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Leipziger Buchmesse Nusschale der Menschheit

Sasa Stanisic, Helmut Lethen und Robin Detje haben die Leipziger Buchpreise bekommen. Und verdienen sie, denn die Deutsche Literaturszene wird zu Unrecht kritisiert.

Die Geehrten (v.l.n.r.): Stanisic (Belletristik), Detje (Übersetzung, Lethen (Sachbuch) Foto: dpa

Unter einer starken Belletristik-Konkurrenz klug gewählt hat die Jury des Buchpreises der Leipziger Buchmesse. So klug, dass man es beim Lesen irgendwie schon wusste, allerdings wusste man es bei drei der Konkurrenten auch. So viel zum Thema Übersicht, Eindeutigkeit und Endergebnis. Sasa Stanisics Roman „Vor dem Fest“ ist die literarisch fantastischere, ausuferndere Variante gegenüber dem glücklichen Debütantendoppel Katja Petrowskaja („Vielleicht Esther“) und Per Leo („Flut und Boden“). Und es ist interessanter, einem bereits erfolgreichen, aber nicht berühmten Schriftsteller einen so viel beachteten Preis zu überreichen als einem Büchnerpreisträger. Denn auch Martin Mosebach mit dem „Blutbuchenfest“ wäre eine mehr als nahe liegende Möglichkeit gewesen.

„Vor dem Fest“ erzählt von einem nichtexistenten Dorf in der Uckermark, während Stanisic, Jahrgang 1978, aus Bosnien-Herzegowina stammt und als 14-Jähriger nach Deutschland kam. Dass Maxim Biller kürzlich kritisierte, dass er sich von autobiografischen Themen jetzt (angepasst) mitten in hiesige Gegenden begebe, ist nicht nur ohnehin absurd. Stanisic erklärte auf der Messe dazu noch, dass die Mythen von Fürstenfelde, dieser „Nussschale der Menschheit“ (Ursula März) – und in Fürstenfelde gibt es Mythen zuhauf – von ihm genau so gewählt worden seien, dass sie auch aus seiner Heimat stammen könnten.

Aber wie gesagt: Nicht, dass es einer biografischen Rechtfertigung für die Wahl eines literarischen Themas bedurfte. Der extrem virtuose Text ist figuren- und tonreich, zumal auch das zwar äußerst zweifelhafte, aber hochinteressante, ins 16. Jahrhundert zurückreichende Archiv des Dorfes vorkommt. Dem Ort geht es nicht gut, dennoch geht es merkwürdig freundlich und unverdrossen zu, bemerkte Daniela Strigl zu Recht in ihrer Laudatio. Gleichwohl ist „Vor dem Fest“ kein harmloser, gar wohliger Roman, die Abgründe und die Pointen sitzen. Das erzählende „Wir“ ist sympathisch, aber seltsam. Eine Botschaft, so Stanisic, sei vielleicht: „Es geht immer irgendwie weiter.“

Nichts Sinnloseres zur Zeit, als die deutsche Literatur uninteressant zu finden

Dass 2006 sein Debüt erschien und „Vor dem Fest“ sein zweiter Roman ist, dokumentiert den Langstreckenläufer. Seinem Team, den hilfreichen Uckermärkern sowie dem Luchterhand Verlag, der ihn immer habe ausreden lassen, dankte Stanisic sehr. Kein halbes Jahr ist es her, dass Luchterhand sich auch den Deutschen Buchpreis sicherte, mit dem Buch „Das Ungeheuer“ der in Ungarn geborenen und aufgewachsenen Autorin Terézia Mora.

Es gibt gegenwärtig nichts Sinnloseres, als die deutsche Literatur uninteressant zu finden. Oder quietistisch, woran der Juryvorsitzende Hubert Winkels in seiner Einführungsrede über den offenkundigen Lärm im Zusammenhang mit Literatur (Messehalle, Lewitscharoff) erinnerte.

Ausdifferenziertheit und Virtuosentum bestimmte auch die anderen Preise. Helmut Lethen gewann in der Kategorie Sachbuch mit seinem autobiografischen Großessay „Der Schatten des Fotografen“ (Rowohlt Berlin). Das sei, so Laudator René Aguigah, eine „Verhaltenslehre des Sehens“, aber keine autoritäre, sondern eine, die ausschließlich zum Denken einlade und lange nachwirke. Zwischen dem naiven Glauben an das Bild und dem pauschalen Misstrauen gegenüber dem Bild liegt hier das Nachforschen, Nachschauen, Nachdenken. Bilder sind mysteriös, aber dabei muss man es nicht belassen. Lethen freute sich über den offenbar gleich beiliegenden Scheck (je 15 000 Euro) und grüßte seine fünf Söhne, seine Frau und seine Ex-Frau.

Der Übersetzungspreis ging an Robin Detjes Übertragung von William T. Vollmanns Romanmonstrum „Europe Central“ (Suhrkamp), 2008 im englischen Original erschienen, jetzt erst übersetzt in anderhalbjähriger Arbeit. Dass Detje auch Schauspieler sei, so Laudatorin Sandra Kegel, passe zu seiner Tätigkeit, die ja keine Annäherung, sondern ein regelrechtes Hineinschlüpfen erfordere. In diesem Fall in einen Text, der ein erhebliches sprachliches Spektrum aufruft. So wie es Stanisics Übersetzer dereinst schwer haben werden. Rundum Herz und Großzügigkeit, auch die Einsicht, dass er eine recherchierende Assistentin brauchte, habe er bei Suhrkamp vorgefunden, so Detje. Teamarbeit spielte eine große Rolle an diesem Nachmittag, dennoch mit dem Ergebnis restlos individueller Leistung.

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