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Krimi Die tiefere Dunkelheit

„Der Narr und seine Maschine“: Friedrich Ani lässt Tabor Süden noch einmal einen verlorenen Menschen finden.

Friedrich Ani
Krimiautor: Friedrich Ani. Foto: dpa

Dem Münchner Schriftsteller Friedrich Ani ist vor Jahren die Quadratur des Kreises gelungen, indem er nämlich Kriminalromane schrieb – und damit auch bekannt wurde –, in denen kein Mord begangen wird. Oder jedenfalls nur ausnahmsweise. Seine Ermittlerfigur Tabor Süden arbeitete in der Vermisstenstelle, er fand Menschen, die bisweilen durchaus gerne, bisweilen partout nicht wiedergefunden werden wollten. Dann startete er andere Reihen, ließ Tabor Süden irgendwann in eine Detektei wechseln, ließ ihn nach dem tragischen Tod eines Kollegen auch dort aufhören. Schrieb zwischendurch immer anderes.

Nun steht Süden zwar mit Reisetasche im Münchner Hauptbahnhof, möchte weg, irgendwohin, möchte nicht wiedergefunden, geradezu unsichtbar werden – aber dann lässt er sich von seiner Ex-Chefin überreden, doch noch mal nach jemandem zu suchen: Nach dem einst fast berühmten Schriftsteller Cornelius Hallig, alias Georg Ulrich. Der ist 64, aber, wie er selbst als erstes zugeben würde, älter aussehend, denn „Alkoholiker, schwerer Raucher“ und „ein Klappergestell ohne Reserven“. Jahrelang lebte er mit seiner Mutter in einem kleinen Hotel (vor einiger Zeit ist sie gestorben), sie konnten es sich leisten und es war zwar seltsam, aber auch bequem. Der Hotelbesitzer, die Angestellten wurden Freunde von Mutter und Sohn. Und so engagieren sie die Detektei, als Hallig eines Tages nicht zurückkommt.

Ani erzählt in „Der Narr und seine Maschine“ einmal mehr von einem Menschen, der mit dem Leben immer fremdelte, jetzt aber gar nicht mehr klarkommt. Der sich – seine Romane wurden erfolgreich verfilmt, das Interesse wäre also da gewesen – in der Öffentlichkeit nie blicken lassen wollte, so sehr man ihn drängte.

Und der jetzt endgültig abzutreten gedenkt, mit Hilfe einer Waffe, die in einem Kästchen seiner Mutter verwahrt war. Süden ahnt, nein, weiß nach der Durchsuchung seines Hotel-Zuhauses, was er plant: Hallig hat die Reinigungsbürste in der Holzschachtel vergessen.

Wie immer lässt es Tabor Süden behutsam und mit Fingerspitzengefühl angehen, und wenn es der Sache dient, setzt er sich auch Stunde um Stunde mit jemandem in eine Kneipe, um Fragen zu stellen, vor allem aber um zuzuhören bei einem und noch einem Bier. Auch Cornelius Hallig, der Schriftsteller und Alkoholiker, „trank in von der Sonne verachteten Stüberln“.

Dunkel ist es in den Romanen Friedrich Anis durchweg, und es ist eine andere, tiefere, bestürzendere Dunkelheit als die normaler Krimis, in denen nach Mördern gefahndet und die Ordnung am Ende meist wiederhergestellt ist. Denn der Grundton der Vermisstensuchen Tabor Südens ist die Verzweiflung von Menschen, die nicht mehr wissen, wohin mit sich in dieser Welt. Leidensmänner, Leidensfrauen. Die zwar still sind in ihrem Unbehagen an den Umständen, an ihrem ganzen Leben, die aber dennoch irgendwann die Konsequenzen ziehen. Gegen sich selbst.

Auch „Der Narr und seine Maschine“ porträtiert einen solchen Menschen, einen Einsiedler an seiner (Schreib-)Maschine (bzw. bis zum Tod der Mutter Zweisiedler), talentiert und mehr als nur in Maßen erfolgreich, doch sich von jung an zerstörend mit Zigaretten und Alkohol. Jetzt fault sein Bein und schmerzt, er „krümmte sich immer wieder, es sollte so aussehen, als setze er sich bloß bequemer hin“.

So gott- und weltverlassen sind die, über die Friedrich Ani in gemessenen, schlanken, berührenden Sätzen einen um den anderen Kriminalroman schreibt. Süßlichkeitsfrei. Ohne Happy End. Er macht nicht viele Worte, aber es sind immer die richtigen.

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