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Krimi Als gäbe es keine Abhänge

Matthias Wittekindts neuer Ohayon-Krimi „Die Tankstelle von Courcelles“ dreht sich um eine komplexe Jugendclique.

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In den Vogesen. Foto: SEBASTIEN BOZON (AFP)

Wer bereits einen der drei anderen, in den Vogesen spielenden Kriminalromane Matthias Wittekindts gelesen hat, der wird erstaunt sein, dass Ermittler Ohayon in „Die Tankstelle von Courcelles“ als blutjunger, spindeldürrer Gendarm auftaucht. Strähnige Haare fallen ihm bis auf die Schultern – so dass er sich irgendwann doch fragt, ob das legere Auftreten ihn nicht polizeiliche Autorität kostet. Allerdings erinnert sich die Rezensentin nicht mehr, wie er später seine Haare trägt. Aber es wird am Ende des Romans, die Jahre sind vergangen, er hat zugenommen, sein extrem uncooler roter Blouson erwähnt.

Ohayon also arbeitet mit nicht einmal Mitte zwanzig in Courcelles, wo es Ende der 70er Jahre (noch) eine Gendarmerie, eine Großschlachterei (einmal kippt ein Schweinetransporter, Tiere rennen verwirrt über die Straße oder in den Wald) und eine Tankstelle gibt. Außerdem an der Schule einen neuen Lehrer, der zu rebellischem Denken anregt. So dass der superkluge Philippe, Sohn des Försters, vom verachteten Streber zum Anführer einer Clique wird, die plötzlich Gefallen findet am Diskutieren und Aus-der-Rolle-fallen. Sogar der Klassenclown wird einer von Philippes Debatten-Freunden – seit wann interessiert der sich denn für Politik? Und die schöne Claire und die reiche Anne haben kurz was mit dem Jungen. Der ist aber vielleicht die ganze Zeit schon in Lou verliebt, die Zähe, Draufgängerische, Trotzige. Die als Kind auf ihrem klapprigen Fahrrad um und durch Courcelles raste, als gäbe es keine Abhänge. Die nun mit einer alten Waffe von Philippes Vater viel besser schießt als die Jungs.

Matthias Wittekindt, ein Meister der Zwischentöne, zeichnet hier in aller Ruhe, mit stilistischer und psychologischer Finesse die verschiedenen Typen in dieser komplexen Jugendclique und die Liebe-und-Hass-Dynamik unter ihnen. Das eigentliche Krimigeschehen rückt lange in den Hintergrund. Es passiert schließlich, als die Freunde fast erwachsen sind, als Lou an der Tankstelle ihres Schwiegervaters jobbt und eines späten Abends dort zwei Menschen, zwei Nordafrikaner, erschossen werden. Ohayon, der Geduldige, kann den Jugendlichen entlocken, dass ihnen Philippe bisweilen unheimlich war wegen extremer, auch rassistischer Aussagen. Und weil sie nie wussten, ob er es womöglich ernst meinte. Aber dann wird er tot aufgefunden und scheint Selbstmord begangen zu haben. Aber dann geben die Jugendlichen an, von einem Motorradfahrer beobachtet zu werden, wie er an dem Abend ebenfalls an der Tankstelle war.

Schon der junge Ohayon ist einer, der richtig fragen, schauen und zuhören kann. Beobachten und lauschen ist wohl auch Wittekindts bewährte Technik, polizeiliche Abläufe dagegen sind in seinen Krimis nichts, was ausführlich dargestellt wird. Er ist ein Pointillist der Gefühle und Seelenzustände. Klischees weicht er aus, Leerstellen lässt er reichlich zu. Als Leser muss man es ertragen, dass am Ende so manche Frage offen bleibt.

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