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Krim-Tagebuch Zwischen Raum und Zeit

Der taktvolle Hund, der verzweifelte Taxifahrer und die Geschichte, die immer wieder von anderen Geschichten überschrieben wurde.

Jalta
Das blaue Schwarze Meer als dominanter Reisebegleiter, hier mit Schloss Schwalbennest in der Nähe von Jalta. Foto: rtr

Was aber vielleicht zu sagen ist, Woloschin hat in Zeiten des blutigen Bürgerkriegs keine Partei ergriffen und, wenn Menschen Hilfe brauchten, allen geholfen, sowohl den „Roten“ als auch den „Weißen“, hat seine Neutralität bewahrt. Vielleicht sollte man heute öfter daran denken.


3. Oktober (…) Nach der offenen Perspektive des Meers, nach den weisen und feierlichen Gebäuden des repräsentativen Sewastopol fahren wir zu den Ausgrabungen der antiken Stadt Chersones. Jan beginnt seine Führung mit den Taurern. Was hier klar wird – diesen Ort, die Krim, wollten alle besitzen. Völker, Reiche, Königtümer, Religionen, Sprachen lösten einander ab. Ich weiß nicht, ob es irgendwo so viele historische Schichten gibt wie auf der Krim. Vielleicht ist das kein Palimpsest, sondern eine Schultafel, auf der der Lehrmeister Geschichte für jede Generation etwas aufschreibt, in der Hoffnung, dass endlich ein Jahrgang kommt, der etwas versteht; dann seufzt er, wischt die Kreide ab und trägt seine dunklen Schriften aufs Neue auf. Wir laufen zwischen den Ausgrabungen, die zu dem Kundigen sprechen, aber wahrscheinlich nicht so deutlich, wie die Kundigen es gerne glauben machen. Jan (der Reiseführer auf dieser Tour, d. Red.) relativiert alles, erzählt, was über was vermutet wird, sagt gleich, dass es aber eine andere Meinung gibt, was die Scherben hier oder die Hausfundamente da bedeuten. Die berühmten Postkartensäulen von Chersones, die hübsch ordentlich stehen, als wären sie die Ruinen eines Tempels, sind von allen Winkeln dieser Ausgrabungen zu einem Platz gebracht und malerisch aufgestellt worden.

Nichts kann einander weniger ähneln als Jan Schapiro und die Stadt, in der er lebt. Er ist das Gegenteil von diesem offiziellen Sewastopol. Er ist in der Ostukraine geboren, lebt aber seit seiner Jugendzeit hier. Seine Frau Simha kommt aus Odessa. Die Verbindungen zur Ukraine sind eng; sie erwägen, vielleicht nach Odessa zu ziehen. Jan vermeidet konsequent alles Politische; er hat Verständnis für alle; auf beiden Seiten gibt es vieles, was man nicht begrüßen kann; auf beiden Seiten gibt es eine eigene Wahrheit. Er bleibt bei seinen Interessen; ihn interessiert das Leben der jüdischen Gemeinden, hier und in der Ukraine. Seine Tochter besucht eine jüdische Schule, die aber nur neun Klassen hat. Einer der Grunde, warum die Familie den Umzug nach Odessa in Erwägung zieht. Als ich etwas frage, worüber ich in den Nachrichten gelesen habe, fragt er „Sie lesen Nachrichten?“ mit einer so natürlichen Verwunderung, dass ich mich schäme.
Jan lebt mit seiner Familie in einem Haus in einem weniger auf äußere Pracht ausgerichteten Teil der Stadt, der näher zu Chersones ist als zur feierlichen Uferstraße. Im kleinen Garten wachsen viele herrliche Pflanzen nah beieinander: drei Feigen, die eine gibt zwei Ernten im Jahr, die andere eine, die dritte ist noch zu klein; Johannisbeeren; Stachelbeeren; eine kleine Stechpalme; Bambus. Im Haus leben ein Terrier und zwei Katzen. Simha, Jans Frau, ist noch nicht da. Die zwölfjährige Tochter Sonja beginnt gleich, den Tisch für uns zu decken, erzählt von ihrer Schule, passt auf das Geschirr auf, damit das Fleischgeschirr und das Milchgeschirr nicht durcheinandergebracht werden. Dann kommt auch Simha. Zum Tee gibt es von Jan gemachte Marmelade aus Beeren vom Garten. Die Gastfreundschaft und Ruhe sind genau das, was nach der Aufregung, die diese vielseitige Stadt auslost, guttut. Schade, dass unsere Zeit, wie immer hier, so knapp ist.

4. Oktober Heute ist der letzte Tag. Das Geräusch des Meeres war zwar genauso tobend wie jede Nacht, das Meer selbst ist aber ruhig, und die Luft ist warm. Die Badeverbotsschilder sind entfernt worden. Ich betrachte meinen Badeanzug im Koffer und gehe zur Post, um die Ansichtskarten abzuschicken.
Menschen essen Eis. Manche schwimmen. Vor der Post steht eine mittelgroße Menge und wartet.
– Wann öffnet die Post?, frage ich eine wartende Dame mit Panama.
– Um acht.
Ich schaue auf die Uhr: halb neun.
– Es gibt kein Licht. Sie warten dort auf den Strom.
Ich gehe zurück. Der letzte Spaziergang auf der Uferpromenade.

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