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Kroatien Die Behutsamkeit ist Programm

Slavko Goldsteins nachdenkliches Buch über das Jahr 1941 in Kroatien ist vorbildlich – nicht nur mit Blick auf ein Land, in dem Perspektivwechsel als Sakrileg gelten.

Jasenovac
Das Gedenken am ehemaligen KZ Jasenovac ist perspektivisch zumeist eingeschränkt. Foto: afp

Lohnt es sich, knapp 600 Seiten über Faschismus und Massenmord in einem kleinen Land in Südosteuropa zu lesen, wo es doch an Schrecklichem aus derselben Zeit im eigenen Land wahrlich keinen Mangel hat? Die Antwort ist: Ja, es lohnt sich. Kroatien geht mit seiner Geschichte ganz anders um als Deutschland; bei vielen, vielleicht den meisten hier fehlt die eigentlich doch selbstverständliche, tiefe Empörung über das Geschehen. Gerade das aber fordert den Autor Slavko Goldstein heraus, mit moralischer Präzision zu argumentieren. 

Goldsteins Interesse gilt den Stellen, an denen das Banale ins Furchtbare, das Menschliche ins Unmenschliche hinübergleitet. Viel Ungeheuerliches kommt vor, aber nur wenige echte Ungeheuer. Immer wieder legt er die Dilemmata dar, denen in der Zeit der Ustascha-Herrschaft 1941 bis 1945 niemand entkam, nicht einmal ein junger jüdischer Partisan. Jenen, die sich nachher für die Verbrechen der eigenen Nation schämten und entschuldigen wollten, hört Goldstein sehr genau zu – Vinko Nikolic zum Beispiel, einem prominenten Emigranten, der in seiner Jugend dem faschistischen Staate diente und der später von Argentinien und dann von Barcelona aus ein unabhängiges Kroatien forderte. 

Das Ustascha-Vernichtungslager Jasenovac nannte der „geläuterte“ Nikolic einmal „unsere große kroatische Wunde und eine noch größere Schande, die uns in der Seele wehtut und die uns die Schamesröte ins Gesicht treibt“. Dass Jasenovac aber „für Serben, Juden und Roma eine mindestens ebenso große Wunde war“, fährt ihm der Autor in die Selbstbezichtigung, „findet er an dieser Stelle nicht einmal erwähnenswert“. Scham über das Verbrechen oder der Stolz darauf; beides kommt aus derselben, falschen, engen Perspektive. Wer sich mit den Björn Höckes auseinandersetzen will, findet hier die richtigen Argumente.

Slavko Goldstein wurde 1928 in Sarajevo in eine jüdische Familie geboren und wuchs auf in Karlovac, einem verschlafenen k. u. k. Garnisonstädtchen südwestlich von Zagreb. Im April 1941, in dem Jahr, um das es vor allem geht, überfiel die deutsche Wehrmacht Jugoslawien. Aus dem Zentrum des Vielvölkerstaats formten die Deutschen den „Unabhängigen Staat Kroatien“, bestehend aus Bosnien-Herzegowina und der heutigen Republik Kroatien. Die Macht übertrugen sie Ante Pavelic, dem kroatischen „Führer“, und seiner faschistischen Partei, den „Ustasche“. 

Goldstein verwebt seine Erzählung mit erforschten Fällen

Der noch nicht 13-jährige Slavko erlebte binnen eines Jahres, wie der Vater, ein liberaler, zionistisch empfindender Buchhändler, abgeholt und dann in ein Lager verschleppt wurde, wo er gemeinsam mit allen anderen Häftlingen umkam, wie auch die Mutter verhaftet wurde und er mit seinem kleinen Bruder auf die Hilfe von Freunden der Familie angewiesen waren. Die Mutter kam frei, setzte sich mit Hilfe eines Beamten in die italienisch besetzte Zone und von dort zu den Partisanen ab. Mit der Familie wieder vereint, bewährte sich schon der 14-Jährige, wie nicht wenige seiner Altersgenossen, dort als Kurier. 

Dass Goldstein seine Erlebnisse 1941 zuweilen szenisch erzählt, hat nichts Konstruiertes; genau so werden sie sich ins Gedächtnis des Jungen eingegraben haben. Er verwebt seine Erzählung mit erforschten Fällen, Morden, sogenannten Säuberungen, mit dem historischen Hintergrund und mit grundsätzlichen Reflexionen. Aber er tut es so, dass man immer weiß, was er selbst erlebt, was er gehört und was er recherchiert hat und welche Gedanken von damals und welche von heute sind. Die Behutsamkeit ist Programm. Das 20. Jahrhundert, so Goldstein am Schluss, habe uns gelehrt, „dass der Zweifel keine unverzeihliche Schwäche, sondern ein notwendiges Aufbäumen gegen verhängnisvolle Überzeugungen ist“.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

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