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Krimipreis Die Investoren und der Rübenacker

„Der Tod in den stillen Winkeln des Lebens“: Oliver Bottinis neuer Roman, gerade mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet, erzählt vom globalisierten Kampf um fruchtbaren Boden.

Rumänien
Das Objekt tödlicher Begierde: Landwirtschaftliche Flächen in Rumänien. Foto: afp

Es geschah 2011: Zehn Menschen kamen ums Leben, fast hundert wurden verletzt, als auf der Autobahn nahe Rostock mehr als 40 Fahrzeuge ineinander rasten. Es herrschte Sturm, eine riesige Sand-und-Erde-Wolke hatte den Fahrern überraschend die Sicht genommen. Der Schriftsteller Oliver Bottini stellt diesen (realen) Unfall an den Anfang seines neuen Kriminalromans, er lässt eine seine Hauptfiguren dabei seine Familie verlieren. Und er führt zugleich in sein eigentliches Thema: Die Gier nach fruchtbarem Land, die dazu führt, dass noch der letzte Hektar aufgekauft, die letzte Hecke, die ein Windschutz sein könnte, gerodet wird. Besonders nach 1989, nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, gab es wohl in Osteuropa, auch in den neuen Bundesländern kein Halten mehr. 

Bottini, der 2004 mit Krimis um eine alkoholkranke Kommissarin namens Louise Bonì begann (sie wurden auch verfilmt), wird von Roman zu Roman politischer. Ein Stipendium ermöglichte ihm diesmal eine Recherchereise nach Rumänien, dort und in Mecklenburg spielt „Der Tod in den stillen Winkeln des Lebens“. Diese „stillen Winkel“ sind abgelegene Höfe, Weiler, Dörfer, wo in den letzten Jahren ein internationaler Bieterwettstreit um Grund und Boden tobte. „Vierzig Prozent von Rumänien gehören den Ausländern schon“, lässt Bottini den fiktiven rumänischen Polizisten Ciprian Rusu, genannt Cippo, sagen. Gehört zum Beispiel den Deutschen, Österreichern, Dänen, Italienern, Amerikanern – aber vor allem den Saudis, Ägyptern, dazu Investoren aus den Vereinigten Arabischen Emiraten. Der Autor wird es gut recherchiert haben. 

Und die ausländischen Investoren wollen möglichst große zusammenhängende Ackerflächen, das ist profitabler. Sind die Besitzer kleinerer und kleiner Höfe nicht willig zu verkaufen, heuern sie in Oliver Bottinis Roman schon mal Schläger an. So beginnt dann die Krimihandlung: Die Tochter eines deutschen Landwirts, Jörg Marthen, wird getötet. „Nur“ Angst einjagen will man der Familie, die junge Frau aber wehrt sich heftig, der Täter hat sich bald nicht mehr im Griff. Cippo soll den Mordfall an der jungen Deutschen aufklären. 

Es ist ein hochkomplexer Roman, in dessen Zentrum zwar die internationalen Geschäfte um landwirtschaftliche Flächen stehen – und es sind nicht selten rücksichtslose, die Einheimischen übervorteilende Geschäfte -, der aber, um den Titel aufzugreifen, in viele Winkel des Lebens guckt. 

Ein umfangreiches Personenverzeichnis am Ende zeigt, wie weit das Handlungs- und Themennetz ist, das Bottini aufspannt. Es spricht für das Geschick des Autors, dass man auch ohne Rückgriff aufs Verzeichnis den Faden und die Hauptfiguren nicht aus dem Blick verliert. Und dass lose Enden nicht stören. 

Eine Wirklichkeit wird hier nuanciert abgebildet, in der Menschen trauern, zerbrechen oder einen Neuanfang versuchen. In der ein Kommissar sich seiner Securitate-Vergangenheit stellen muss. In der eine Frau ebenso hofft wie fürchtet, dass eines Tages die Gebeine oder andere Spuren ihrer wahrscheinlich von der Securitate ermordeten Eltern gefunden werden. In der die einen es nach 1989 geschickt angestellt haben, die anderen den Kürzeren zogen. Globalisierung ist ein Stichwort. Vergangenheitsbewältigung – in Rumänien durch das „Institut für die Aufarbeitung der kommunistischen Verbrechen“ – ein anderes. 

Bottini weiß Cliffhanger und Actionszenen durchaus einzusetzen, aber glücklicherweise in Maßen. Denn der Roman überzeugt vor allem, weil er stets aufmerksam auf die Menschen, ihr Verfangensein in der Geschichte und ihre Versuche schaut, sich von Fall zu Fall dem Leben zu stellen, sich von Fall zu Fall durchzuwursteln, wie es Menschenart ist. 

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