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Leichtathletik „Wir nannten sie Smarties“

Die Lebenslüge des Zehnkampf-Olympiasiegers Christian Schenk.

Christian Schenk Olympiasieger im Zehnkampf von 1988 Er steht neben einem Foto von Stefan Warter
Christian Schenk, Olympiasieger im Zehnkampf von 1988 . Foto: imago

Er schluckte Oral-Turinabol-Pillen wie bunte Smarties, er wurde depressiv und hielt sich gar für den Attentäter Anis Amri – 24 Jahre nach seiner Karriere gibt Zehnkampf-Olympiasieger Christian Schenk in seiner Autobiografie „Riss – mein Leben zwischen Hymne und Hölle“ erstmals Doping zu. Zudem spricht der heute 53-Jährige über spätere gravierende psychische Probleme. „Die Depressionen waren so tief gewesen, dass ich sogar daran gedacht hatte, meinem Leben ein Ende zu setzen“, sagte er unlängst in einem vielbeachteten „FAZ“-Interview. Sein größter Erfolg, Olympiagold für die DDR 1988 in Seoul, erscheint 30 Jahre später in einem anderen Licht.

In seinem Buch beschreibt der ehemalige Weltklasse-Zehnkämpfer seine vermeintliche Flucht vor der Polizei zu Silvester 2016, die eine Folge seiner seit 2009 bestehenden Krankheit gewesen sei. „Ich hielt mich für Anis Amri, den Attentäter vom Weihnachtsmarkt auf dem Berliner Breitscheidplatz. Das war für mich der Horror“, gibt Schenk zu, der heute im Haus seiner Eltern auf der Insel Rügen lebt. „Ich habe mich vollständig mit ihm identifiziert.“ Bei dem Anschlag des Terroristen Amri waren am 19. Dezember 2016 zwölf Menschen getötet und viele weitere verletzt worden.

Erstmals gab Schenk zu, dass er schon im Alter von 20 Jahren gedopt habe. „1985. Für mich war das wie das Erreichen der nächsten Stufe, fast eine Würdigung“, sagte der Mecklenburger. „Die Pillen zu bekommen, das bedeutete, dass ich in den Kader aufgenommen war, von dem besondere Leistungen erwartet wurden.“ Niemand habe mit ihm „über Nebenwirkungen oder Risiken“ gesprochen: sein Trainer nicht und auch nicht sein Vater – ein Mediziner.

Durch sein spätes Geständnis wird Schenk aber keinesfalls vom Täter zum Opfer. Er lebte die Lüge. „Anfangs bestritt ich, jemals verbotene Mittel eingenommen zu haben. Dann legte ich mir die juristisch etwas weichere Antwort zurecht, ich hätte nie wissentlich gedopt. Beides war gelogen“, schreibt der WM-Dritte von 1991, der nach der Wende vom SC Empor Rostock zum USC Mainz gewechselt war, in seinem Buch.

Im Höhentrainingslager in Bulgarien habe er erlebt, „dass zu den Mahlzeiten auf den Tellern der Athleten die verschiedensten Pillen ausgeschüttet wurden“, enthüllt Schenk in der Autobiografie auf Seite 156. „Wir nannten sie Smarties. Was genau wir da schluckten, weiß ich nicht.“ Was er aber weiß, seine Verfehlungen sind verjährt. Das ist kein Zufall. Der Termin der Veröffentlichung ist wohl überlegt. Seinen Olympiasieg darf er behalten. Auch deshalb lässt sich in seiner Biografie vermutlich kein wirkliches Unrechtsbewusstsein herauslesen.

Nicht viele Sportbetrüger haben sich in der Vergangenheit nämlich so zynisch und infam zu Wort gemeldet wie er. Bei einem sportpolitischen Seminar im baden-württembergischen Bad Boll etwa rüffelte Schenk den Chefaufklärer Werner Franke: „Hören Sie doch mit dem Mist auf. Das kann doch keiner mehr hören. Sie waren doch nie Athlet.“

Nun aber wissen wir, dieser „Mist“ ist die Wahrheit und wird von Schenk ebenso vermarktet wie sein Leben als vermeintlicher Saubermann nach dem Olympiasieg vor 30 Jahren. (mit dpa)

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