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Kriminalromane Rätsel in Carrickfergus

Zwei gute und traditionelle Polizeikrimis des Amerikaners Michael Connelly und des Nordiren Adrian McKinty.

Belfast
Eine Straßensperre des britischen Militärs in Belfast. Foto: afp

Michael Connelly war Polizeireporter bei der „Los Angeles Times“, ehe er Krimiautor wurde. Von Anfang an hat er Wert gelegt auf eine einigermaßen getreuliche Abbildung des Polizeialltags – seine Kunst ist, dass er das ohne Längen und Leerlauf hinbekommt. Einmal mehr spürt man nun in „Scharfschuss“ Connellys tiefe Kenntnis der polizeilichen Arbeitsabläufe; am Ende des Buches bedankt er sich denn auch namentlich bei drei US-Detectives. „Scharfschuss“ lautet der deutsche Titel des 19. Harry-Bosch-Romans „The Burning Room“ (auf Englisch gibt es bereits einen 20., „The Crossing“). Connellys altes Ermittlerschlachtross Harry – eigentlich: Hieronymus – Bosch erwartet, dass er bald in Rente geschickt wird. Ein Graus für einen, der gar nicht wüsste, was er ohne Arbeit und Action mit sich anfangen sollte.

Einstweilen darf sich Bosch aber noch an alten Fällen die Zähne ausbeißen. Dabei ganz frisch an seiner Seite: eine junge Kollegin, die „Lucky Lucy“ genannt wird, weil sie eine Schießerei mit einer Bande nicht nur überlebte, sondern auch zwei Mitglieder in Schach hielt, bis Verstärkung kam. Lucky Lucy, eigentlich Lucia Soto, hat mexikanische Wurzeln und spricht Spanisch, was günstig ist für den ersten gemeinsamen Fall: Vor zehn Jahren wurde ein Mariachi-Musiker angeschossen, jetzt ist er an den Spätfolgen gestorben, die Tat wurde nie aufgeklärt.

Bosch und Soto beginnen, die Sache sorgfältig wieder aufzurollen. Und auch gleich eine zweite: Ein Brand in einem Wohnblock, bei dem Kinder in einer illegalen Kita ums Leben kamen. Krimiautoren lassen ihre Ermittlerfiguren gern persönlich betroffen sein, also wurde die kleine Lucia einst von einem Feuerwehrmann aus eben dieser Kita gerettet. Sie hat sich die Namen ihrer toten einstigen Spielkameraden auf den Arm tätowieren lassen und beschlossen, Polizistin zu werden.

Soweit die Verknüpfungen, die man ein wenig gewollt finden kann. Allerdings untermauert Michael Connelly jeden Zufall, den er sich leistet, mit fleißigen Detectives, die Akten studieren, Zeugen befragen, Kaffee holen, stoisch neben der Pathologin stehen (nur Bosch, Soto verzichtet lieber), Videos sichten, Kaffee holen, Durchsuchungsbefehle besorgen, mit Staatsanwälten reden. Schritt um Schritt werden Zusammenhänge sichtbar und Täter eingekreist. Eine Erfolgs- und Alles-gelöst-Geschichte ist „Scharfschuss“ aber nur zum Teil. Auch das macht diesen Krimi zuletzt plausibel genug.

Auch in den Kriminalromanen des (mittlerweile in Australien lebenden) Nordiren Adrian McKinty läuft beileibe nicht immer alles gut und glatt. Und auch bei ihm spielt das Klein-Klein der Ermittlerarbeit eine gehörige, die ganze Geschichte erdende Rolle. Allerdings stehen seinen Polizisten weit weniger technische Tricks und Verfahren zur Verfügung, denn McKintys Reihe um den katholischen Detective Inspector Sean Duffy spielt im Nordirland der „Troubles“ und zur Zeit der Thatcher-Regierung. Der Tod von Kollegen hat Duffy gelehrt, zum Beispiel immer zuerst unters Auto zu gucken, wenn es irgendwo eine Weile geparkt war. Und im Zweifelsfall die Spezialisten zu rufen, die sich aufs Entschärfen von (Auto-)Bomben verstehen.

„Rain Dogs“ ist der fünfte Sean-Duffy-Roman McKintys, am Ende darf seine nicht spektakulär fähige, aber zähe Hauptfigur Vater werden – ein nicht mehr ganz junger Vater übrigens, der Altersunterschied zu seiner Freundin wird mehrfach thematisiert.

Der 1968 in Belfast geborene McKinty erlaubt sich gern kleine Insider-Scherze: Ein mürrischer Kollege Sean Duffys zum Beispiel heißt Dalziel, wie eine berühmte Stinkstiefel-Figur Reginald Hills; ein Vorgesetzter Duffys trägt den Namen Ed McBain, wohl nach dem großen, bereits verstorbenen Autor von Polizeiromanen. „Rain Dogs“ spielt außerdem mit einem Schauplatz, wie ihn Agatha Christie nicht schöner erdacht haben könnte: Der Hausmeister von Carrickfergus Castle findet morgens eine Tote auf dem Burggelände, zu dem es definitiv nachts keinen Zugang gab. Das kann doch nur ein Selbstmord gewesen sein. Oder der alte Hausmeister ist nicht so harmlos, wie er wirkt.

Adrian McKinty spinnt eine ziemlich raffinierte, vielschichtige Handlung um das Wie-kam-ein-Mörder-in-die-Burg-Geheimnis. Er setzt dabei auch auf die Informiertheit seiner Leser, wenn er etwa Duffy einen damals schon recht berühmten BBC-Moderator namens Jimmy Savile befragen lässt – erst nach Saviles Tod im Jahr 2011 wurde öffentlich, dass er offenbar Hunderte von Kindern sexuell missbraucht hatte, indem er so tat, als tue er in Kinderheimen Gutes. Wer weiß, dass Savile Zeit seines Lebens straffrei blieb, wird auch ahnen, dass man ihn in diesem Kriminalroman wohl kaum überführen wird.

Gerade deswegen ist „Rain Dogs“ – ja, es regnet viel in McKintys Nordirland – ein eindrucksvolles Abbild der Zeit, in der dieser Roman spielt. Bei der Polizei machen Männer die Jobs unter sich aus und wenn eine Frau eine Abtreibung will, muss sie nach England reisen und dort eine der äußerst diskreten Kliniken aufsuchen. Duffy reist mit seiner Freundin, obwohl ihn das den Job kosten kann. Und sie überlegt es sich anders, so dass man sich als Nächstes wohl auf einen nicht nur ermittelnden, sondern auch sein Kind versorgenden Duffy freuen kann.

Michael Connelly: Scharfschuss.
A. d. Engl. von Sepp Leeb. Droemer, München 2016. 464 S., 22,99 Euro.

Adrian McKinty: Rain Dogs.
A. d. Engl. v. Peter Torberg. Suhrkamp, Berlin 2017. 404 S., 14,95 Euro.

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