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Krimiautorin Ruth Rendell gestorben Der Volkswagen unter den Ermittlern

Zum Tode von Ruth Rendell, Erfinderin des gänzlich unkapriziösen Inspector Wexford, und Autorin mit spannendem Doppelleben als Barbara Vine.

Die britische Krimi-Schriftstellerin Ruth Rendell, 1991. Foto: dpa

Im Jahr 1964 erschien ein Kriminalroman, in dem weder eine schrullige alte Dame, noch ein exzentrisches, drogenabhängiges Kombinationsgenie, noch ein dichtender Feingeist Mörder überführten, sondern sozusagen der Volkswagen unter den Ermittlern: Inspector Wexford ist weder adlig noch gutaussehend, hat eine ziemlich langweilige Frau und zwei Töchter, trinkt höchstens mal ein Bier im Pub (aber ach, das Bäuchlein), in seiner Freizeit gärtnert er gern, macht ansonsten gewissenhaft seine Polizeiarbeit – ist, kurz gesagt, ein durchschnittlicher britischer Bloke in einem durchschnittlichen (fiktiven) britischen Kaff namens Kingsmarkham. Allerdings lässt er sich auch von niemandem auf der Nase herumtanzen, da ist er wie seine Erfinderin Ruth Rendell, die ihren Inspector insgesamt 24 Fälle lösen lassen konnte zwischen 1964 („From Doon with Death“, dt. „Alles Liebe vom Tod“) bis 2013, als das von der Kritik etwas gerupfte „No Man’s Nightingale“ erschien. Der passend unglamouröse George Baker spielte Wexford, als dieser es von 1987 an ins englische, später auch ins deutsche Fernsehen schaffte.

Schreiberisches Doppelleben

Ruth Rendell, geboren 1930 in South Woodford, London, gestorben am vergangenen Samstag an den Folgen eines Schlaganfalls, hasste es angeblich, wenn man sie „Queen of Crime“ nannte: Sie wollte nicht (nur) in diese Schublade gesteckt werden. Und in der Tat darf man sie nicht reduzieren auf ihre grundsolide, aber stilistisch gewiss nicht brillante Wexford-Reihe: Ruth Rendell führte ein schreiberisches Doppel-, ja Dreifachleben, sie veröffentlichte sowohl unter ihrem Namen als auch und vor allem als Barbara Vine Psychothriller, die es in sich haben konnten. Sie verließ dann den sicheren Wexford-Grund, versetzte sich auch mal radikal – und zur Bestürzung manchen Lesers: durchaus verständnisvoll – hinein in eine Täterseele.

Effekte, Geisterbahn-Grusel verschmähte sie

Man könnte Barbara Vine/Ruth Rendell altmodisch nennen, und es wäre ein Lob: Denn der oberflächliche Effekt, der Geisterbahn-Grusel war ihre Sache nicht. Ob in ihren Wexford-Whodunnits oder den anderen Romanen (insgesamt waren es zuletzt mehr als 50), immer interessierten Rendell die allzumenschlichen Beweggründe ihrer Figuren. Sie drechselte keine künstlichen Serienmörder-Psychen, sie ließ ganz normale Leute aus ziemlich unauffälligen Familien Liebe, Hass, Eifersucht, Neid, Gier, Angst, Panik empfinden und oft aus einem Impuls heraus töten. Sie schuf keine Monster, vielleicht sind ihre Thriller gerade darum spannend: So ein Mörder konnte allemal in der Nachbarschaft wohnen, ja, womöglich wäre man selbst zu solchem Zorn oder solcher mörderischen Verzweiflung fähig.

„Niemand, der bei Sinnen ist, wird mich eine erstklassige Autorin nennen“, wird Ruth Rendell zitiert, „das macht mir nichts aus, denn ich gebe mein Bestes, und Tausende, Millionen von Menschen erfreuen sich an meinen Büchern.“ Journalisten (sie war selbst eine, bis sie den Bericht über eine vermutlich sterbenslangweilige Rede „kalt“ schrieb und der Redner tot umfiel, was naturgemäß dann nicht in der Zeitung stand) beschreiben sie als einerseits zurückgezogen, andererseits, wenn sie denn an die Öffentlichkeit trat, als bissig und meinungsstark. So meinungsstark auch, dass sie denselben Mann, den Journalisten Don Rendell, zweimal heiratete. Sie war politisch – aufseiten von Labour – und wohltätig engagiert.

Vergangenes Jahr starb die zehn Jahre ältere, mit Rendell befreundete P. D. James (Erfinderin des dichtenden Feingeists Adam Dalgliesh). Mit dem Tod Ruth Rendells ist nun eine große, geradezu grundlegende britische Krimi-Epoche zu Ende gegangen.

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