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Kunst „Mit ganzer Leidenschaft“

Der Japaner Isaku Yanaihara erzählt von seinen endlosen Sitzungen mit Alberto Giacometti. Ein faszinierender Bericht.

Alberto Giacometti
Alberto Giacometti mit seiner Frau Annette, die bei den Nachtschwärmereien fast immer dabei war. Foto: afp

Am frühen Nachmittag ist Alberto Giacometti (1901–1966) begeistert: „So weit war ich noch nie. Heute habe ich den Mut, der mir sonst aus unerfindlichen Gründen fehlt. Ich hätte nicht gedacht, dass man so frei sein kann.“ Doch die Euphorie des Künstlers, der sein Modell mit blutunterlaufenen Augen fixiert, währt nicht lange. Bald schon zaudert und zetert er: „Ihre Nasenspitze, ich kriege sie einfach nicht hin. Ach, wenn ich doch nur ein bisschen, ein klein bisschen mehr Mut hätte, Scheiße!“

Der Japaner Isaku Yanaihara (1918–1989) schildert diese durch und durch typische Episode in seinem Tagebuch „Mit Giacometti“, das jetzt erstmals auf Deutsch erscheint. Es ist eine großartige, berührende, lehrreiche Nahaufnahme des Künstlers. Sie zeigt ihn bei der Arbeit, nicht zuletzt beim Scheitern und beim immer wieder aufs Neue beginnen: „Ich darf nicht aufgeben, ich muss weitermachen.“

Oft sieht sich Giacometti kurz vor dem Durchbruch. Dann wieder verzweifelt er, kann die Hand nicht mehr zur Leinwand führen, bricht in einem Falle sogar in Tränen aus. Doch Aufgeben ist keine Option.

Wie Sisyphos wälzt er Tag für Tag und bis in die Nacht den Stein bergauf. Nie wähnt er sich auf dem Gipfel angekommen. Wieder und wieder übermalt er am Ende eines Tages, was er in vielen Stunden zuvor geschaffen hatte. Fast wundert es einen, dass dennoch zahlreiche Werke überliefert sind, die Giacomettis großartige Kunst bezeugen. Diese schmalgestaltigen Figuren und die im Bild sich auflösenden Gesichtszüge – sie zeigen auch eben jenen Isaku Yanaihara. Der Japaner hatte ihm so oft Modell gesessen wie sonst nur noch des Künstlers Mutter, Ehefrau und Bruder Diego.

Der Philosophie-Experte, Lyriker und Kunstkenner Yanaihara, der als Stipendiat nach Paris gekommen war, saß dem Künstler aus Graubünden erstmals 1956 Modell. Dann immer wieder. In 228 Sitzungen zwischen 1956 und 1961. Im kalten Atelier, „das einem verfallenen Schuppen ähnelte“, in der Rue Hippolyte-Maindron 46 im 14. Pariser Arrondissement. Starr auf einem Hocker sitzend, in Anzug und Krawatte. Zurück im Hotel, machte er sich regelmäßig Notizen, gewissenhaft und fern von Eitelkeit. Entstanden ist dabei ein einzigartiger Werkstattbericht und ein liebevolles Künstler-Porträt.

Giacomettis Ringen um das ideale Bildnis, das letzlich unerreichbar ist, führt zu bizarren Szenen. Mehr als einmal verschiebt der Japaner, des Künstlers stilles Sehnen erkennend, seine Abreise nach Japan. Jedes Mal, wenn Giacometti noch ein paar Tage mehr gewinnt fürs Porträtieren, ist er voll des Glücks. Yanaiharas Gesicht im Raum zu porträtieren, ist für ihn zu einer Aufgabe geworden, an der sich seine Kunst beweisen soll. Er will ein realistisches Abbild schaffen, wobei er nicht auf das Äußere des Menschen zielt, sondern auf dessen Wesen.

Yanaihara muss dann eines Wintertages im Jahre 1956 doch nach Japan zurückfliegen. Aber er kehrt in den folgenden Jahren immer wieder nach Paris zurück. Dass darunter seine Karriere als Hochschul-Professor leidet, die – wie es im Nachwort heißt – glänzend begonnen hatte, ist nachweisbar. Aber auch seine Familie wird über die langen Abwesenheiten wenig erfreut gewesen sein. Doch davon liest man fast nichts im Tagebuch.

Wohl aber beteuert Yanaihara, was für „ein Abenteuer“ die Jahre mit Giacometti waren: „Ich ging nirgendwo hin, sah mir nichts an, ich unternahm nichts, sondern saß einfach nur endlos da. Dann reiste ich völlig erschöpft nach Japan zurück. Man kann das natürlich absurd finden. Aber genau diese absurde Geschichte war es wert, mich ihr mit ganzer Leidenschaft zu widmen.“ Das bestätigt er auch noch einmal im Jahre 1960, als er zwei Monate Modell saß – und in dieser Zeit weder ein Gemälde noch eine Skulptur fertiggestellt worden ist. Doch Yanaihara betont, dass er es wieder täte: „Ich würde tausend Schwierigkeiten aus dem Weg räumen, nur um regungslos dazusitzen.“ Er war dem Künstler zudem nicht nur ein faszinierendes Modell, sondern auch ein kompetenter Gesprächspartner. Zu diesem Austausch fand sich allemal Gelegenheit. Vor allem nach den Sitzungen, wenn es auf Mitternacht zuging und man aufbrach, um in Montparnasse oder in der Brasserie Lipp in Saint-Germain-des-Prés zu Abend zu essen.

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