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Krimi Es drückt auf Geister und Gemüter

Historisch noir: Zwei Kriminalromane aus der gar nicht guten alten Zeit von James Lee Burke und Katherine Webb.

50 Schattierungen von Grau

Gerade in Amerika wird gerne die „Greatness“ vergangener Tage beschworen, als Tradition und ein solides Gerüst an Werten die Gesellschaft zusammenhielten. Natürlich gab es diese Tage nie, dennoch wird man durchgeschüttelt, wenn James Lee Burke, Meister des historischen Noir-Romans, sie als Mythos entlarvt. In „Dunkler Sommer“ räumt er mit der Mär auf, die Fünfziger seien ein „goldenes Zeitalter“ gewesen. Das Buch spielt in Texas, und der 17-jährige Aaron versucht, in der „darwinistischen Welt der Highschool-Kultur“ zu bestehen, in welcher sich freilich nur Rassismus und soziale Ungleichheit der Gesellschaft widerspiegeln.

Als er dem Sohn des lokalen Ölbarons die Freundin ausspannt, eine „jewish princess“, gerät er in die Schusslinien verfeindeter Familien, gewalttätiger Jugendgangs, von Polizei und Mafia. Ein Albtraum nimmt seinen Lauf, Herzen, auch Leben gehen verloren; Schwüle und der in fünfzig Grau-Schattierungen dräuende Himmel drücken auf Geister und Gemüter. Und diejenigen, die die Größe der Nation am lautesten beschreien, sind die, die sie verraten. „Eines Tages werden die Menschen erkennen, dass Sie all das verachten und entehren, was ihnen lieb und heilig ist“, sagt Aarons Vater zum örtlichen Polizeichef. Es klingt, als säße der Adressat woanders, im Heute.

Dunkel und Dünkel

In England gilt die Edwardianische Epoche als „gilded age“, und die Sehnsucht nach der „alten Ordnung“, weltpolitisch wie in der Gesellschaft, ist ungebrochen: ein „Downton Abbey“-Britannien, in dem jeder wusste, wo sein Platz ist. In dieses Idyll taucht einen auch Katherine Webb – in ein Dorf in den Cotswolds um 1922, in dem ein nobler Gutsherr für Wohl und Arbeit sorgt. Doch die Kitsch-Szenerie hat etwas latent Bedrohliches, driftet ab in David-Lynch-artiges Grauen, dann liegt der Gutsherr mit gespaltenem Schädel da, und die scheinbar harmonische Dorfgemeinschaft entpuppt sich als Trugbild: Freundschaften, Ehen, Identitäten zerbrechen; alte Rechnungen werden beglichen, dunkle Geheimnisse ans Licht gebracht.

Durch diesen Horror aus Dünkel und Depression kämpfen sich zwei Frauen, die ohnehin schwer zu tragen haben: die eine sozial geächtet wegen einer Romanze mit einem verheirateten Mann, die andere ein nicht gesellschaftsfähiges Bauernmädchen und Schwester des Hauptverdächtigen, eines kriegstraumatisierten Jungen. Über Seiten und Seiten weiß man nicht, ob einem das Herz brechen oder gefrieren soll, ehe einen ein genialer Twist erlöst: aus maximaler emotionaler Erschöpfung – und aus einer Zeit, die zum Glück lang vorbei ist. 

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