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Krimi-Erstling Aber welche Hälfte ist wahr?

Harry Dolans raffinierter Krimi-Erstling „Böse Dinge geschehen“ bringt zwei scheinbar unvereinbare Dinge zusammen: eine aberwitzige Handlung, eine einfühlsame, nur zart karikierende Figurenzeichnung.

Kriminalroman-Knoten-Knüpfer Harry Dolan. Foto: Philip Dattilo

Der Mensch ist ein Geschichtenerzähler. Gern schmückt er aus, gern weicht er ein wenig von der Wahrheit ab. Das ist schon bei einer simplen Autopanne auf einsamer Straße so – „und dann guckte mir doch tatsächlich dieser Hirsch über die Schulter“ –, wie viel mehr erst bei Mord.

Der amerikanische Autor Harry Dolan hat diese kleine menschliche Schwäche jetzt in seinem Romanerstling aufs Schönste genutzt: Eine Handvoll Kriminalromanautoren und Lektoren der Krimizeitschrift „Gray Streets“ ist in den Mord (bald: die Morde) verwickelt. Und alle erzählen sie sich und der Polizei die tollsten Geschichten. Meist sind diese halb wahr, halb gelogen. Aber welche Hälfte ist die wahre?

Krimiautoren, die gemeuchelt werden oder selbst meucheln, das ist kein neuer Einfall. Aber so, wie Harry Dolan das Motiv abwandelt, hat man es noch nicht gelesen. Er stellt der Polizei einen auf eigene Faust ermittelnden Laien zur Seite, den Lektor David Loogan, der seinerseits eine ziemlich undurchsichtige Figur ist. Jedenfalls kauft er gleich auf der ersten Seite des Romans einen Spaten, um eine Leiche begraben zu helfen. Und David Loogan heißt er auch nicht. Doch wird er wiederum von seinem Chef Tom Kristoll belogen, dem „Gray Streets“-Verleger, unter Umständen Mörder – bald jedenfalls Mordopfer.

So zaubert Harry Dolan Kaninchen um Kaninchen aus dem Hut, seine Handlung hält mehr Überraschungen bereit, als man es für möglich gehalten hätte. Und trotzdem: die Figuren sind bis fast zuletzt lebensecht. Erst dann muss Dolan übertreiben, um einen Schurken zu präsentieren. Sein Roman müsste nicht nur den Preis für den coolsten Krimititel der Saison erhalten – „Bad Things Happen“, „Böse Dinge geschehen“ –, er bringt zwei scheinbar unvereinbare Dinge zusammen: eine aberwitzige Handlung, eine einfühlsame, nur zart karikierende Figurenzeichnung. Man erwartet eine Parodie und bekommt eine dunkle Geschichte. Pardon: viele dunkle Geschichten.

Harry Dolan: Böse Dinge geschehen. Aus dem Engl. von Martin Ruben Becker. dtv 2010, 416 Seiten, 14,90 Euro.

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