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Kundera „Das Fest der Bedeutungslosigkeit“ Stalin, der nette Alte mit dem Schnauzer

„Das Fest der Bedeutungslosigkeit“: Der 85-jährige Milan Kundera verabschiedet sich mit einem unheimlichen Meisterwerk vom 20. Jahrhundert.

Milan Kundera: Es bleibt die Freundschaft, die dem Erzähler „heilig“ ist. Foto: Hélie Gallimard

Als der 65 Jahre alte Schriftsteller Milan Kundera Mitte der Neunziger seine Sprache als Autor wechselte, vom Tschechischen zum Französischen, war das nicht nur eine formale Anpassung an seine Umgebung seit 1975. Seine Romane schienen sich zu verändern, wurden extrem schmal, wirkten, wie das Klischee es anbietet, eleganter, artifizieller, theoretisierender, womöglich kühler. Jedenfalls kühler, als es manchem Leser von „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ lieb war.

„Das Fest der Bedeutungslosigkeit“, Kunderas vierter Roman auf Französisch, sein erster seit 2001 – und wenn er bei diesem Abstand bleibt, wird es auch sein letzter sein –, lässt noch eine andere Lesart zu: Dass der Dichter sich mit dem Überschreiten einer Sprachgrenze auch darauf vorbereitete, das dunkle Kapitel 20. Jahrhundert für sich abzuschließen. Ist es denn möglich, das dunkle Kapitel 20. Jahrhundert abzuschließen? Und ist das 21. Jahrhundert bisher licht? Natürlich nicht, natürlich nein. Das Angebot, das der Ich-Erzähler im Hintergrund dieses Buches auffächert – man muss ihn unbedingt für den Autor halten oder ihn zumindest mit ihm verwechseln –, ist entsprechend winzig und gewaltig und ironisch gebrochen.

Meisterschaft eines gewieften Schriftstellers

Dargeboten wird es in einer auch für Kunderas Verhältnisse außergewöhnlich kunstvollen Form. Vier Freunde und ein paar weitere Bekannte laufen sich an einigen Sommertagen wie von ungefähr im Jardin du Luxembourg sowie auf einer unheimlich blöden Cocktailparty über den Weg, unterhalten sich, sinnieren. Einige von ihnen trifft man auch alleine. Kunderas Interesse an Film und Theater lässt das künstlich und lebhaft zugleich wirken.

Der Erzähler aus dem Off dirigiert die kurzen Begegnungen, inklusive kleiner Wiederholungen, die das Leben mit sich bringt, ist das ein hochwertiges, dabei unverhohlenes Nachstellen von Wirklichkeit.

Dazu eine scheinbar zwanglose, langsame, aber stete und Aufmerksamkeit heischende Bewegung: Hinter dem „Paravent des Lachens“ bahnt sich eine Frau den Weg zum Ausgang. Wie Staub legt sich das Geschwätz der Partygäste auf den vorzüglichen Rotwein. Eine Feder weht durch den Raum, Vorwegnahme stürzender Engel aus den Fantasien der Figuren (und aus dem 20. Jahrhundert).

Es gibt kleine Geschichten – die Selbstmörderin, die ihren Retter ermordet „um ihren Tod zu retten“, und dann zurück ans Ufer schwimmt und heimfährt – und etliche Sentenzen, aber gute. „Reden, ohne Aufmerksamkeit zu erregen, ist gar nicht leicht!“ Von den Figuren erfährt man ohne Eile und bei optimaler Platzausnutzung weit mehr, als man es 140 Seiten je zutrauen könnte. Das ist die Souveränität, nein, die Meisterschaft des gewieften Schriftstellers. Dessen Personal allerdings im künstlerischen Bereich keine Option mehr sieht.

Ein Dichter gehört zum Freundesquartett, der sich schwor, nie eine Zeile zu schreiben. Ein Catering-Unternehmer arbeitet an einem fiktiven (und wahrlich nur im Roman, nämlich im Kopf realisierbaren) Marionettentheater. Ein erfolgloser Schauspieler ist darunter, der als Servicekraft bei den Aufträgen des Freundes einen Pakistani samt elaborierter Kunstsprache spielt, um wenigstens etwas davon zu haben. Die Gäste interessiert das nicht. Er wird zum „Schauspieler ohne Zuschauer“.

Die Frage übrigens, ob es im mindesten realistisch ist, als „pakistanisch“ sprechende Person in Europa niemals auf einen echten Pakistaner zu treffen, ist gar nicht so nebensächlich. Das Ausmaß, in dem „Das Fest der Bedeutungslosigkeit“ ohne die Gegenwart auskommt, ist über weite Strecken erstaunlich.

Was bleibt zu Beginn des 21. Jahrhunderts aus Sicht des Alterswerks eines 85-Jährigen? Es bleibt die Freundschaft, die dem Erzähler „heilig“ ist. Es bleibt die Möglichkeit zu sprechen, die Gelegenheit, spazieren zu gehen und nachzudenken. Spontanes Mitleid. Spontane Zuneigung. Die Schönheit der Frauen, die so penetrant als Geliebte und Mütter dargestellt werden, dass „Das Fest der Bedeutungslosigkeit“ in dieser Hinsicht auf ebenso rührende wie nervtötende Weise ein Altherrenbuch ist. Es bleiben aber auch die Toten noch ein paar Jahre, bis die, die sich ihrer erinnern, ebenfalls nicht mehr leben.

Die Schrecken des 20. Jahrhunderts verjähren nicht

Die Schrecken des 20. Jahrhunderts, sie verjähren nicht. Aber sie sind mittlerweile lange her. Einer der Freunde berechnet das Alter der anderen danach, wie lange nach Stalins Tod sie auf die Welt kamen. Die viel jüngere, im Roman unsichtbare Freundin eines der vier, schätzungsweise vierzig Jahre danach geboren, nennt, wie uns erzählt wird, irritierend oft die Großen von einst beim falschen oder fehlerhaften Namen. Weiß sie es nicht mehr besser oder will sie den zeitlichen Abstand deutlich machen?

Was bleibt also? Die Zeit, den „Wert der Bedeutungslosigkeit“ anzuerkennen, nicht nur anzuerkennen, sondern sich an ihm zu freuen. Die Zeit, einen Scherz zu machen und darüber zu lachen. Nein, viel ist das nicht, aber auch nicht so wenig.

Dies ist der zentrale Scherz im Buch: eine Stalin-Anekdote. Stalin und die vierundzwanzig Rebhühner. Stalin erzählt demnach, wie ihm nach dem Abschießen von zwölf von vierundzwanzig Rebhühnern die Kugeln ausgingen. Die verbleibenden zwölf warteten aber, bis er zuhause mehr Munition geholt hatte. Er konnte sie hernach in Ruhe ebenfalls abschießen. Der Anekdote zufolge regten sich die prominenten, trotzdem irrsinnig unter Druck stehenden Zuhörer, sobald sie endlich unter sich waren, furchtbar über diese „Lüge“ auf.

Dem Leser von Kunderas Roman fällt auf, dass die Romanfiguren nicht darüber reden, was für eine unzweideutige Drohung Stalin ausspricht: Er wird die Opfer erlegen, die er erlegen will. Die Figuren bei Kundera wiederum wundern sich darüber, dass den Zuhörern nicht klar war, dass Stalin einen Witz erzählt hat. „Niemand in seiner Umgebung wusste mehr, was ein Witz ist“, erklärt einer der Freunde.

Für ihn (und Kundera) markiert die Geschichte den Auftakt zur „Dämmerung der Scherze!“, zur „Epoche des Après-Witzes!“. Während er und seine Freunde jetzt zurückkehren wollen zu Hegels „unendlicher Wohlgemutheit“, zu einer „guten Laune“, die sich gewiss nicht auf einer Cocktailparty finden lässt.

Stalin als gemütlicher Mann

Das ist das Fest der Bedeutungslosigkeit: Im unaufgeführten Marionettentheater und am Ende des Buches treten Stalin und sein nichtiger Getreuer Kalinin (der hier dramatisch inkontinente Namensgeber von Kaliningrad) als kuriose Alte bei einem Kinderfest im Jardin du Luxembourg auf. Die Menschen lachen froh, „das schnauzbärtige Gesicht hat etwas Friedliches, was die Atmosphäre des Parks mit einem idyllischen Hauch aus vergangenen Zeiten auffrischt“.

Findet Kundera, Stalin sei ein gemütlicher Mann gewesen? Nein, es sind die vergnügungswilligen Flaneure des neuen Jahrtausends, die nicht mehr begreifen, wen sie da vor sich haben.

Auch sind die Zeiten (und an dieser Stelle interessiert sich Kundera doch für sie), innerhalb und außerhalb des Romans, schon wieder schlecht für Scherze. Mit vollem Mund schwingen die Cocktailpartybesucher ihre pathetischen Reden. „Das Fest der Bedeutungslosigkeit“ gibt sich sanftmütig. Dahinter tut sich ein Abgrund der Verzweiflung und des Pessimismus auf. Nicht die Bedeutungslosigkeit ist dabei das Entsetzliche, sondern das Unvermögen des Menschen, sie entspannt auszuhalten.

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