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Kriminalroman Die Wüste der bösen Ahnungen

James Andersons atmosphärisch reicher, in Utah spielender Kriminalroman „Desert Moon“.

USA
Utah, die Wüste, eine Straße. Foto: imago

Ein Mann, sein Truck, der Highway 117 und die Wüste von Utah: Nicht viel mehr braucht der amerikanische Autor James Anderson für seinen Kriminalroman „Desert Moon“. Na ja, ein paar Nebenfiguren noch, die jeweils eine Menge Schicksal hinter ihrem Rücken verbergen.

Da ist Walt Butterfield, 79, aber mit der Kraft eines weit Jüngeren. Walt hat einst, 1987, die Männer getötet, die seine Frau vergewaltigten und schwer verletzten. Seitdem ist sein Diner (fast) immer geschlossen. Und Trucker Ben kann nicht sagen, ob er nun Walts bester Freund ist oder eher nicht. Da ist die schwangere, obdachlose Ginny, ein Teenager, der davon träumt, aufs College zu gehen. Ben war mal mit ihrer Mutter zusammen, also sucht Ginny bei ihm Hilfe. Da ist eine mysteriöse Frau in einem abgelegenen Haus – aber welches Haus, könnte man fragen, ist in der Wüste Utahs nicht abgelegen? –, die Ben dabei beobachtet, wie sie nackt ein imaginäres Cello spielt. Auf der Stelle verliebt er sich. Da ist der Prediger, an dem Ben regelmäßig vorbeifährt, während er in Hitze und Staub ein Kreuz die Straße entlang schleppt. Und wieder zurück. Der seltsame Büßer ist Gründer der „Ersten Kirche des Wüstenkreuzes“, was auch immer das für eine Glaubensgemeinschaft sein soll,

Minimal ist in „Desert Moon“, was man Krimihandlung nennen kann. Sie geht, natürlich, von der geheimnisvollen Frau am Luftcello aus, die ihren Mann verlassen hat – womöglich bei der Gelegenheit ein äußerst wertvolles Instrument stehlend. Ist also der Mann, der unbedingt ein paar Tage lang in Bens Truck mitfahren möchte, tatsächlich von einer TV-Produktionsfirma, wie er sagt, die einen Film über die Arbeit eines Truckers machen möchte? Oder steht er in Diensten des reichen Ehemannes, der Leute engagiert, seine Frau (und das Cello) zu finden? Ben Jones zögert, das Geld zu nehmen, das man ihm für die Filmrecherche anbietet, obwohl seine Ein-Mann-Spedition so gut wie pleite, er mit den Ratenzahlungen für seinen nur geleasten Laster schwer im Verzug ist.

Aber immer noch ist er zuverlässig. Auf jede popelige, rumpelige, manchmal gefährliche Seitenstraße fährt Ben mit seinem Laster ab, um den Leuten Sachen zu bringen, die sie bestellt haben; und sei es auch nur ein Karton Eiscreme. Aber vor allem fährt er auf der einsamen State Street 117, die er liebt, soweit man eine Straße überhaupt lieben kann: „Der Highway vor mir rekelte sich in der Sonne. Er gehörte mir, ein schönes Gefühl. Dass er nur mir gehörte, weil ihn sonst niemand haben wollte, störte mich nicht.“

Die Dinge spitzen sich in diesem späten Debütroman – James Anderson hat davor unter anderem als Trucker gearbeitet – so langsam zu, dass man schon meinen könnte, Ben sieht Gespenster. Fühlt sich verfolgt, ist misstrauisch, wo es gar keinen Grund gibt zu Misstrauen. Es ist eine Geschichte, die von den lakonischen Dialogen, den Himmels- und Wüsten- und Wetterbeschreibungen lebt. Von der faszinierenden Trostlosigkeit auf Bens Wegen. Den Figuren, die einerseits wie aus Zeit und Raum gefallen sind. Die andererseits faszinieren in ihrer Seltsamkeit, der Krassheit ihrer Seelenverletzungen.

Der Himmel über der Wüste mag leuchten, ein atemberaubender Mond mag über dem Diner, das niemals öffnet, stehen, es ist dennoch ein durch und durch dunkler Roman, der böse Ahnungen weckt. In der „verdammt großen Wüste“ gehen Menschen verloren oder verlieren sich selbst. Und auch die Polizei, die es hier eher am Rande gibt, vermag sie nicht zu finden.

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