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Krimi Ein höchst seltsamer Mann

Graeme Macrae Burnets feiner, Simenon nachempfundener Kriminalroman „Das Verschwinden der Adèle Bedeau“.

Krimi
Einst auf dem französischen Land. Foto: afp

Der Schotte Graeme Macrae Burnet ist ein faszinierendes schreiberisches Chamäleon. Auf Deutsch erschien zuerst sein zweiter Roman, „Sein blutiges Projekt“, in dem er sich erfolgreich Gedanken und Sprache eines Bauernjungen am Ende des 19. Jahrhunderts anverwandelt. Drei Menschen soll Roderick getötet haben, und er gibt es auf der Stelle zu. Für seinen Verteidiger schreibt er in der Zelle auf (denn er kann immerhin schreiben und lesen), wie es dazu kam. Burnet weiß zudem die gestelzte Sprache eines Sachverständigen und die damaliger Zeitungsberichte überzeugend nachzuahmen. In diesen Tagen nun brachte der Europa Verlag auch „Das Verschwinden der Adèle Bedeau“ in Übersetzung heraus, angeblich der Roman eines Franzosen namens Raymond Brunet und lediglich ins Englische übersetzt von Graeme Macrae Burnet, der ein herrlich fingiertes „Nachwort des Übersetzers“ anfügte.

Zu diesem seinem Erstling von 2014 hat sich der schottische Schriftsteller wohl vor allem von Georges Simenon inspirieren lassen. Wie dieser spürt Macrae Burnet der Täter-Psyche nach. Einerseits ist „Das Verschwinden“ im Tempo gemächlich und im Ton ein wenig altmodisch, andererseits fesselt die Geschichte trotzdem dank ihrer Figurenzeichnung bis in feinste Nuancen: Hauptsächlich des Bankmanagers Manfred Baumann, aber auch des Polizisten Gorski.

Titelfigur Adèle spielt nur eine Nebenrolle. Seit einigen Monaten ist die 19-Jährige Kellnerin im Restaurant de la Cloche in der fiktiven elsässischen Kleinstadt Saint-Louis, als sie eines Tages nicht zur Arbeit kommt. Und am nächsten auch nicht. Man ist sich einig, die Polizei zu verständigen.

Manfred Baumann, Stammgast im Restaurant de la Cloche, hat am Abend vor ihrem Verschwinden auf dem Nachhauseweg ein paar Worte mit ihr gewechselt, sie dann zu einem jungen Mann auf den Roller steigen sehen. Dem Polizisten gegenüber lügt er von Anfang an – und kann es sich selbst nicht erklären. Gorski ahnt es: „Wenn jemand sagt, er wünschte, er könnte mir weiterhelfen, dann kann er das meiner Erfahrung nach meistens auch.“

Von Paul Simon gibt es aus Simon & Garfunkel-Zeiten den Song „A Most Peculiar Man“ über einen, der keine Freunde hat, wenig redet, nie ausgeht. Manfred Baumann, dessen Eltern früh ums Leben kommen, der bei seinen Großeltern aufwächst, ist ein solcher höchst seltsamer Mann. Zwar hat er es zum Leiter einer Bankfiliale gebracht, aber er ist einsam, linkisch, schüchtern, manchmal darum schroff und grausam. Regelmäßig geht er zu Chez Simone, bezahlt eine Prostituierte, zieht sich nie aus. Er ist zwanghaft reinlich. Er glaubt, dass alle es merken, wenn er von seinen Ritualen abweicht. Im La Cloche mittwochs etwas anderes bestellen, als er sonst immer mittwochs bestellt? Eine zusätzliche Karaffe Wein trinken? Er meint, er mache sich damit gewiss verdächtig. Aber verdächtig wegen was?

Aber ja, es gibt etwas in Manfred Baumanns Vergangenheit, ein dunkles Geheimnis. Nach einem Drittel des Romans bereits lässt Macrae Burnet den Leser wissen, was das ist. Aber hat der seltsame Herr Baumann auch etwas mit dem Verschwinden Adèle Bedeaus zu tun?

Dieser Krimi erzählt auch vom ganz normalen Kleinstadtleben aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die Männer sitzen abends in der Kneipe, trinken, spielen Karten, schimpfen auf Immigranten und Juden und erwähnen „ihre Frauen nur selten, und wenn, dann stets auf abwertende Art und Weise“. Die etwas mürrische Kellnerin Adèle ist angeblich wie ausgewechselt, wenn sie mit ihrem Freund nach Straßburg fährt. Die Frau des Polizisten Gorski setzt ihren Ehrgeiz in eine Modeboutique. Und hat lieber nichts mit den Eltern ihres Mannes zu tun, die doch nur eine Pfandleihe führten.

Am Ende wird Manfred Baumann, der Außenseiter, tun, was auch der „most peculiar man“ tut. Er wird sich nicht helfen können; und andere werden gar kein Interesse haben, ihm zu helfen.

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