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Krimi Er ist doch nicht abergläubisch

„Der Privatsekretär“, ein raffinierter politischer Thriller von Claudia Piñeiro.

Buenos Aires
Das (Hoch-)Häusermeer von Buenos Aires. Foto: afp

Claudia Piñeiros „Der Privatsekretär“ ist ein politischer Thriller, der zwar in Argentinien spielt, aber beileibe nicht nur von argentinischen politischen Verhältnissen erzählt. Wie sich da ein Politiker, hier heißt er Fernando Rovira, eine Clique williger und im Dienste ihres Herrn auch mal flexibler Unterstützer heranzieht, das könnte auch an vielen anderen Orten spielen. Ein Mann fürs Grobe, ganz Grobe ist dabei. Er ist flexibel bis zum Mord. Ein Mann für die PR ist dabei, er versteht sich auf Schadensbegrenzung und Voraussicht: Wenn der Kandidat dies tut, dann wird das Volk vermutlich fogendermaßen darauf reagieren. Und sowieso lässt sich fast jeder Imageschaden abwenden, wenn man nur entschlossen genug heuchelt, lügt, Märchen online stellt. Oder, wie sich anderswo zeigt, twittert.

Claudia Piñeiro erzählt vom Zynismus der Mächtigen und von ihrer moralischen Biegsamkeit, wenn es um die Karriere geht. Sie tut das mit Schärfe, Ironie, einem Schuss Bitterkeit. Da ist die Schriftstellerin auch Bürgerin eines Landes, dessen Politikern sie kaum noch zu trauen scheint.

Román Sabaté, Privatsekretär Fernando Riveras, hat sich just mit dessen Sohn Joaquín davongemacht. Damit beginnt der Roman, dass sie am Bahnhof sind, der junge Mann und der kleine Junge, dann schon unterwegs zu Adolfo, Románs Onkel mit kämpferischer sozialistischer Vergangenheit. Die Sache ist gefährlich. Nicht, dass Rivera viel an seinem Sohn liegt, aber er wird sich den „Verrat“ seines Sekretärs nicht bieten lassen. Dann beginnt ein Rückblick, Román erzählt selbst, wie er von Rivera quasi gecastet wurde. Von ihm immer mehr vereinnahmt.

Onkel Adolfo kommentiert gleichsam aus dem Off: „Immer gewinnen die Bösen.“ Und die Journalistin China notiert sich für ihr Buch, das von einem mysteriösen, nur Politiker betreffenden Fluch handeln soll: „An verdorbenen Charakteren herrscht in jedem Fall in unserer Geschichte kein Mangel“.

Der Fluch soll darin bestehen, „dass es noch niemand geschafft hatte, argentinischer Präsident zu werden, wenn er davor das Amt des Gouverneurs der Provinz Buenos Aires bekleidet hatte“. Rivera ist selbstverständlich nicht abergläubisch (sagt er); aber könnte es nicht sein (überlegt China), dass er die Teilung der Provinz propagiert – ungeteilt ist sie angeblich zu riesig und damit unregierbar –, um so dem Fluch zu entgehen? Denn allemal strebt er nach dem größten, dem Präsidentenamt.

Diese Geschichte mag ein wenig exotisch wirken, aber Claudia Pineiro packt sie hauptsächlich in die immer wieder dazwischen geschobene Notizen der Journalistin, die nichts weniger als nüchtern und gründlich sind. China lässt sich kein X für ein U vormachen, keine Provinzteilung für einen Plan im Dienste des Landes und der Menschen. Und ist außerdem so ein Fluch nicht eine prima Ausrede, da wir ihm „die Verantwortung für all unser Übel zuschieben können“?

Viel Action braucht Claudia Piñeiro nicht, so geschickt lässt sie die Leserin gerade so viel ahnen, dass diese stets das Schlimmste befürchtet. Immer kommt noch eine Ecke, um die man doch auch noch müsste gucken können, um die Wahrheit zu erfahren. Ein pfiffiges, originelles Buch, bei dem nur das etwas idyllisch-verschmitzt geratene Ende enttäuscht.

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