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Kuba Der Glaube eines Revolutionärs

Der Reporter Lee Lockwood ging mit offenen Augen durch Kuba. Er hat Castro seit den ersten Tagen der Revolution und fast zehn Jahre danach fotografisch begleitet.

„Jungen mit dem jüngsten Beatles-Album, The Beatles Vol. 3“, Vedado, Havanna, 1965. Foto: Lee Lockwood/Taschen

Wäre das Buch nicht so schwer, wäre es ein perfekter Kuba-Begleiter. Schließlich ist das Land auch mehr als 50 Jahre nach dem Interview mit dem Revolutionsführer Fidel Castro immer noch dessen Kuba. So gebrechlich der alte Mann inzwischen ist, sein politisches System besteht bis heute fort.

Der US-amerikanische Fotograf und Reporter Lee Lockwood hatte Castro seit den ersten Tagen der Revolution und fast zehn Jahre danach fotografisch begleitet und 1965 die seltene Gelegenheit gehabt, den hyperaktiven Genossen eine Woche lang ohne Unterbrechungen zu interviewen. Dieses Interview, das 1967 erstmals in Buchform erschien, hat der Taschen-Verlag samt bisher auch unveröffentlichten Bildern von Lockwood aus jener Epoche herausgebracht.

Ergänzt wird es von einem Vor- und Nachwort von Saul Landau, einem amerikanischen Journalisten, Wissenschaftler und Menschenrechtler. Lockwood starb vor sechs Jahren, Landau vor drei. Sie hatten keine Gelegenheit, den zähen Wandel zu sehen, der Kuba in den letzten Jahren erfasst hat – freilich ist dieser Wandel vor allem materieller Art. Ob die Kubaner politisch aus der von Castro verhängten Zwangsjacke ausbrechen können, wird sich frühestens 2018 zeigen, wenn Fidels Bruder Raul nicht mehr als Präsidentschaftskandidat antreten und erstmals eine Generation die Führung des Landes übernehmen wird, die nicht mehr zu den Revolutionären gehört. Doch unabhängig davon, was dann passiert: Das Foto- und Interview-Buch von Lockwood wird immer ein Zeugnis für einen einzigartigen Moment des gesellschaftlichen Aufbruchs Kubas bleiben.

Es ist einerseits eine bildliche Dokumentation der raschen Veränderungen eines jungen Staates: die Entstehung von Kooperativen, der Aufbau von Kindergärten, die Förderung von Frauen im Berufsleben, die Zusammenarbeit mit der Sowjetunion; es ist andererseits die Dokumentation der Mühen dieses Aufbruchs: die harte Arbeit auf den Zuckerrohrfeldern, in den Fabriken oder der einfache Alltag, in dem Konsum kaum existiert, weil es schlicht keine Konsumangebote gibt. Den Kern des Buches bildet neben den Bildern aber das Interview mit Fidel Castro und wer es liest, will kaum glauben, dass es älter als 50 Jahre ist.

Was Castro zum Beispiel über Havanna sagte, gilt heute noch: „Havanna ist viel zu groß für ein Land unserer Größe und unseres geografischen Zuschnitts. … Wir haben eine überentwickelte Hauptstadt in einem völlig unterentwickelten Land geerbt. Eine moderne Stadt verursacht viele Kosten; Havanna auf demselben Niveau zu halten wie früher, wäre all dem abträglich, was im Landesinneren getan werden muss. Deshalb muss Havanna zwangsläufig ein wenig darunter leiden, dass wir den Verfall so lange außer Acht lassen, bis wieder genügend Mittel vorhanden sind.“

Bis heute gibt es einerseits diese Entwicklungsunterschiede zwischen der Hauptstadt und der Provinz, andererseits gibt es dieses Entwicklungsunterschiede auch innerhalb Havannas selbst. Erst allmählich investiert der Staat und einige wenige Privatleute in den Erhalt des Alten Kuba.

Zugleich zeigt das Interview sehr deutlich, welche gesellschaftlichen Probleme sich abzeichnen. Das Thema Menschenrechte diskutiert Lockwood am Beispiel verschiedener Punkt mit Castro: Homosexualität, Prostitution, Meinungsfreiheit, politische Indoktrination. Wobei Castro das naturgemäß anders darstellt: „Was Sie politische Indoktrination nennen, sollte man korrekter vielleicht als gesellschaftliche Erziehung bezeichnen.“

Lockwood bohrt, konfrontiert Castro mit unangenehmen Fragen und gibt das Gespräch in seinem Buch so lebendig wieder, dass man das Gefühl hat, dem Disput beizuwohnen. Ein Auszug soll das verdeutlichen, es geht um das Bild von den USA, das die kubanischen Medien und die Politik zeichnen:

Lockwood: „… ich möchte auf diesem Punkt noch ein wenig länger beharren. Ich bin persönlich der Meinung, dass Sie mehr zu gewinnen haben, wenn Ihre Gesellschaft frei ist, sich über alle möglichen Dinge im Zusammenhang mit den Vereinigten Staaten zu informieren, als wenn Sie darauf bestehen, ein verzerrtes Bild von uns zu zeichnen. So hat es zum Beispiel in den jüngsten Jahren wachsende Bemühungen unserer Regierung gegeben, den Bürgerrechtskampf der Schwarzen zu unterstützen. Und es wurden überzeugende Gesetze verabschiedet. Darüber könnte die kubanische Presse auch mal berichten – neben der Tatsache, dass es Unruhen der Schwarzen in Kalifornien gibt oder dass der Ku-Klux-Klan in Georgia und Alabama marschiert, was das Einzige ist, worüber Sie überhaupt berichten.“

Vielfache Deutungsmöglichkeiten

Castro: „Soweit ich weiß, ist über die Gesetzgebung hier berichtet worden, obwohl wir natürlich einen ganz anderen Standpunkt dazu vertreten als Sie. Wir glauben, dass das Problem der Diskriminierung eine wirtschaftliche Komponente und Grundlage hat, die zu einer Klassengesellschaft passt, in der Menschen von Menschen ausgebeutet werden. Das ist fraglos ein schwieriges, komplexes Problem. Wir haben auch unsere Erfahrungen mit der Diskriminierung gemacht. Die Diskriminierung verschwand mit dem Ende der Klassenprivilegien, und es hat die Revolution nicht viel Mühe gekostet, das Problem zu lösen. Ich glaube nicht, dass das in den Vereinigten Staaten hätte getan werden können …“

Das Interview lässt sich auf vielfache Art lesen und deuten. Man kann über den Glauben eines Revolutionärs staunen, der menschliche Gewohnheiten und Urbedürfnisse, wie die nach einem individuell sinnvollen Leben, schlicht ignoriert, weil für ihn nicht der Einzelne, sondern die Masse im Zentrum steht. Man kann über die offene Atmosphäre des Gesprächs staunen, Eingeständnisse, wie etwa das über die fehlende öffentliche Kritik im Land, man kann in dem Interview aber auch schon all die Konflikte und Probleme erkennen, denen Kuba in den Jahrzehnten danach ausgesetzt sein wird.

Lockwood hängt an das Interview noch ein Fazit an, es erweist sich – 50 Jahre später – als erschreckend prophetisch: Er sagt nicht nur voraus, dass die Unterdrückung freier Meinung und Kritik sich institutionalisieren würde, er ahnt auch, dass seine eigene Regierung sieben Millionen Menschen in Geiselhaft nehmen wird, auch wenn er an sie appelliert, das Verhältnis zu Kuba zu überdenken. Nicht nur in diesen Punkten sollte er Recht haben, leider.

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