheinbar) fernen Zeiten hingegen erzählt Karl Schlögel in „Das sowjetische Jahrhundert. Archäologie einer untergegangenen Welt“ (C. H. Beck) und erhielt dafür den Preis in der Kategorie Sachbuch. Juror Alexander Cammann versprach den Lesern die Gerüche sowjetischen Parfüms und der berühmten Kommunalka, jener Gemeinschaftswohnung, deren Lebensgefühl freilich ebenso verschwunden ist wie die anderen Geschichten der Sowjetzeit, auf die der Osteuropa-Historiker Schlögel, Jahrgang 1948, eingeht.  Er habe den Raum noch einmal öffnen wollen, sagte Schlögel. Dabei, betonte Cammann, lasse sich in Putins Russland der Nachhall all dessen hören, was der Archäologe aufschreibe, der sich hier im übrigen als großer Schriftsteller erweise.

Die unvollendeten Anteile einer gleichwohl restlos beendeten Vergangenheit, ein reizvolles Oberthema, das Kinsky und Schlögel sich teilen, während Osteuropa Schlögel und das  Zhadan-Duo beschäftigte und auch hier Vergangenheit und Gegenwart nur auf den ersten Blick einfach  auseinanderzuhalten sind. So passte zumindest alles zusammen.

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