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Krimi Der Räuber und die Einbrecherin

Garry Dishers sechster Roman um die Ermittler Hal Challis und Pam Murphy bildet wieder die Fülle der Polizeiarbeit, aber auch der australischen Gesellschaft ab.

Wohnviertel
Ein Wohnviertel nahe Melbourne, in dem (Achtung, Grace!) bald die Profiteure eines australischen Silicon Valley wohnen könnten. Foto: rtr

Seit zwei Monaten gibt es einen „Sprühdosenrächer“ auf der Mornington-Halbinsel. Auf protzige Einfahrtstore zu protzigen Anwesen sprüht er „Hier wohnt ein Proll mit Geld“ oder „Geschmack lässt sich nicht kaufen“ oder „Penisprothese“. Detective Constable Pam Murphy findet, die Polizei sollte nicht ihre Zeit verschwenden, indem sie nach dem Verursacher der Graffiti sucht. Der zuständige Abgeordnete ist da anderer Meinung, denn es trifft Menschen mit Geld und Einfluss, die genau wissen, wie man einen Politiker unter Druck setzt. Pam Murphy steht also vor „Penisprothese“ und wünscht sich, Wichtigeres wäre zu tun. Aber sie wünscht sich nicht, dass eine nackte junge Frau aus dem Busch stolpert, die vergewaltigt wurde. Und die auch noch angibt, der Vergewaltiger habe Uniform getragen.

Der australische Schriftsteller Garry Disher hat einen sechsten Roman um die Ermittler Hal Challis und Pam Murphy geschrieben. Und wieder einmal verbindet er sorgfältig diverse Handlungsstränge, zeigt die Polizei als mit ärgerlichen Kleinigkeiten wie auch mit schrecklichen Taten beschäftigt. Disher blättert die Welt in all ihrer Komplexität auf – besonders natürlich die Welt eines (australischen) Polizisten. Und wenn er am Ende einige Fäden zusammenführt, so wirkt das nicht gegen Möglich- und Wahrscheinlichkeiten erzwungen.

Disher ist auch der Erfinder des eiskalten Diebes und Räubers Wyatt, über den es eine eigene Romanreihe gibt. In „Leiser Tod“ („Whispering Death“, 2011) dreht sich nun ein Handlungsstrang um eine professionelle, unterschiedliche Identitäten annehmende Einbrecherin – „Grace taugte als Name so gut wie jeder andere“ –, die zwar gelernt hat, jede Eventualität zu bedenken, die aber seit langem auch auf der Flucht ist vor ihrem Lehrmeister, der noch die eine oder andere Rechnung mit ihr offen hat. Grace, oder wie immer sie sich gerade nennt, spioniert ebensolche Anwesen aus, wie sie der Sprayer ver(un)ziert. Keine verwertbare Spur bleibt von ihr, wenn sie dann zugeschlagen hat – außer Schuhabdrücke in Größe 41. Sie hat kleinere Füße, aber es ist ja kein Nachteil, wenn die Polizei denkt, es müsse sich bei dem Einbrecher wohl um einen Mann handeln.

„Grace“ also läuft (als Joggerin getarnt) oder schlendert (als käme sie vom Sport) durch stille Straßen. In der Nähe beginnt die Suche der Polizei nach Zeugen der Entführung der jungen Frau, die glaubte, wegen irgendetwas an ihrem Auto angehalten zu werden. Und es trifft der Hinweis ein, dass ein Bankräuber sich möglicherweise in Richtung dieses Polizeibezirks bewegt. Beamte halten Bankfilialen zu besonderer Wachsamkeit an. Garry Disher lässt später den Räuber mit der Einbrecherin zusammentreffen – dabei wird keineswegs der Bewaffnete Sieger sein.

Dass diese Konfrontation nicht als zu konstruiert erscheint, liegt vor allem daran, dass Disher seine Romane scheinbar disparat nach hier und da abschweifen lässt, vor allem ins Privatleben der Detectives. Pam Murphy hat diesmal eine aufregende, aber kurze Affäre mit einer energischen jungen Kollegin vom Dezernat für Sexualverbrechen. Hal Challis vermisst Ellen Destry, die auf Weiterbildung in London ist. Deren Teenager-Tochter mag den Neuen ihrer Mutter immer noch nicht. Aber als sie und Freunde Ärger haben mit Drogendealern, kommt Challis doch ganz gelegen. Der möchte außerdem das alte Flugzeug loswerden, an dem er seit fünf Romanen bastelt. Und sein altes, nicht mehr zuverlässiges Auto.

„Leiser Tod“ ist nicht Garry Dishers stärkster Roman. Die Vielfalt der Personen und Ereignisse geht dann doch zu Lasten der atmosphärischen Dichte, die zuletzt in „Bitter Wash Road“, einem sogenannten stand-alone, überwältigend war. Trotzdem ist Verlass auf Dishers klaren, klischeefreien Stil (präzise übersetzt von Peter Torberg), auf seine Fähigkeit, mit wenigen Sätzen Schauplätze und Figuren zu charakterisieren. Und es hat seinen Reiz, an der Hand einer Einbrecherin durch Wohnstraßen zu gehen und in dunkle Häuser zu schleichen. Man kann was lernen dabei, auch wenn man es eher nicht anwenden wird.

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