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Leipziger Buchmesse Das europäische Wunder

Die Geschichte der Renaissance von Bernd Roeck wirft Fragen auf.

Leuchtturm
Eine entlarvende Frage aus dem Einleitungskapitel: „Warum machte die Not – wenig Land, viel Wasser, viele Überschwemmungen – die Niederländer erfinderisch, die Indianer des Amazonas-Deltas und die um den Yangzi siedelnden Bauern aber nicht?“ Foto: Imago

Natürlich lässt sich aus diesem Buch viel lernen. Es hat fast anderthalbtausend Seiten. Es fragt danach, so der Zürcher Historiker Bernd Roeck, „wie die Renaissance möglich werden konnte“. Und das bedeutet für ihn geradewegs zu erkunden, „wie wir wurden und was wir sind“. 

Wir, das meint hier jenes „europäische Denkkollektiv“, das die Moderne möglich machte, „genauer: ihre westliche, weltweit wirkende Variante“. Und Renaissance heißt für Roeck dabei: „Antikes in Fülle aufgreifen, es weiterdenken, Neues daraus entwickeln, schließlich das Alte überwinden“.

Das Buch geht hierfür weite Wege, blickt nach Florenz und China, behandelt die Medizin und die Musik, schaut sich in der Antike um und stimmt am Ende Denis Diderot zu, der erstaunt beobachtete, dass sich die arroganteste aller Zivilisationen zugleich am radikalsten der Selbstkritik hingebe: „Darin liegt zugleich die größte Stärke des ‚Westens‘, bis heute“, so endet Roeck. 

Auch das lässt sich in diesem Buch also lernen: dass Selbstkritik eine Stärke ist. Dennoch ist dieses für den Preis der Leipziger Buchmesse nominierte Buch irritierend. Dass es an mehreren Stellen teils klischeehaft, teils grotesk vergröbernd ist, mag noch als Paradox solch umfangreicher Vorhaben generell gelten – gerade weil sie den historischen Blick in die Totale zoomen, entwerfen sie verzerrende Bilder.

Die Darstellung der Bauernkriege als „Europas bedeutendste Erhebung der Horizontale seit Menschengedenken“ etwa: eher eine rhetorische Formel. Bitter auch (nicht nur für Althistoriker), wenn nach jahrhundertelanger Differenzierung Protagoras bei Roeck lediglich einer ist, der die „Einsicht in die Subjektivität aller Wahrnehmung“ reflektierte. Kurios geradezu, wenn das Denken des Augustinus schlicht „düster“ genannt wird. 

Derlei mögen noch bloße Vergröberungen sein. Aber Sokrates als Begründer der „besonderen“ „Kultur der Kritik“ des Westens zu nehmen, als ob es die jüdische Tradition der Textkritik etwa nicht gegeben habe? Das entspricht zumindest nicht dem von Bernd Roeck ausgegebenen Ideal seiner Geschichtsschreibung: „Wir wollen nicht richten, sondern berichten“. Denn sein gesamtes Unterfangen feiert ein als europäisch ausgegebenes „Wunderbares“, worunter er vornehmlich den „rationalen, freien Dialog“ versteht. Man kann das feiern, aber man hat es dann nicht mit „tiefer Geschichtsschreibung“, sondern mit einem Manifest zu tun. 

Es sei als Beispiel diese entlarvende Frage aus dem Einleitungskapitel herausgegriffen: „Warum machte die Not – wenig Land, viel Wasser, viele Überschwemmungen – die Niederländer erfinderisch, die Indianer des Amazonas-Deltas und die um den Yangzi siedelnden Bauern aber nicht?“ Ist das eine sinnvolle Frage an die Geschichte oder lediglich Ausdruck eines eurozentristischen Triumphalismus, obwohl Roeck betont, dass er diesen nicht bedienen wolle? Stimmt es überhaupt, war man im Amazonas-Delta nicht erfinderisch? Ist diese behauptete Differenz nicht Illusion oder ist sie vorsätzlich naiv? Und ist das Lob der erfinderischen Niederländer nicht gerade ein „richtendes“ Urteil?

Entsprechend mündet dieses Buch in historische „Lehren“ für die Gegenwart, deren politische Begründung und Reflexion aber fatalerweise fehlen. Die Lehre etwa, dass Toleranz „strategische Vorteile“ verschaffe und „machtpolitisch und ökonomisch“ von Nutzen sei, lässt sich (leider) so einfach weder aus der Geschichte ableiten noch zur Norm erheben. Da hilft es auch nicht viel, wenn Roeck am Ende sagt, es sei eine „ganz andere Frage“, ob diese von ihm geschilderte westliche Geschichte der Moderne „wünschbar“ gewesen wäre: Sein gesamtes Buch predigt ja gerade diese Wünschbarkeit. 

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