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Kritik der politischen Philosophie Vom verfehlten Realismus

Raymond Geuss’ „Kritik der politischen Philosophie“ erfüllt die hohen Erwartungen nicht, sondern verliert sich in abstrakten Allgemeinheiten. Er verwirft auch jeden Ansatz zu einer grundsätzlichen Kritik der herrschenden Verhältnisse als Verkennung der Realität.

06.07.2011 16:32
Von Rolf Wiggershaus

Der Titel „Kritik der politischen Philosophie“ weckt hohe Erwartungen. Hilfreich für das Verständnis dieser „Streitschrift“ des Cambridger Philosophieprofessors Raymond Geuss ist aber der eigenwillige Titel des 2007 in Athen gehaltenen Vortrags, aus dem sie hervorging: „(Lenin), Rawls, and Political Philosophy“.

Geuss’ Verfahrensweise ist offensichtlich geschult am späten Wittgenstein und dessen Kritik an der eigenen früheren Position. Statt jenseits der Sprachpraxis in einem Vakuum eine von Vieldeutigkeiten und Widersprüchen freie Idealsprache zu konstruieren, sollte Sprache als Teil von Sprachspielen, von Lebensformen betrachtet werden, die funktionieren, ohne bis ins letzte geregelt und begründbar zu sein. Auf ähnliche Weise stellt Geuss einer unrealistischen „Idealtheorie“ der Ethik, die meint, man könne diesen Gegenstand erforschen und systematisieren, „ohne ihn fortwährend im übrigen menschlichen Leben zu verorten und ohne unentwegt zu reflektieren, welche Beziehungen die in der Ethik aufgestellten Thesen zur Geschichte, Soziologie, Ethnologie, Psychologie und Ökonomie haben“, einen realistischen Ansatz gegenüber, für den Politik in einem sehr allgemeinen Sinn immer auch eine „ethische“ Aktivität darstellt.

Doch was bei Wittgenstein eine bahnbrechende sprachphilosophische Leistung mit exemplarischem Stellenwert und weitreichenden Folgen wurde, gerät beim politischen Philosophen Geuss weniger überzeugend. Sein Buch enthält zwar im einzelnen anregende kritische Bemerkungen und Beispiele etwa zu Kategorien wie Gleichheit oder Fairness, macht es sich aber insgesamt zu leicht.

Ein „fruchtbarer“ Zugriff?

In dekretierendem Stil präsentiert Geuss im ersten Teil des Bandes – „Realismus“ – seine Position. Offenbar um eine Berufung auf Intuitionen, eigene Erfahrungen oder konkrete Forschungen zu vermeiden, führt er als „These dieser Schrift“ ein, dass „vier zusammenhängende Thesen“ – etwa „politische Philosophie“ müsse „immer realistisch sein“ oder „Politik ist immer historisch verortet“ – einen „fruchtbareren Zugriff auf die Politik erlauben als jede Spielart von ,Ethik-hat-Vorrang‘“.

Den nächsten Schritt bilden drei „Hauptfragen der politischen Philosophie“. Dabei handelt es sich um von Geuss weiterentwickelte Fragen von Lenin – „Wer wen?“ –, Nietzsche – Fragen nach „Prioritäten, Präferenzen, Wahl des richtigen Augenblicks“ – und Max Weber – Fragen nach „Legitimität“. Den Abschluss bilden fünf „Stichworte“, unter denen sich laut Geuss die Aufgaben der politischen Philosophie diskutieren lassen. Sie reichen von „Verständnis“ über „Orientierung“ bis zu „Ideologie“.

Autoritativ und begründungsarm wirkt auch der Stil des zweiten Teils: „Verfehlter Realismus“. Als Hauptbeispiel für „modische“ Arten, „den Realismus zu verfehlen“, dient Geuss John Rawls’ Auszeichnung der Gerechtigkeit als maßgeblicher politischer Tugend. In dem zu einem Klassiker der politischen Philosophie gewordenen Band „Eine Theorie der Gerechtigkeit“ hatte Rawls 1971 in Abwandlung eines traditionellen aufklärerischen Motivs das Modell eines Urzustandes entworfen. Bei den Entschlüssen darüber, welche Regeln und Institutionen unser Leben bestimmen sollen, sollte ein „Schleier des Nichtwissens“ dafür sorgen, dass niemand weiß, welche Position er einnehmen wird. Also muss jeder sich in die Position jedes Mitglieds der Gesellschaft hineinversetzen und überlegen, was dessen Wohl fördert, denn er könnte sich ja später an jeder dieser Stellen wiederfinden. So sollte durch faire Bedingungen bei den Beschlüssen für ein Höchstmaß an Gerechtigkeit gesorgt werden.

Unbekümmert um die lange Geschichte der Auseinandersetzungen mit diesem Denkmodell und seine Rolle führt Geuss als einen zentralen Kritikpunkt an, dass Rawls’ Idee an Magie grenze. Sollten wirklich allgemeine Machtverhältnisse einen unbewusst bleibenden deformierenden Einfluss auf die Bildung unserer Überzeugungen und Präferenzen haben, ließen diese sich nicht durch die Aufforderung neutralisieren, man solle sich vorstellen, man hätte sie nicht.

Verwechslung und Polemik

Damit verwechselt der „Realist“ Geuss nicht nur einen gedanklichen Fairnesstest mit einem realen Entscheidungsprozess, er verwirft auch jeden Ansatz zu einer grundsätzlichen Kritik der herrschenden Verhältnisse als Verkennung der Realität.

Das Modell des Urzustandes war ein Versuch Rawls’, „unsere Intuitionen“ zu artikulieren und zu systematisieren. Auf wen sich das „Wir“ beziehen solle, fragt Geuss polemisch und wertet es letztlich als ein Überredungs- und Bekehrungsmanöver. Doch im „Realismus“-Teil seines Buches spricht Geuss selber von „wir“ und „uns“, und das ohne den geringsten Versuch einer Klärung, worauf er sich damit bezieht. Auch die den Verfechtern von „Ethik-hat-Vorrang“ als Versäumnis vorgehaltene Bezugnahme auf Geschichte, Soziologie, Ökonomie usw. wird von ihm selber nur in Form locker eingestreuter und sich mit Allgemeinwissen begnügender Beispiele und Fragen praktiziert.

Konsequenterweise aber müsste nach seiner Gegenüberstellung von „Realismus“ und „Verfehltem Realismus“ politische Philosophie sich in interdisziplinäre wissenschaftliche Forschung verwandeln. So bleiben am Ende als Resümee des Streits nicht viel mehr als abstrakte Allgemeinheiten: einerseits Geuss’ „kritische“ Feststellung, dass „salbungsvolles Reden“ keine „wirksame Art ist, das menschliche Verhalten zu verbessern“, und andererseits der „positive“ Ratschlag: „Wer über Politik nachdenken will, sollte zuerst über Macht nachdenken.“

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